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Etwa 400 Untereseekabel sind die Basis der Informationsgesellschaft.

    Wie Unterseekabel das Internet am Laufen halten

    Sie sind kaum dicker als ein Gartenschlauch und trotzdem geht ohne sie kaum etwas: Unterseekabel verbinden Kontinente und transportieren jeden Tag gewaltige Mengen an Daten. Doch die Leitungen sind auch von geostrategischem Interesse.

    Von
    Christian SchifferChristian Schiffer

    "Das ist so ein Tag, von dem man sich wünscht, er wäre nie passiert", erzählt die Journalistin Mary Lyn Fonua, die für Matangi Online arbeitet, der wichtigste Newsseite auf Tonga, einer Inselgruppe im Südpazifik von der Größe Hamburgs. Etwa 100.000 Menschen leben auf Tonga – und die stehen am 20. Januar 2019 ab etwa halb neun Abends vor einem Problem: Es gibt kein Internet mehr. Gar kein Internet. Nichts. Es ist einfach weg. Keine Seite öffnet sich, keine Mail kommt an, kein einziges Bit bewegt sich.

    "Keine Downloads, keine Uploads. Alles tot."

    "Übersee-Telefonate waren nicht mehr möglich, wir konnten keine Emails mehr schreiben, kein Geld überweisen und auch kein Online-Banking benutzen. Die Airport-Terminals waren offline, niemand konnte mehr Flugtickets buchen oder im Internetsurfen surfen. Wir konnten nicht mehr chatten und bekamen auch keine Wetterwarnungen mehr, was bei uns hier im Südpazifik ein echtes Problem ist. Wir konnten nicht mehr googlen, wir konnten keine Daten mehr hin und herschieben und kein Netflix schauen. Hotelbuchungen, Flugbuchungen, alles war weg, keine Downloads, keine Uploads. Alles tot", erzählt Mary Lyn Fonua.

    Internet? Mangelware.

    Und so müssen die Menschen auf Tonga zwei Wochen ohne Internet klarkommen, oder genauer: Mit ein paar Krümeln Internet. Es wird um jedes Bit gestritten. Mit ein wenig Gefrickel kann man zwar eine Satellitenverbindungen aufbauen, aber das bisschen Bandbreite ist für die politische und wirtschaftliche Elite des Landes reserviert.

    Für Otto-Normal-Tongaer werden Zelte errichtet, vor denen sich Schlangen bilden und in denen jeder zwanzig Minuten am Tag ins Netz darf, um die allerwichtigsten Dinge zu erledigen: Geld überweisen, mit den Lieben chatten und sich informieren, wie lange das sehnlich erwartete Internet-Reparatur-Schiff eigentlich noch bis in den Südpazifik braucht. Denn Schuld daran, dass Tonga ins digitale Nirvana stürzt, ist ein Öltanker, der beim Ankersetzen versehentlich das einzige Kabel, das Tonga mit dem Rest der Welt verbindet, zu Spagetti verarbeitet.

    Revolutionäre Technologie

    So ist das eben: Dass das Internet auf Kabeln basiert, fällt meist erst dann auf, wenn die Kabel nicht mehr so funktionieren, wie sie sollen. Dabei ist die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in diesem Feld atemberaubend und verdient eigentlich mehr Aufmerksamkeit. "Ohne diese Glasfaser-Infrastruktur, die sich mehr oder weniger unbemerkt von der Öffentlichkeit revolutionär fortentwickelt hat, gäbe es kein Internet. Da gäbe es immer noch Telefonzellen und da stünde 'fasse dich kurz' drauf", sagt Norbert Hanik, der an der TU München die Professur für Leitungsgebundene Übertragungstechnik leitet.

    Es gibt viel Aufmerksamkeit für neue Mobilfunkgenerationen, wie etwa 5G oder 6G. Aber die Datenraten, die hier erreicht werden, sind im Vergleich zu dem, was durch Glasfaser-Kabel gepumpt wird, fast schon rührend gering. Glasfaserleitungen sind deswegen auch das Rückgrat des Netzes. Elektronische Daten werden dabei zunächst durch Laser in Lichtblitze umgewandelt. Milliarden solcher Lichtblitze rasen jede Sekunde durch die Glasfaser und übertragen die Nullen und Einsen, aus denen dann irgendwann wieder E-Mails werden, Tanzvideos oder Essens-Bilder, die auf Instagram gepostet werden.

