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Wie Menschenansammlungen beim Einkaufen meiden? App soll helfen | BR24

© Tobias Schießl/BR

Ist beim Supermarkt um die Ecke gerade viel los? Die App "crowdless" kann Auskunft dazu geben.

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    Wie Menschenansammlungen beim Einkaufen meiden? App soll helfen

    Schluss mit Gedrängel in engen Gängen: Eine neue App britischer Entwickler soll dabei helfen, Zeitfenster für den Einkauf zu finden, wann weniger los ist. Damit könnte sie Social Distancing erleichtern. Wie gut funktioniert das?

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    Wenn man Stoßzeiten beim Einkaufen umgehen und sich die Zeiten oder Geschäfte aussuchen könnte, wo gerade besonders wenig los ist, dann wäre das an sich eine feine Sache. Und es könnte vielleicht dazu beitragen, dass Social Distancing in Zeiten von Corona leichter eingehalten werden kann, denn gerade in Geschäften begegnen sich Menschen auf engem Raum.

    Nur wer kann sich schon auf die eigenen Erfahrungswerte verlassen, wenn zahlreiche Menschen im Homeoffice arbeiten und in Supermärkten zu anderen Zeiten als üblich einkaufen? Die App "Crowdless" der britischen Entwicklerfirma Lanterne ist in solchen Fällen ein möglicher Helfer.

    Ampelsystem zur Orientierung

    So funktioniert die App: Auf einer Karte werden Lebensmittelgeschäfte in der Umgebung mit einem Ampelsystem gekennzeichnet, also anzeigt, ob sich die Kunden dort gerade vielleicht drängen könnten oder man alleine durch die Gänge spazieren darf. Als Kunde kann ich Feedback geben, ob das dann auch so gestimmt hat. Dazu fragt die App, ob man die gleiche Ampelfarbe (grün, gelb, rot) vergeben würde oder eine andere. Von der Idee bis zur Umsetzung der App, das sei recht schnell gegangen, sagt Laterne-Mitgründer Sebastian Müller:

    "Uns war klar, dass wenn wir das machen wollen, dass wir das schnell machen wollen. Weil es eben jetzt relevant ist und besonders jetzt den Leuten helfen kann. Wir haben schnell ein paar Prototypen entwickelt und getestet wie das funktioniert – und das war ganz vielversprechend." Sebastian Müller, crowdless-Entwickler

    Innerhalb von vier Wochen war die App dann in den großen Stores von Google und Apple verfügbar. Mittlerweile hat sie laut Müller rund 42.000 Nutzer verteilt auf unterschiedliche Länder, davon die meisten in Großbritannien, aber auch über 10.000 Nutzer in Deutschland.

    App im Praxistest

    Wir machen einen kurzen - subjektiven - Praxistest. Die App zeigt mehrere Lebensmittelgeschäfte in der Umgebung an. Wir wählen zwei davon aus: einen Discounter, grüne Markierung – hier sollte also nichts los sein – und einen großen Supermarkt, gelbe Markierung.

    Vor Ort ist der Discounter allerdings gar nicht so leer wie erwartet, Kunden drängen sich im Obst- und Gemüsebereich. Spätestens an der Kasse wird klar: Hier wäre der Hinweis, dass der Markt zumindest normal ausgelastet ist, korrekt gewesen. Die Schlangen an den Kassen sind eher lang, eine Kundin schimpft, dass doch mehr Kassen aufgemacht werden sollten. Beim Verlassen des Discounters geben wir selbst in der App an, dass die Auslastung hier nicht "grün" und damit niedrig ist, sondern tippen auf die Farbe Gelb. Damit geben wir Feedback, dass die Auslastung also eher mittelhoch ist. Überraschenderweise verändert sich damit die für alle Appnutzer sichtbare Gesamtbewertung dieses Discounters von grün sofort auf gelb.

    Welche Daten werden verwendet?

