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Warum uns die Smartphone-Nutzung berechenbar macht | BR24

© ole/LMU

Clemens Stachl hat erforscht, welche Rückschlüsse die Smartphone-Nutzung auf die Persönlichkeit seiner Besitzer zulässt.

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    Warum uns die Smartphone-Nutzung berechenbar macht

    Es gibt kaum ein persönlicheres Gerät als das Smartphone: Psychologen konnten nun zeigen, welche Rückschlüsse die Smartphone-Nutzung auf die Persönlichkeit der Nutzer zulässt. Wer im Besitz dieser Daten ist, kann Smartphone-User gezielt beeinflussen.

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    Smartphone-Nutzung systematisch ausgewertet

    Noch viel mehr und vor allem feinere Daten fallen bei der täglichen Smartphone-Nutzung an. Psychologen, Medieninformatiker und Statistiker der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben die Smartphone-Nutzung im Rahmen des "PhoneStudy"-Forschungsprojekts genauer ausgewertet und die Ergebnisse nun veröffentlicht.

    Die Münchner Wissenschaftler entwickelten für ihre Studie eine eigene Forschungsapp namens "PhoneStudy", die in Kooperation mit Psychologen der Universität Stanford 30 Tage lang ausgewählte Parameter des Smartphone-Nutzungsverhaltens von 624 Freiwilligen aufzeichnete.

    Die Forscher teilten die Smartphone-Nutzung in sechs Kategorien ein:

    1. Kommunikations- und Sozialverhalten
    2. Musikkonsum
    3. App-Nutzung
    4. Mobilität
    5. allgemeine Telefonaktivität
    6. Tag- und Nachtaktivität

    Darüber hinaus baten Sie die Probanden, einen Persönlichkeitsfragebogen auszufüllen. Dabei wurde für jede teilnehmende Person mithilfe von 300 Fragen ein Persönlichkeitsprofil mit ihrer Ausprägung auf fünf Persönlichkeitsdimensionen erstellt:

    1. Offenheit: Wie aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen, Erfahrungen und Werten beschreibt sich eine Person?
    2. Gewissenhaftigkeit: Wie zuverlässig, pünktlich, ehrgeizig, und organisiert schätze ich mich ein?
    3. Extraversion: Wie gesellig, durchsetzungsfähig, abenteuerlustig, fröhlich beschreibt sich jemand?
    4. Verträglichkeit: Wie angenehm, zuvorkommend, unterstützend und hilfsbereit stellt sich eine Person dar?
    5. Emotionale Stabilität: Wie selbstsicher, selbstbeherrschend und unbekümmert schätzt sich eine Person ein?

    Für jede dieser fünf globalen Persönlichkeitsdimensionen gibt es jeweils sechs spezifische Persönlichkeitsmerkmale. Zur Gewissenhaftigkeit zählen etwa Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Ehrgeiz, Disziplin und Vorsicht.

    © BR/Bernd Oswald

    Clemens Stachl (links) war früher Mitarbeiter bei Psychologie-Professor Markus Bühner (rechts) an der LMU München. Jetzt forscht er in Stanford.

    Machine Learning erkennt Verhaltensmuster

    Sowohl die Verhaltensdaten vom Smartphone als auch die Selbstbeschreibung der eigenen Persönlichkeit speisten die Wissenschaftler dann in maschinelle Lernalgorithmen ein. LMU-Kollegen aus den Bereichen Psychologie und Statistik trainierten anschließend die Algorithmen, damit diese Muster in den Verhaltensdaten erkennen. Zum Beispiel: Wie viel telefoniert jemand? Wie weit geht jemand, welche Musik hört sie?

    Aus diesen Daten berechnete der Algorithmus dann für jede Person eine eigene Ausprägung der fünf globalen und 30 spezifischen Persönlichkeitsdimensionen. Dann verglichen die Forscher die Werte des Algorithmus mit der Selbsteinschätzung der Probanden und ermittelten jeweils die Abweichung. War die Abweichung zwischen dem vorhergesagten Wert des Algorithmus und der Selbsteinschätzung besonders gering, war das ein Indikator dafür, dass sich diese Persönlichkeitsmerkmale besonders gut durch den Algorithmus vorhersagen lassen.

    Offenheit lässt sich besonders gut vorhersagen

    Besonders gut klappte das bei der Persönlichkeitsdimension Extraversion, die beschreibt, wie herzlich, aktiv, fröhlich, gesellig, aber auch wie durchsetzungsfähig sich eine Personen beschreibt. Auch das komplexe Persönlichkeitsmerkmal der Offenheit für Ideen, Werte, Ästhetik, Handlungen oder Gefühle ließ sich gut vorhersagen: "Bei der Offenheit kommt es vor allem darauf an, welche Apps Leute nutzen, wie viel unterschiedliche Apps Sie nutzen, aber auch, welche Musik Personen hören und welche Eigenschaften diese Musik hat," erklärt Clemens Stachl, ehemaliger Mitarbeiter am Lehrstuhl Psychologische Methodenlehre und Diagnostik und nun Forscher an der Stanford University, USA.

