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Wie künstliche Intelligenz Tote wieder auferstehen lässt | BR24

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Künstliche Intelligenz kann Verstorbene wieder lebendig machen - zumindest ein bisschen.

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    Wie künstliche Intelligenz Tote wieder auferstehen lässt

    Tot? Lebendig? Untot? Diese Grenzen könnten bald verschwimmen, denn schon heute leben tote Menschen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz irgendwie weiter, als Chatbot. Ist das eine neue Form des Gedenkens? Oder schadet es den Hinterbliebenen?

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    John James Vlahos lebte vom 4. Januar 1936 bis zum 8. Februar 2017. Doch obwohl John James Vlahos also seit über zwei Jahren tot ist, spricht sein Sohn James regelmäßig mit ihm. Er hat seinen Vater als Bot nachgebaut, als sogenannten „Dadbot“. Den Dadbot muss man sich ein bisschen vorstellen wie Amazons Alexa. So wie andere Alexa fragen, wie das Wetter heute wird oder per Sprachbefehl das Licht ausmachen, bittet James Vlahos seinen verstorbenen Vater, ihm Geschichten aus seinem Leben zu erzählen.

    "Wie eine Geburt"

    Als er den Dadbot das erste mal testet, sagt dieser: "Ich bin der geliebte und noble Vater!". „Geliebte und noble Vater“, das war eine Art augenzwinkernder Spitzname, den er sich James' Vater selbst gegeben hatte. Als der Dadbot genau das sagt, fühlt es sich beinahe an wie eine Geburt, sagt James Vlahos. "Er war lebendig. Das war ein sehr magischer Moment für mich". Seitdem spricht der Amerikaner immer wieder mit seinem toten Vater, beziehungsweise mit dem digitalen Abbild seines toten Vaters. Er hat dem Dadbot auch so etwas wie „Zeitgefühl“ einprogrammiert. Wenn er nachts mit ihm spricht, dann sagt er beispielsweise so etwas wie: „Es ist ja wirklich schön mit dir zu sprechen, aber solltest du nicht langsam mal zu Abend essen?“.

    Eine neue Form des digitalen Gedenkens?

    Als bei John James Vlahos Krebs diagnostiziert wird, beginnt sein Sohn James ihn zu interviewen. Er spricht mit ihm über sein Leben, über Anekdoten, darüber, wie ihm damals auf der Bühne beim Schultheater mal die Hosenträger gerissen sind und er plötzlich in Unterhosen auf der Bühne stand. So kommen 91.970 Wörter zusammen, aus denen er mit Hilfe von künstlicher Intelligenz den Dadbot erschafft. Die Arbeit am Dadbot war damals für den Journalisten auch eine Art, den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Im März 2019 ist von ihm das Buch „Talk to me“ erschienen, das sich mit künstlicher Intelligenz und Sprachrobotern beschäftigt.

    Heute ist der Dadbot für ihn hingegen eher eine Form des interaktiven Gedenkens. Angst vor der Zukunft, vor halbtoten, digitalen Wiedergängern, braucht man deswegen nicht zu haben, sagt er. Es gäbe da diese eine Grenze, die er nicht überschreiten möchte. Es gehe ihm nicht darum, einen Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

    "Ich sehe das eher als eine neue Art, die Vergangenheit zu bewahren, auf interaktive Weise, es handelt sich eigentlich um eine Art 'Oral History“-Projekt.'" - James Vlahos

    JFK soll wieder zu Wahlen antreten

    Längst schon arbeitet man daran, verstorbene Schauspieler als künstliche Intelligenzen wiederzubeleben. Manch einer träumt sogar davon, irgendwann eine John-F.-Kennedy-KI zu erschaffen und den 1963 erschossenen Präsidenten zu Wahlen antreten zu lassen. Aber James Vlahos' Dadbot ist eher eine neue Form des Umgangs mit dem Tod geliebter Menschen.

    Früher bewahrte man sich Briefe von Verstobenen auf, heute sind es mails, Fotos, Chats oder auch Mailbox-Nachrichten. Wie man Menschen gedenkt, hat sich mit der Zeit verändert, kondolieren via Facebook ist heute normal, vor zehn Jahren war es das nicht. Vielleicht ist es in zehn Jahren normal, dass auf dem Kaminsims keine Urne steht, sondern ein smarter Lautsprecher, aus dem unsere Lieben auch dann noch zu uns sprechen, obwohl sie eigentlich längt tot sind.

    Allerdings warnen manche Psychologen, dass interaktive Formen des Gedenkens auch Probleme mit sich bringen können. "Der Dadbot könnte den Trauerprozess erschweren," sagt die Therapeutin Melanie Walter. Zum Tod eines geliebten Menschen gehöre auch die Akzeptanz und es sei fraglich, ob beispielsweise der Dadbot, dieser Akzeptanz förderlich sei.

    Mit künstlicher Intelligenz gegen Liebeskummer

    Melanie Walter betont aber auch, dass Trauern eine sehr individuelle Sache sei. An sich hält sie künstliche Intelligenz für eine Technologie, die auch für die Therapie hilfreich ist. Sie selbst hat "Ibindo" erschaffen, dabei handelt es sich um einen Chatbot, der einem bei Liebeskummer helfen soll.

    Vielleicht werden wir in Zukunft also immer öfter mit Maschinen sprechen, wenn wir einsam sind, wenn wir Psychowellness brauchen oder einfach jemanden zum Reden. Und vermutlich werden wir das genau deswegen tun, weil wir eben keine Maschinen sind, sondern – genau – Menschen.