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Der Instagram-Account @insta_repeat sammelt gleich aussehende Fotos
© Instagram: insta_repeat

Autoren

Gregor Schmalzried
© Instagram: insta_repeat

Der Instagram-Account @insta_repeat sammelt gleich aussehende Fotos

Als Instagram im Jahr 2012 von Facebook gekauft wurde, war die App noch eine mittelgroße Foto-Community mit Hipster-Image. Heute ist Instagram einer der Gründe dafür, warum es dem skandalgeplagten Facebook-Konzern immer noch gut geht. Denn während Facebook selbst zu kämpfen hat, ist Instagram zur wichtigsten Social Media-App für junge Menschen geworden.

Aus Spaß wird Business

Schon jetzt hat die Welt Instagram einige neue Begriffe zu verdanken – und sogar einen Berufsstand: Influencer. Das sind Menschen mit großer Online-Reichweite, die auf ihre Follower Einfluss nehmen können – in der Regel durch Bewerbung von Produkten. Viele von ihnen haben als ganz normale Nutzer angefangen, hatten kreative Ideen, das richtige Aussehen und schafften es so zum Erfolg.

Einer davon ist Andy. Seit 2012 ist er auf Instagram aktiv, er hat die Entwicklung der Plattform mitbeobachtet - und in gewisser Weise mitgestaltet. "Die App hat sich einfach von einer Freizeit- und Spaß-App zu einer Business-App entwickelt", sagt er. Das Problem damit ist nur: Die Kreativität und originellen Einfälle, die Instagram anfangs beliebt machte, hat es heute immer schwerer. Denn ein Business braucht Stabilität. Und damit Einheitlichkeit.

Das heißt: Egal ob bei Beauty-Influencern oder ganz normalen Teenagern - überall wiederholen sich immer wieder die gleichen Motive. "Diese ganze Konformität finde ich alles andere als gut", sagt er, und nennt Beispiele: "Bei Jungs würde ich sagen, immer besonders cool besonders lässig und am besten oberkörperfrei." Bei Frauen wird es auch gern mal spezifischer: "Zöpfe, die von hinten fotografiert werden, am besten noch vor einem Schloss oder so." Und: Lichterketten. Lichterketten überall.

Hauptsache Strom im Freien: Lichterketten auf Instagram, gesammelt von @insta_repeat

Hauptsache Strom im Freien: Lichterketten auf Instagram, gesammelt von @insta_repeat

Wo ist die Instagram-Innovation?

"Es wird oft alles auf hübsch und möglichst unrealistisch gemacht", sagt Giulia - auch sie betreibt einen Influencer-Account. "Wenn jetzt alle mit Lichterketten im Wald rumstehen? Naja." In ihrem Feed hat sie mittlerweile regelmäßig den Gedanken, dass Bilder abgekupfert aussehen - oft von bestimmten Personen. "Es wäre schon nicht schlecht, wenn sich mehr Individuen rausstellen, die ihr eigenes Ding machen."

Sowohl Andy als auch Giulia betonen auch: Es sind nicht alle so. Ein bisschen Innovation auf Instagram gibt es auch tatsächlich noch - aber wirklich radikal ist die nicht. Wenn, dann kann sie heute vor allem daraus bestehen, ein Konzept durchzuziehen, das nicht jeder hat. Andy hat als mr.andykeys die kühle Inszenierung von dunklen Farbtönen für sich entdeckt - der Look einer stylischen New Yorker Kaffeebar. Und Giulias Account giuliacarlabeskid verbindet mehrere sonst eher separate Aspekte der Instagram-Community miteinander: Model-Aufnahmen, Autos und Reisen. Meist alle drei in einem Bild.

Ähnlichkeit wird belohnt

Das Problem: Das Kopieren von Ideen ist Instagram praktisch in die DNA geschrieben - die App zwingt ihre Nutzer förmlich dazu. Denn Erfolg hat nur das, was möglichst schnell zu guten Zahlen führt, also viele Likes und Follows abräumt. Das ist ein Problem für Accounts, die etwas wirklich Neues ausprobieren wollen - denn Instagram lässt keine Zeit, in der ein neuer Stil langsam aufgebaut und perfektioniert werden könnte.

