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Warum der Glasfaser-Ausbau in Deutschland nur zäh vorangeht | BR24

© dpa-Bildfunk

Glasfaserkabel ermöglichen Datentransferraten von 1 Gbit/s und mehr und gelten als Zukunftstechnologie.

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    Warum der Glasfaser-Ausbau in Deutschland nur zäh vorangeht

    Corona hat gezeigt, wie wichtig schnelles Internet ist. Der Bund fördert den Glasfaserausbau mit Milliarden. Dennoch geht der Ausbau gerade auf dem Land nur zäh voran - und bringt das Ziel in Gefahr, bis 2025 flächendeckend Gigabit-Internet zu haben.

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    Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig eine schnelle und stabile Internetverbindung ist. Egal, ob produzierendes Gewerbe, Angestellte, die im Home Office arbeiten oder Schüler, die von zu Hause lernen müssen.

    Nach wie vor gibt es bei der Verfügbarkeit von schnellem Internet große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, sagt, dass in den ländlichen Regionen fast 30 Prozent der Haushalte noch kein schnelles Netz hätten. Mit Blick auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sei das nicht hinnehmbar. "Eine digitale Spaltung zwischen gut versorgten Ballungsräumen und unterversorgten Regionen darf es im Jahr 2020 nicht mehr geben."

    Bund will bis 2025 flächendeckendes Gigabitnetz

    Der flächendeckende Breitbandausbau ist seit Jahren erklärtes Ziel von Bund und Ländern. Zwar geht "schnelles Internet" nach einer in die Jahre gekommenen EU-Definition bei einer Downloadrate von 30 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) an. Durch Anwendungen wie Streaming oder Videokonferenzen werden immer leistungsfähigere Leitungen benötigt. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und sich die Errichtung eines flächendeckenden Gigabitnetzes bis 2025 zum Ziel gesetzt. Ein Gigabit sind 1000 Megabit, wer über einen Gigabit-Anschluss verfügt kann Daten also mehr als 30 Mal so schnell herunterladen wie jemand, der einen 30 Mbit-Anschluss hat.

    Flächendeckend heißt: Gigabitanschlüsse in Privathaushalten, Firmen aber auch öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern. Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Doch gerade auf dem Land gestaltet sich der Breitbandausbau schwierig.

    Kein Gigabit ohne Glasfasernetz

    Derart hohe Downloadgeschwindigkeiten lassen sich am besten mit Glasfaserleitungen erreichen, bei denen die Daten optisch in Form von Licht übertragen werden. Das bedeutet, dass der Signalverlust und der mögliche Störeinfluss deutlich geringer sind als bei einer elektrischen Signalübertragung.

    Auch noch höhere Downloadraten sind denkbar. Ein weiterer Vorteil: Glasfaserleitungen haben eine gleich hohe Datenrate sowohl im Download als auch im Upload. Der Upload geht also genau so schnell wie der Download. Vor allem für Firmen, die große Datenmengen übermitteln müssen, ist das wichtig. Datenintensiv ist zum Beispiel die Fernwartung ("Predictive Maintenance") in der Industrie.

    Deutschland hinkt bei direkten Glasfaseranschlüssen hinterher

    Einen direkten Anschluss ans Glasfasernetz (FTTB = Fibre to the Building bzw. FTTH = Fibre to the home) hatten in Deutschland Ende 2019 knapp 12 Prozent der Haushalte - womit Deutschland im EU-Vergleich auf einem der letzten Plätze liegt.

    Eine Bandbreite von einem Gigabit und mehr lässt sich auch über so genannte HFC-Netze erreichen. HFC steht für Hybrid Fibre Coax: Hier reicht die Glasfaserstrecke an einem Verteilerkasten in der Straße (FTTC = Fibre to the Curb, Glasfaser bis zum Bordstein). Im Verteilerkasten wird das optische Signal in ein elektrisches umgewandelt und dann auf der so genannten “letzten Meile” per Koaxialkabel in die Haushalte geführt.

    Koaxialkabel werden im Kabelnetz verwendet, das in den Achtziger Jahren zum Empfang von Kabelfernsehen verlegt wurde. Millionen deutscher Haushalte sind an das Kabelnetz angeschlossen, überwiegend in Ballungsräumen und kaum auf dem Land. Rückgrat des Kabelnetzes ist immer mehr die Glasfasertechnik, Kabel-Marktführer Vodafone spricht von einem “Kabel-Glasfaser-Netz”.

    Mit dem neuen Kabel-Protokoll DOCSIS 3.1. sind Downloadraten von bis zu 10 Gbit/s technisch möglich, auch wenn zum Beispiel Vodafone nur 1 Gbit/s pro Kunde vermarktet.

