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Viele Menschen über 70 sind nicht an die digitale Welt angeschlossen.

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    Wenn alles digitaler wird: Was wird aus den Alten?

    Zusammenbrechende Lernplattformen, ruckelige Videokonferenzen: Corona legt schonungslos offen, dass Deutschland die Digitalisierung verschlafen hat. Das trifft vor allem auch ältere Menschen, denen der digitale Zugang fehlt.

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    Von
    • Thomas Moßburger

    Pandemie nervt. Der Kontakt zu Freunden und Familie fehlt. Kinos, Theater, Museen sind geschlossen. Fitnessstudios und andere Sportstätten ebenso. Shoppen und Bummeln ist nicht möglich. Auch Ämter und andere Dienstleistungen sind schwerer zu erreichen.

    Glücklicherweise federn heutzutage digitale Errungenschaften all diese Unannehmlichkeiten zumindest ein wenig ab: Ob nun Messenger, Video-Calls, Netflix, ARD-Mediathek, Instagram-Kunstaccounts, YouTube-Workouts, Piano-Konzerte im Live-Stream, Online-Shops oder die auch in Deutschland mehr und mehr verfügbaren digitalen Verwaltungsdienstleistungen, wie etwa die Impf-Registrierung über eine Website.

    Was aber, wenn auch im Jahr 2021 der Zugang zur digitalen Welt fehlt?

    Ü70er sind digital abgehängt

    Laut dem Digital-Index der Digitalisierungs-Initiative D21 sind auch heute noch knapp 8,5 Millionen Menschen in Deutschland nicht online. Überdurchschnittlich stark abgehängt sind alte Menschen. Nur 52 Prozent der Menschen über 70 nutzen das Internet, während bei den 50- bis 59-jährigen 94 Prozent online sind. Bei jüngeren Altersgruppen ist der Anteil noch höher, bei den 60- bis 69-Jährigen bei immerhin 84 Prozent.

    Für viele Ältere bedeutet das im Lockdown, dass es nicht möglich ist, die Enkel zu sehen, einen neuen Film zu schauen, Kunst zu erleben oder neue Schuhe zu kaufen, kurz: Am wirtschaftlichen, gesellschaflichen und kulturellen Leben teilhaben zu können. Und vor allem: Selbst, wenn es um wichtige Dinge wie einen Impftermin geht, sind viele Senioren auf fremde Hilfe angewiesen, die bei der Online-Registrierung hilft.

    Manches geht nur noch digital

    Mit dem Thema der Digitalen Teilhabe von Senioren beschäftigt sich derzeit auch der Verbraucherservice Bayern im Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB), der mit einer Umfrage - bei der man online wie offline teilnehmen kann - herausfinden möchte, wo ältere Menschen sich eingeschränkt fühlen, weil Angebote nur digital verfügbar sind. Auf der Website werden entsprechende Beispiele genannt: So wird oftmals das Filialnetz von Banken ausgedünnt und auf Online-Banking verwiesen, auch Beschwerden beim Staat oder eine Steuererklärung sind demnach fast nur noch digital möglich.

    Die Forderungen der Verbraucherschützer lauten deshalb, dass wichtige Dienste weiterhin auch offline angeboten werden, aber auch, dass die digitale Bildung älterer Menschen energischer gefördert wird.

    Viele Hürden für Alte

    Dass die digitale Teilhabe älterer Menschen aktiver Förderung bedarf, zeigt auch ein aktuelles Positionspapier der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen BAGSO. Dort werden die Hemmnisse genannt, die älteren Menschen den Zugang zu digitalen Diensten erschweren, dass etwa in Altersheimen Geräte oder Internetzugänge fehlen. Hinzu kommt aus Sicht der BAGSO, dass viele digitale Dienste nicht für alte Menschen konzipiert sind, beispielsweise verwirrend viele Auswahlmöglichkeiten, häufig wechselnde Benutzeroberflächen und zu wenig Sicherheit bieten.

    Daneben fehlt es vielen alten Menschen aber meist schlicht an Kompetenz im Umgang mit der digitalen Welt. Es fehlen Erfahrungen im Umgang mit den Geräten, dafür ist die Angst vor Betrug oder Datendiebstahl umso höher.

    WLAN im Altersheim

    Die BAGSO fordert daher freies WLAN sowie beispielsweise Tablets in Heimen und regt an, dass Kommunen alten Menschen in öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken oder Schulen die Möglichkeit geben, mit freiem Netzzugang und Geräten die digitale Welt kennen zu lernen und zu nutzen. Daneben werden Anstrengungen für mehr Senioren-gerechte Software und Hardware gefordert, was der Staat beispielsweise durch Wettbewerbe fördern könne. Außerdem sollte laut der Organisation allgemein der Datenschutz, die Transparenz aber auch die Cybersicherheit im Allgemeinen verbessert werden, um Ängste und Bedenken zu zerstreuen.

    Auch für die bessere Vermittlung von Kompetenzen an alte Menschen macht die BAGSO konkrete Vorschläge: Etwa, dass Mitarbeiter von Pflegeheimen schon in der Ausbildung darin geschult werden, im Alltag digitale Kompetenzen zu vermitteln. Zudem könnten auch die öffentlich-rechtlichen Medien mit Fernsehsendungen, es wird an die Wissensshow „Der 7. Sinn“ erinnert, bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen helfen, findet die BAGSO. Außerdem sollten demnach ehrenamtlichen Initiativen, die schon jetzt alten Menschen das Netz näherbringen, gefördert werden.

    Kein Ende der Papier-Formulare in Sicht?

    Konzepte und Ideen, wie man alten Menschen sowohl den praktischen Zugang als auch die theoretischen Fähigkeiten zum Nutzen der digitalen Welt verschaffen könnte, sind also durchaus vorhanden. Die bedürfen aber finanziellen Mitteln, politischem Willen, der Motivation des einzelnen Seniors und vor allem auch Zeit.

    Bis auch die Ältesten in unserer Gesellschaft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit Video-Calls starten, Online-Überweisen und digital Impftermine vereinbaren, dürfte es noch dauern. Bis dahin bleibt das Vorhalten von Behörden-Formularen auf Papier, die per Post oder Fax versendet werden können, aber auch der Erhalt von alltäglicher Infrastruktur wie Bankfilialen und Lebensmittelschäfte von großer Bedeutung.

    Gelingt es jedoch, Senioren den Weg in die digitale Sphähre zu erleichtern, könnte gerade diese Gruppe von anpassbaren Schriftgrößen, Video-Sprechstunden beim Arzt und sprachgesteuerten Geräte profitieren.

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