Sobald etwas funktioniert - und sei es die komische Idee mit der Lichterkette - wird es sofort von hunderten, wenn nicht gar tausenden anderen Nutzern übernommen. Eine wirklich originelle Idee geht da im Vergleich sehr schnell unter - und das führt dazu, dass die erfolgreichsten Instagram-Accounts jedes neue Bild immer mehr an die der Konkurrenz angleichen. Man stelle sich vor, Michael Jackson wäre während der Produktion seines Albums "Thriller" gezwungen gewesen, jeden neuen Song immer genau an den Track anzupassen, der gerade in den Charts auf Platz 1 steht.

Trends sind sofort überall

Die Autorin Rachel Weingarten sieht darin eine Gefahr. Sie beschäftigt sich viel mit der Geschichte von Schönheitsidealen - und sorgt sich bei Instagram weniger um die Influencer mit Sponsoring-Verträgen, und mehr um deren Zielgruppe: Teenager. "Auf Instagram kannst du sofort jemanden mit 14 Millionen Followern kopieren, auch wenn du selbst nur 14 Follower hast. Und dabei geht vieles verloren: Deine Kreativität, die Chance auch mal Fehler zu machen und etwas zu finden, das dich besonders macht."

Das Internet hat die Art, wie wir Schönheit, Mode und Foto-Trends wahrnehmen, stark verändert. Trends beginnen heute nicht lokal und breiten sich dann langsam aus – sie können sofort überall sein. Weingarten erklärt: "Als das Internet vor 10 oder 15 Jahren größer wurde, da war es aufregend, dass du dir zum Beispiel als jemand in Deutschland leichter etwas von jemandem aus Brooklyn abschauen konntest – und andersherum. Man sollte meinen, das sollte zu mehr Vielfalt führen. Aber es hat stattdessen dazu geführt, dass heute einfach alle gleich aussehen."

Am Abgrund: Klippenfotos auf Instagram, gesammelt von @insta_repeat

Am Abgrund: Klippenfotos auf Instagram, gesammelt von @insta_repeat

Verwischte Grenzen zwischen Stars und Fans

Auf Social Media vergleicht sich jeder mit jedem – vor allem die Hauptzielgruppe, junge Menschen. Status, Schönheit, Reichtum: Die Influencer von heute lassen das alles so einfach aussehen. Natürlich – sie dürfen ja nicht abgehoben sein. Für Teenager macht sie das zu etwas eigenartigen Idolen. Zwar haben Jugendliche schon immer ihren Idolen nachgeeifert - aber früher haben Stars und Fans nicht das gleiche Medium benutzt. Das meint auch Giulia: "Früher bei Zeitschriften dachte man sich: Okay das sind Stars, da komme ich nie ran. Durch Instagram verwischen die Grenzen."

Somit sind viele ganz normale Menschen auf der Suche nach dem perfekten Influencer-Leben - ohne Kamerateam, Make-Up und Licht, und manchmal auch ohne sich wirklich Gedanken zu machen, wie viel von dem, was sie beim Durchscrollen sehen, tatsächlich echt ist.

Perfekte Fake-Welt

Für immer mehr junge Leute findet ein Großteil des Lebens heute digital statt. Das ist kein Grund zum Pessimismus: Soziale Medien bieten Möglichkeiten, sich auszuleben und soziale Kontakte zu pflegen. Aber die Art und Weise wie Instagram funktioniert, lässt immer weniger Platz für eigene Ideen. Für Gedanken, die nicht zum optimierten Instagram-Selbst passen. "Das ist auch eine Krankheit dieser App", sagt der Influencer Andy. "Jeder versucht das perfekte Leben darzustellen. Dazu muss man kein Influencer sein. Auch ein Privat-Account postet nur positive Sachen und nur die perfekte schöne Fake-Welt."