    💡 DOCSIS

    DOCSIS steht für “Data Over Cable Service Interface Specification”, dabei handelt es sich um einen Standard für die Datenübertragung im Kabel-Netz. Das ursprünglich fürs Fernsehen gedachte Kabelnetz wurde Anfang der 2000 Jahre rückkanalfähig gemacht, erlaubt also auch den Daten-Upload. Beim aktuellen DOCSIS 3.1-Standard sind technisch bis zu 10 Gbit/s (Downstream) und 1 Gbit/s (Upstream) möglich. Beim geplanten DOCSIS 4.0-Standard soll sich die Upload-Rate auf 6 Gbit/s erhöhen. Um diese Technik nutzen zu können, braucht der Kunde ein DOCSIS 3.1-fähiges Modem, das ihm vom Kabel-Anbieter zur Verfügung gestellt wird.

    Vectoring ist nicht Gigabit-fähig

    Nicht gigabitfähig ist hingegen die so genannte "Vectoring"-Lösung, die die Deutsche Telekom einsetzt und aktiv bewirbt. Zwar hat auch die Telekom in vielen Regionen Glasfasernetze gebaut, allerdings oft nur bis zum Straßenrand und nicht bis ins einzelne Haus. Für die "letzte Meile" nutzt die Telekom die konventionellen Kupferkabel aus der fast überall vorhandenen Telefonleitung. Kupferkabel erlauben nur eine Datenübertragung von 50 Mbit/s. Durch die so genannte Supervectoring-Technik, die die Telekom seit einigen Jahren einsetzt, kann die Bandbreite auf bis zu 250 Mbit/s erhöht werden.

    Gigabit-Versorgung: Großes Gefälle zwischen Stadt und Land

    Wie groß das Gefälle zwischen Stadt und Land bei der Versorgung mit Gigabit-Anschlüssen ist, zeigt auch der Breitbandatlas 2019: Während in Städten bei 60 Prozent der Haushalte eine Bandbreite von einem Gigabit und mehr verfügbar war, waren es in ländlichen Gebieten nur 12,2 Prozent.

    Bund fördert Bau von Glasfasernetzes dort, wo es sich nicht lohnt

    Das Breitbandförderprogramm des Bundes fördert den Bau von Glasfasernetzen "in den Gebieten, in denen kein marktgetriebener Ausbau stattfindet". Sprich: in dünn besiedelten Gebieten oder auf dem Land. In der aktuellen Fassung werden nur noch Glasfaseranschlüsse bis zum Gebäude (FTTB) gefördert. Glasfaseranschlüsse, die nur bis zum Bordstein reichen (FTTC-Technologie), sind nicht mehr förderfähig.

    Kommunen können sich beim Bund um Zuschüsse bewerben. Dabei gibt es zwei Modelle:

    1. Beim Wirtschaftlichkeitslücken-Modell geht es darum, dass eine Kommune ein Telekommunikationsunternehmen auswählt und dieses beauftragt, das Breitbandnetz zu bauen und zu betreiben. Gerade in kleineren Kommunen lohnt sich das für Telekomfirmen oft nicht, weil die Investitions- und Betriebskosten höher sind als die zu erwartenden Einnahmen. Diese sogenannte “Wirtschaftlichkeitslücke” können die Kommunen den Unternehmen mit Geld aus dem Breitbandförderprogramm des Bundes bezahlen.
    2. Beim Betreiber-Modell baut die Kommune das Glasfasernetz selbst und bekommt für die Investitionskosten eine finanzielle Förderung von bis zu 30 Millionen Euro. Dann verpachtet die Gemeinde das Netz an ein Telekommunikationsunternehmen, welches es betreibt.

    Mehr als die Hälfte der Fördermittel sind verplant

    Von den 11 Milliarden des Breitbandförderprogramms hat der Bund insgesamt 6,6 Milliarden Euro in Form von Förderbescheiden zugesagt. Zugesagt heißt aber noch nicht ausbezahlt. Tatsächlich ausbezahlt worden sind in den beiden oben genannten Fördermodellen aber erst 497,5 Millionen Euro, dazu kamen 68 Millionen Euro für Beratungsleistungen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion hervor.

    Allerdings muss man wissen, dass die Zahl der bereits ausbezahlten Mittel nur wenig aussagekräftig ist. Die Fördergelder werden erst ausbezahlt, wenn die Glasfaser-Infrastrukturmaßnahmen abgeschlossen sind. Städte- und Gemeindebunds-Geschäftsführer Landsberg sprach von einer "verzerrenden Momentaufnahme" und wies darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Fördermittel bereits beantragt und gebunden sei.

