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Ether hat einige Besonderheiten gegenüber dem Bitcoin.

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Warum der Ether derzeit den Bitcoin überflügelt

Der Bitcoin wird im Moment von Ether, der Nummer zwei unter den Kryptowährungen, ziemlich in den Schatten gestellt. Der Kurs ist hier in den letzten Wochen und Monaten deutlich schneller gestiegen. Der Ether-Hype hat mehrere Gründe.

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Von
  • Christian Sachsinger

Der Anstieg ist beachtlich. Wer zu Jahresbeginn einen Ether kaufte, musste dafür rund 700 Euro bezahlen, inzwischen ist die Cybermünze über viermal soviel wert. Im Vergleich dazu wirkt die Verdoppelung des Bitcoin-Kurses seit 1. Januar geradezu bescheiden.

Dem Branchendienst CoinMarketCap.com zufolge bringen es alle im Umlauf befindlichen Ethers derzeit auf eine Marktkapitalisierung von rund von 364 Milliarden Dollar. Das ist in etwa so viel wie der Börsenwert der Dax-Schwergewichte SAP, Volkswagen und Siemens zusammen. Noch ist der absolute Platzhirsch allerdings Bitcoin, der es auf rund 1,1 Billionen Dollar bringt, also auf das Dreifache von Ether.

Ein 19-Jähriger Nerd hatte die Idee

Doch Ether holt stark auf und manche Experten trauen ihm durchaus die Spitzenposition zu. Das liegt vor allem daran, dass Ether mehr ist als nur eine Kryptowährung. Dahinter steckt das Ethereum-Netzwerk. Die Idee dazu hatte der kanadisch-russische Softwareentwickler Vitalik Buterin, der im Alter von 19 Jahren seinen Plan für die Plattform vorlegte. Buterin empfand den Bitcoin und seine Möglichkeiten als zu beschränkt.

Die Idee der Bitcoin-Blockchain als virtuelles Kassenbuch, in das alle Transaktionen aller Münzen eingetragen und auf sehr vielen Rechnern rund um die Welt abgespeichert werden, faszinierte ihn zwar. Doch seiner Ansicht nach sollte die Blockchain mehr können, als nur Käufe und Verkäufe aufzeichnen.

Smart Contracts als Besonderheit von Ethereum

Deshalb schuf er eine neue Krypo-Währung, in deren Blockchain sich eben noch mehr eintragen ließ. In die quasi zusätzliche Spalte kann nun ein Programmiercode geschrieben werden, so dass sich mit dem virtuellen Geld bestimmte Funktionen verknüpfen ließen. Diese Funktionen nennt man Smart-Contracts, also schlaue Verträge.

Ein solcher Vertrag könnte in einer simplen Wette bestehen, zum Beispiel, dass die Union die Bundestagswahl 2021 verliert. Tritt das Ereignis ein, dann wird an jene Personen, die darauf gesetzt haben, vom Netzwerk automatisch eine bestimmte Summe an Ether ausbezahlt, falls nicht, dann gibt´s in dem Fall eben kein Geld.

Die Old Economy entdeckt Ethereum

Ein Smart Contract könnte aber auch eine Unternehmensanleihe sein. So hat der Autokonzern Daimler einen 100 Millionen Euro schweren Schuldschein im Jahr 2017 teilweise über das Ethereum-Netzwerk ausgegeben. Und erst vor einigen Tagen hat die Europäische Investitionsbank (EIB), die Finanzierungsabteilung der Europäischen Union, angekündigt, eine zweijährige digitale Anleihe auf Basis der Ethereum-Blockchain auszugeben. Das war sozusagen der Ritterschlag und einer der Auslöser für den aktuellen Schub, den der Kurs von Ether gerade erfährt.

Vitalik Buterin brachte seine Idee 2013 zu Papier. 2015 ging Ethereum an den Start. Durch den jüngsten Kurs-Anstieg ist der Gründer inzwischen zum Dollar-Milliardär geworden.