    Scheinbar haben die Nutzerangaben hohen Einfluss auf die Bewertung des Kundenaufkommens. Welche Daten werden also verwendet und wie werden diese gewichtet? App-Entwickler Sebastian Müller erklärt, dass vor allem die allgemein zugänglichen, anonymisierten und aggregierten Daten von Drittanbietern die Grundlage bilden. Etwa von verschiedenen Online-Kartendiensten, allen voran Google Maps. Auch dort sind für Nutzer schon länger Informationen zu Öffnungszeiten, Auslastung und Stoßzeiten zu finden. Dazu kommen Daten aus Suchanfragen oder Verkehrsdaten.

    Die App analysiert diese frei zugänglichen Daten unter Berücksichtigung der Datenschutz-Standards. Darüber hinaus kommt die freiwillige Angabe von eigenen Standort-Daten der Nutzer und das freiwillige Feedback dazu – wie wir es beim Verlassen des Discounters gegeben haben.

    Abweichungen in der Bewertung

    Vom Discounter gehen wir zum deutlich größeren Supermarkt, dort soll laut App gerade auch wesentlich mehr los sein – gelbe Markierung. Vor Ort sind allerdings noch relativ viele Einkaufswägen verfügbar, ein Indiz, dass vielleicht doch nicht so viel los ist. Und im Markt ist es im Vergleich zu den letzten Besuchen hier eher luftig leer. Lediglich an der Frischetheke sorgt eine unschlüssige Kundin für eine kleine Schlange, denn sie hadert welches Fleisch sie für ihr Rezept möchte.

    Auch hier spielen wir nach dem Bezahlen also Korrektiv und tippen in der App, unter Feedback für diesen Markt, auf die grüne Ampelfarbe - niedrige Auslastung also. Diesmal bleibt die Gesamtbewertung aber bei "gelb" stehen, was mittleres Kundenaufkommen bedeutet.

    © Tobias Schießl/BR

    Auch Nutzer können Einfluss auf die Ampel-Bewertung geben, indem sie selbst eine Ampel-Farbe zur Beurteilung antippen.

    Nutzerfeedback hat Gewicht

    Offenbar hat unsere Bewertung zwar deutlichen Einfluss, aber keinen überproportionalen. crowdless-Entwickler Müller erklärt auf Nachfrage:

    "Wir gewichten die Daten der Nutzer höher." Sebastian Müller, crowdless-Entwickler."

    Allerdings hänge dies von unterschiedlichen Faktoren ab, wie etwa der Aktualität und Anzahl der Nutzerbewertung. Auch in Sachen Fehleranfälligkeit und Falschangaben setzt crowdless auf die Nutzer, auf "wisdom of the crowd". Falschangaben sollen so durch andere Nutzer ausnivelliert werden. Und sollten sich Geschäftsinhaber dennoch falsch dargestellt fühlen, können auch sie das an die App-Entwickler melden – das soll bald auch mit einer eigenen Funktion direkt in der App gehen.

    Luft nach oben

    Platz für Optimierung ist jedenfalls noch ausreichend da, auch wenn sie, grob betrachtet, derzeit zumindest eine Orientierungshilfe sein kann und andere Nutzer auch von Erfahrungen mit präziseren Einschätzungen berichten. Sollte die App zukünftig vielleicht auf noch mehr Nutzerfeedback durch höhere Nutzerzahlen zurückgreifen können, wird das Ampelsystem wohl auch noch zuverlässiger.

    Kommen bald weitere Bereiche dazu?

    Für Großbritannien laufen derzeit auch Gespräche zwischen den crowdless-Entwicklern und Sensor-Anbietern, die Geschäften ermöglichen, ihre eigenen Kundenströme zu analysieren – diese Daten könnten auch der App am Ende helfen.

    "Wir haben mit den Supermärkten angefangen, weil das sind die essenziellen Geschäfte. Da muss jeder hin während der Corona-Krise." Sebastian Müller, crowdless-Entwickler

    Bei unseren Testeinkäufen konnten wir über die App leider keine Information zu Drogeriemärkten erhalten, aber das könnte sich bald ändern. crowdless soll demnächst auch die Kundenströme von Drogerien oder Baumärkten analysieren können. Neue Kategorien sollen in der App bereits in den kommenden ein bis zwei Wochen nutzbar sein.

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