    Wer nachts viel telefoniert, ist vermutlich abenteuerlustig

    Für jede der Persönlichkeitsdimensionen ermittelte der Algorithmus die so genannten wichtigsten Prädiktoren: das aufgezeichnete Nutzerverhalten, welches für die Vorhersage der individuellen Ausprägungen auf jedem Persönlichkeitsmerkmal den wichtigsten Beitrag leistet.

    So ist zum Beispiel die durchschnittliche Uhrzeit, wann das Telefon zum ersten und letzten mal pro Tag benutzt wurde, ein Indikator für Gewissenhaftigkeit. Die durchschnittliche Nutzungsdauer von Sport-Apps war ein Indikator für Offenheit für Ästhetik und die durchschnittliche Anzahl von Anrufen in der Nacht ein Indikator für Abenteuerlust.

    Nicht gut funktioniert hat das Modell bei der Vorhersage emotionaler Stabilität. Verträglichkeit lies sich gar nicht vorhersagen.

    Persönlichkeit lässt auch auf Verhalten schließen

    Die Studie schließt also vom Nutzungsverhalten auf die Persönlichkeit. Doch das funktioniert auch umgekehrt: So lässt sich von Persönlichkeitsmerkmalen auf konkretes Verhalten schließen. "Gewissenhaftigkeit ist sehr relevant bei Jobvergaben", so Stachl. "Das ist ein sehr wichtiges Merkmal für Personalverantwortliche, weil Menschen, die sehr gewissenhaft sind, im Mittel eine bessere Performance liefern und zuverlässigere Arbeitsergebnisse erzielen."

    Für Unternehmen, die ihre Produkte verkaufen wollen, ist Wissen über die Persönlichkeit von (potenziellen) Kunden enorm wichtig: "Wenn jemand offen für Neues ist, versucht er auch mal einen Wein, der nicht dem eigenen Geschmacksmuster entspricht", sagt Markus Bühner, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik an der LMU.

    Offene Amerikaner wählen eher die Demokraten

    Ein drittes Beispiel ist das Wahlverhalten. Man weiß, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit der politischen Einstellung zusammenhängen, dass offene Personen meistens liberalere Kandidaten oder Parteien wählen. In den USA wählen Stachl zufolge offenere Personen eher die Demokraten oder liberalere Parteien als die Republikaner: "Wenn eine Partei Zugriff bekäme auf eine große Anzahl an Smartphone-Daten von bestimmten Personen und dann bestimmen könnte, ob eine Person offen ist oder weniger offen, so könnten die Parteien diesen Personen, ohne, dass diese es merken, Wahlbotschaften schicken, die genau auf sie abgestimmt sind und dazu beitragen, dass die Personen wählen oder nicht wählen gehen", so Stachl.

    Studie ist nicht repräsentativ

    Die Studie darf allerdings nicht überinterpretiert werden, sie ist nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Getestet wurde mit vorwiegend jungen Personen um die 20, mehr Frauen als Männern, die sich auf verschiedene Aufrufe, die die LMU auf analogen und digitalen Kanälen gestreut hat, gemeldet haben.

    Die Studienergebnisse sind nicht ohne weiteres auf ältere Personen oder andere Kulturkreise übertragbar, wie auch Stachl und Bühner einräumen. Stachl verweist darauf, dass die Forschung hier ganz am Anfang stehe und ruft dazu auf, weitere Studien zum Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und Persönlichkeit durchzuführen.

    Nutzer wissen oft nicht, was mit ihren Daten passiert

    Da die Smartphone-Nutzungsdaten so sensibel sind, kommt dem Datenschutz eine besonders große Aufgabe zu. Mit der Datenschutzgrundverordnung hätten wir in der EU eine starke gesetzliche Grundlage, findet Stachl. Er sieht die Probleme eher in der praktischen Durchsetzung: "Diese digitalen Verhaltensdaten werden auch dazu genutzt, um im Millisekundenbereich Werbegebote abzugeben, um Personen sehr spezielle Werbung zu schicken. Und das ist vermutlich nicht jedem bewusst."

    Stachl wünscht sich eine Debatte darüber, wie man Nutzern von Smartphones, digitalen Geräten oder Apps im Generellen mehr Kontrolle über die Verwendung ihrer Daten geben kann. Und wie man "mehr Verständnis dafür schaffen kann, welche Daten Nutzer preisgeben und was - auch längerfristig - mit diesen Nutzerdaten passiert."

    Mehr zu diesem Thema auch am Montag, den 27.07., im Tagesticket Podcast, auf Bayern 2

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