    © picture alliance / dpa Themendienst

    Beim Micro-Trenching wird nur ein schmaler Streifen in die Straße gefräst und darin das Glasfaserkabel verlegt.

    Zu wenig Akzeptanz für alternative Verlegemethoden

    Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Margit Stumpp spricht mit Blick auf die Zwischenbilanz bei der Breitbandförderung von einem "ernüchternden Ergebnis". Genehmigungsverfahren liefen zu langsam, es fehle an Baukapazitäten und an Akzeptanz "innovativer Verlegetechniken", die den Bau beschleunigen könnten.

    Dazu zählt zum Beispiel das Micro-Trenching: Bei dieser Methode werden schmale Schlitze in den Straßenrand gefräst, um die Rohre für die Glasfaserkabel zu verlegen. Auch eine oberirdische Verlegung der Glasfaserrohre wird vereinzelt schon praktiziert, so hat die Telekom zum Beispiel mit Holzmasten experimentiert.

    Bislang wird bei der Verlegung von Glasfaserkabeln meistens die Straße mit Baggern aufgegraben. Das ist teuer und die Tiefbaukapazitäten in Deutschland sind knapp.

    Ähnliche Kritik kommt vom Verband der Anbieter von Telekommunikation und Mehrwertdienste (VATM). Im VATM sind private Telekommunikationsanbieter wie auch Vodafone vertreten, allesamt Wettbewerber der Telekom. Auch VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner wünscht sich weniger Bürokratie und mehr Akzeptanz für alternative Verlegetechniken wie das Micro-Trenching.

    Auch Grützner sieht den Hauptgrund, dass der Ausbau von Glasfasernetzen auf dem Land schleppend vorankommt, in der mangelnden Rentabilität für den Netzbetreiber.

    Branchenverband will Glasfaser-Nachfrage durch Gutscheine ankurbeln

    Nach Ansicht von VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner müssen mindestens 40 Prozent der Haushalte einen Glasfaseranschluss wollen, damit sich der Bau für ein Telekommunikationsunternehmen rechnet. Gerade auf dem Land ist dieser Wert schwieriger zu erreichen als in dicht besiedelten Städten.

    Um die Nachfrage nach Glasfaseranschlüssen zu erhöhen, haben der VATM und der Telekommunikationsverband BREKO verschiedene Varianten von Glasfaser-Gutscheinen vorgeschlagen. Dazu zählt ein "Anschluss-Voucher" in Höhe von 500 Euro, der die Kosten für die Verlegung der Glasfaser vom Bürgersteig bis ins Haus/Gebäude teilweise decken soll. Für die Glasfaserverkabelung im Gebäude selbst empfehlen die Verbände einen "Inhouse-Verkabelungs-Voucher" in Höhe von 150 Euro pro Wohneinheit.

    Die Gutscheine richten sich besonders an Bürger und Unternehmen in Gebieten richten, in denen die Planung für den Glasfaserausbau (FTTB/FTTH) gerade erfolgt und die Glasfaserverlegung ansteht.

    "Mit einem solchen Zuschuss würden aus unwirtschaftlichen Gebieten wirtschaftliche Gebiete werden", sagt Grützner zu BR24. Er rechnet damit, dass dann 50, 60 oder 70 Prozent der Haushalte einen Anschluss ans Glasfasernetz beantragen würden.

    Außerdem hätte der ausbauende Netzbetreiber durch eine höhere Auslastung seiner Glasfasernetze mehr Geld für den weiteren Glasfaserausbau.

    Branchenverband: Deutschland wird Gigabit-Ziel verfehlen

    Bislang hat die Bundesregierung den Gutschein-Vorschlag nicht aufgegriffen. Ohne Nachfrageförderung gerade im ländlichen Raum wird die Bundesregierung ihr Gigabit-Ziel nach Meinung von Jürgen Grützner aber nicht erreichen.

    “Die Bundesregierung wusste seit langem, dass die letzten 20 Prozent der flächendeckenden Gigabit-Versorgung das Sorgenkind sein werden.” Jürgen Grützner, Geschäftsführer VATM

    Telekommunikationsfirmen könnten Grützner zufolge etwa 80 Prozent der unversorgten Flecken (also etwa 16 Prozent der fehlenden Gebiete) eigenwirtschaftlich betreiben, wenn die Nachfrage durch Glasfaser-Gutscheine stimuliert würde. Nur für die fehlenden vier Prozent sei dann noch eine staatliche Ausbauförderung nötig.

    Am Montag, 3. August erklären wir in einem weiteren Artikel, wie es um den Glasfaser-Ausbau in Bayern bestellt ist.

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