Auch bei Ether gibt es keine Kurswächter

Genau wie beim Bitcoin wird der Kurs bei Ether allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Es gibt keinen Staat und auch keine andere Instanz, die eingreifen würde, um den Kurs zu stabilisieren. Ether können ebenfalls genutzt werden, um Einkäufe zu bezahlen, wenngleich diese Funktion – wie beim Bitcoin - kaum mehr genutzt wird.

Der Großteil der Nachfrage nach beiden Währungen resultiert vielmehr aus Spekulationskäufen, von privaten und immer mehr auch professionellen Anlegern, die nach alternativen Anlagemöglichkeiten suchen.

Kunstmarkt befördert den Ether-Hype

Bei Ether kommt zusätzliche Nachfrage durch die Smart Contracts zustande. Bei jedem Vertrag wird nämlich eine Gebühr fällig, bezahlbar in Ether.

Viele dieser schlauen Verträge kommen derzeit zustande, weil (selbsternannte) Künstler ihre Werke digitalisieren wollten. Über Smart Contracts lässt sich an jede Datei eine Art Zertifikat anhängen, so dass Kopien eines Digital-Fotos, eines Videos oder eines digitalen Musikstücks zum Unikat werden. Diese Zertifikate, Non-fungible tokens (NFTs) genannt, eröffnen Digitalkünstlern ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten, wobei die Grenzen zwischen ernstgemeinter Kunst, Abzocke und Nonsens verschwimmen.

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Rekord-Kunstwerk

Den vorläufigen Höhepunkt erlebte der NFT-Kunsthandel, als im März das renommierte Auktionshaus Christie’s eine Collage des Digitalkünstlers Beeple für fast 70 Millionen US-Dollar versteigerte. Dieses Ereignis ließ noch mehr Anleger auf die Infrastruktur und die Währung blicken, die hinter der Digitalkunst stehen: Ethereum bzw. Ether.

Ether will umweltfreundlicher werden

Die Entstehung neuer Münzen funktioniert bislang bei Bitcoins und Ether gleich. Sogenannte Miner (Schürfer) müssen extrem schwierige Rechenaufgaben lösen, für die ganze Rechenzentren eingesetzt werden. Die Kritik, dass Kryptowährungen Unmengen an Energie verschlingen und damit dem Klima schaden, trifft also beide Währungen gleichermaßen – bislang zumindest.

Bei Ethereum allerdings will man vom bisherigen Konzept weg. Neue Münzen sollen unter Mitgliedern des Netzwerks verlost werden, die 32 Ether angespart haben (Staking). Möglich ist auch, dass man sich in einem Pool zusammentut, um an der Verlosung teilzunehmen. Auch das könnte die Nachfrage nach der bislang zweitwichtigsten Cyberwährung anstacheln, denn die neuen Schürfer besitzen irgendwie eine Lizenz zum Geldscheffeln.

Wohin geht die Reise: auf 5.000 oder 500 Euro?

Die Pläne der Ethereum-Community sind sehr weitreichend und werden dabei nicht immer sauber umgesetzt. So gab es 2016 das Projekt "The DAO", eine Investment-Firma, die ohne menschliches Personal auskommen wollte. Sie sollte ausschließlich virtuell existieren, keinen Unternehmenssitz oder Chef haben. Organisiert und koordiniert werden sollte dieses Konstrukt über die Ethereum-Blockchain.

Die dafür nötigen extrem komplexen Smart Contracts waren allerdings nicht sicher programmiert - und so konnten Hacker ins Netzwerk eindringen und Ether im Wert von 50 Millionen Dollar stehlen. Das Geld ist bis heute verschwunden, DAO scheiterte. Der Vorfall führte zudem zur Aufspaltung der Ether-Community, zur Neugründung der Währung Ethereum Classic und zu einem massiven Vertrauensverlust.

Allein dieser Vorfall zeigt, wie anfällig Kryptowährungen sind. Bei Ether gibt es über die kompliziert zu programmierenden Smart Contracts ein zusätzliches Sicherheitsrisiko. Insofern: der Kurs kann durchaus noch auf 5.000 Euro steigen oder darüber, wie das viele Finanzmarktexperten derzeit prophezeien. Er kann aber auch wieder ganz schnell auf nur noch 500 fallen – oder noch weiter.

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