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Corona-Warn-App startet: Was sie leisten kann | BR24

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Bald ist es soweit: Die Corona-Warn-App steht in den Startlöchern

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    Corona-Warn-App startet: Was sie leisten kann

    Morgen geht die lang erwartete Corona-Warn-App an den Start. Ist sie an neue Erkenntnisse über Superspreader, Aerosole & Co. angepasst?

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    Die Corona-Warn-App geht am Dienstag an den Start. Der Code der App ist bereits öffentlich einsehbar, zahlreiche Verbesserungsvorschläge wurden mittlerweile von SAP und der Deutschen Telekom umgesetzt, die beiden Unternehmen entwickeln die App. Die Arbeit der Programmierer wird von vielen Seiten gelobt, auch weil der Entwicklungsprozess äußerst transparent war und zudem zügig voranging.

    Allerdings hatte es aufgrund verschiedener Diskussionen über das richtige Datenschutzkonzept ein wenig gedauert, bis das Projekt überhaupt in die Gänge kam. In dieser Zeit sind auch einige neue Ergebnisse bezüglich des Coronavirus und seiner Verbreitung hinzugekommen. Dazu gehören:

    • Die Verbreitung über Aerosole

    Diese winzigen Tröpfchen halten sich längere Zeit in der Luft und sollen nach neueren Erkenntnissen eine bedeutende Rolle bei der Corona-Übertragung spielen

    • Die Bedeutung von Superspreadern und Superspreading-Events

    Wenige Personen stecken viele an und viele Personen niemanden. Oft werden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen zu Corona-Hotspots, etwa Starkbierfeste oder Chorproben. Die Identifizierung von solchen Superspreading-Events gilt deswegen als wichtiger Baustein einer Anti-Corona-Strategie.

    💡 Was ist der Sinn einer Corona-Warn-App?

    Das Ziel der Corona-Warn-App ist es, die Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Bislang geschieht diese Kontaktnachverfolgung oftmals analog. Personen, die sich mit Covid-19 infiziert haben, müssen sich daran erinnern, wem sie in der Vergangenheit begegnet sind. Das ist fehleranfällig und langsam, oftmals wissen auch die betroffenen Personen gar nicht, wen sie angesteckt haben könnten, etwa unbekannte Mitfahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine App könnte hierbei zumindest einen Beitrag leisten, potenzielle Kontaktpersonen anonym zu warnen und so Infektionsketten zu unterbrechen.

    Die Frage ist nun, ob der Beitrag, den eine Corona-App zur Pandemie-Bekämpfung leisten kann, unter diesen Gegebenheiten so groß ist, wie gewünscht. Die App kann beispielsweise nicht unterscheiden, ob sich eine Person in einem geschlossenen Raum befindet oder an der frischen Luft, wo die Ansteckungsgefahr sehr viel geringer ist.

    Bluetooth genauer als GPS - und datenschutzfreundlicher

    Wäre es deswegen nicht sinnvoll, wenn die App wüsste, ob sich eine Person in einem geschlossenen Raum befindet? In der Theorie ja. Allerdings ginge das nur über die Satelliten-Ortung GPS. Die deutsche Tracing-App funktioniert jedoch über Bluetooth. Sie führt also nicht Buch darüber, wo sich welches Handy wann befunden hat, sondern registriert ausschließlich, ob sich zwei Geräte in der Nähe zueinander befunden haben. Das ist wesentlich datenschutzfreundlicher als die GPS-Variante, bei der möglicherweise auch Bewegungsprofile einzelner Nutzer angelegt werden könnten.

    Tina Jahnel vom Institut für Public Health und Pflegeforschung in Bremen weist zudem darauf hin, dass GPS in geschlossenen Räumen ohnehin nicht besonders genau wäre. "GPS-Ortung kann außerdem nicht feststellen, ob man eine Maske trägt oder man an der Kasse im Supermarkt durch eine Plexiglasscheibe von der/dem Kassierer*in getrennt ist", so Jahnel. Bluetooth-Messung könne das zwar ebenfalls nicht leisten, sei dafür aber um einiges genauer.

    Dezentrale Datenspeicherung sinnvoller

    Die zweite Frage betrifft die Superspreading-Events. Kann eine App dazu beitragen, Corona-Ausbrüche aufzuspüren, schneller als die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden? Das wäre möglich, wenn man aus den Daten der Smartphones einen sogenannten "Social Graph" erstellen könnte. Man könnte dann sehen, ob die User, die gerade positiv getestet wurden, Teile eines Netzwerks sind. Daraus wiederum könnte man schließen, dass der Infektionsherd ein Superspreading-Event war. Allerdings werden die Daten der Corona-Warn-App auf den Geräten selbst verarbeitet und nicht auf einem zentralen Server - und das wäre die Voraussetzung, um Social Graphs erstellen zu können.

    Aus epidemiologischer Sicht hätte es vermutlich gute Argumente für die zentrale Datenspeicherung gegeben, aus der des Datenschutzes allerdings ist eine dezentrale Datenverarbeitung auf den Geräten sicherer. "Sicher könnte man mit einem zentralen Ansatz Kontakt-Graphen von Infizierten erstellen und damit die Erkenntnislage über die Ausbreitung des Virus vorantreiben. Dies würde jedoch auch die Re-Identifizierung von Personen vereinfachen", sagt Tina Jahnel.

    Hilft eine App gegen das Coronavirus? Possoch klärt!

    Lauterbach: App konzipiert sich selbst

    Generell liegt der Vorteil einer App zur Kontaktnachverfolgung darin, dass sie sich neuen Erkenntnissen über das Coronavirus anpassen kann. "Die App konzipiert sich selbst", sagt beispielsweise der SPD Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gegenüber BR24. Künstliche Intelligenz würde dafür sorgen, dass die App selbstständig lernt. "Würde man vermuten, dass bei einer Aerosol-Übertragung die Dauer eines Kontaktes wichtiger ist, als der Abstand zum Kontakt, dann würde die App das lernen." Das Programm würde aus diesen Erkenntnissen dann berechnen, wie groß die Gefahr für den Einzelnen ist.

    Die Corona-Warn-App soll in der Entwicklung etwa 20 Millionen Euro gekostet haben. Das Programm wird in den Sprachen Deutsch und Englisch verfügbar sein, eine türkische Version soll folgen. Die App ist so gebaut, dass sie mit einem Finger bedient werden kann, das ist wichtig für ältere Menschen und Menschen mit motorischen Einschränkungen. In anderen Ländern werden schon länger Apps gegen Corona eingesetzt, mit unterschiedlichem Erfolg.

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