    Kann man das Internet sabotieren?

    Auch in den Unterseeleitungen liegen Glasfasern. 400 davon gibt es mittlerweile und die sind räumlich verteilt. Manche Kabel zwischen den USA und Europa verlaufen beispielsweise quer über den Atlantik, andere machen einen Umweg über den Norden und verbinden auch gleich Island und Grönland mit schnellem Glasfaser-Internet.

    Wenn das eine Kabel etwa wegen eines Erdbebens ausfällt, dann nehmen die Daten einfach einen anderen Weg. In der Regel bekommen wir als Otto-Normal-Nutzer solche Störungen dann gar nicht mit. Anders könnte es aber aussehen, wenn Unterseekabel gezielt sabotiert werden.

    "Wenn jemand alle Unterseekabel kappt, dann wäre das eine Katastrophe. Man könnte eine Nation komplett isolieren", sagt Norbert Hanik. Die Gefahr, dass so etwas passiert, schätzt er aber als relativ gering ein: "Da gehört viel Know-how dazu und eine wahnsinnige kriminelle Energie dazu. Das passiert nicht einfach so." Immer wieder hört man, das Internet sei ursprünglich mal erfunden worden, um einem Atomkrieg standzuhalten. Das ist ein Mythos. Trotzdem ist klar: So einfach ausknipsen lässt es sich nicht.

    US-Regierung legte Veto bei Pazifik-Kabel ein

    Schon heute provozieren geostrategische Konflikte die physische Basis des Internets, vor allem, wenn es um die Routen von Unterseekabeln geht und insbesondere bei der Frage, wie diese eigentlich aus dem Meer wieder herauskommen. Ein Beispiel: Zusammen mit einer chinesischen Holding haben Facebook und Google ein Unterseekabel verlegt. Das Pacific Light Cable Network soll Hongkong direkt mit den USA verbinden, doch die US-Regierung stoppt 2020 das Vorhaben.

    Die Sorge: Die Daten von US-Bürgern könnten abgegriffen werden, schließlich ist Hong Kong zwar eine Sonderwirtschaftszone, aber auch Territorium der Volksrepublik China. Die chinesische Regierung könnte den chinesischen Partner der beiden US-Konzerne dazu zwingen, sensible Informationen weiterzugeben.

    Elon Musks-Satelliten-Internet als Alternative

    Die Bedeutung von Unterseekabeln nimmt unterdessen ständig zu. Zurzeit verdoppelt sich alle paar Jahre die Datenrate, die über Unterseekabel verschickt wird. Die Leistungsfähigkeit der Kabel ist eigentlich ständig ausgereizt, sodass immer mehr von ihnen benötigt werden. Zugleich schickt beispielsweise Space X, das Unternehmen von Tesla-Chef Elon Musk, tausende Satelliten ins Weltall, um Satelliten-Internet in die entlegensten Winkel der Erde zu tragen.

    Das Projekt wird immer wieder kritisiert. Fachleute befürchten, dass der Weltraumschrott, der bereits heute ein großes Problem ist, durch die Menge an Satelliten noch zunehmen könnte. Ein Ersatz für Glasfaser-Leitungen können Satelliten ohnehin nicht sein. Glasfaserkabel spielen, was die Übertragungsleistung angeht, in einer völlig anderen Liga.

    In Tonga allerdings könnte Satelliteninternet eine sinnvolle Alternative sein, vor allem dann, wenn wieder einmal das einzige Unterseekabel von einem Schiffsanker zerstört wird und die kleine Insel im Südpazifik plötzlich abgeschnitten ist vom Rest der Welt.

    Mehr über Unterseekabel hören sie in der aktuellen Folge des BR24-Podast Umbruch. Zu finden in der ARD-Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt.

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