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Von Joyn bis zur Supermediathek: Konkurrenz für Netflix & Co? | BR24

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Von Joyn bis zur Supermediathek: Konkurrenz für Netflix & Co?

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Von Joyn bis zur Supermediathek: Konkurrenz für Netflix & Co?

Mitte Juni ist Joyn gestartet, ein neuer Streaming-Dienst in Kooperation von ProSiebenSAT.1 und Discovery. Die deutsche Antwort auf Netflix & Co? Doch nicht alle Sender machen mit – und die ARD verfolgt größere, europäische Pläne.

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Der Streamingmarkt ist hart umkämpft: Netflix, Amazon Prime, Sky und bald auch noch Disney+ und Apple TV+. In Deutschland machen sich fast alle TV-Anbieter Sorgen, denn nicht nur die junge Zielgruppe wandert ab.

Eine Antwort versucht jetzt der neue Chef der Sendergruppe ProSiebenSAT.1, Max Conze, mit Joyn. Zehn Millionen Zuschauer und Zuschauerinnen will er innerhalb von zwei Jahren mit der Plattform erreichen. Zum Start ist das Angebot kostenlos, später kommen kostenpflichtige Premiumbereiche hinzu.

"Der Gedanke ist, dass wir auf einer Plattform alles zusammenbringen, was ich in Deutschland sehen will, alle TV-Kanäle, Mediatheken, etc. Denn die Verbraucher wollen eine Plattform, wo sie alles sehen können, 24 Stunden und mobil." Max Conze, Chef der Sendergruppe ProSiebenSAT.1

Viele Sender fehlen auf der Plattform

Dieses vollmundige Versprechen löst Joyn jedoch bei weitem nicht ein - und das nicht nur, weil es noch in der Startphase ist. Zu sehen sind hauptsächlich die eigenen Angebote der Sendergruppe, also Pro7, SAT.1, Kabel eins und ihre Ableger.

Von Discovery kommen zusätzlich unter anderem der Männersender DMAX und der Frauensender TLC. Was komplett fehlt, sind die Angebote der Konkurrenz von RTL, die machen mit "TV Now" ihr eigenes Ding.

Die Öffentlich-Rechtlichen kooperieren sehr zurückhaltend, sie stellen lediglich ihre Live-Signale, also die lineare Verbreitung der Programme, zur Verfügung - wie bei Telekom, Vodafone oder Zattoo auch. Also gibt es keine Mediatheken von ARD und ZDF. Und nur weil die Regionalprogramme der ARD mit all ihren gesplitteten Kanälen extra auftauchen, zum Beispiel Bayern Süd und Nord oder der WDR mit zehn Subregional-Kanälen von Düsseldorf bis Wuppertal, kann Joyn überhaupt behaupten, "über 50 deutsche Sender" im Portfolio zu haben.

Deutschland bündelt seine Kräfte nicht

In den kommenden Monaten sollen die Video-on-Demand-Plattform "Maxdome" und der Eurosport-Player integriert werden, das wird dann kostenpflichtig. Die angebotenen "Originals", also extra für den Dienst produzierte Serien oder Shows, von denen Netflix und Amazon Prime zehren, sind noch sehr übersichtlich. Am bekanntesten ist wohl die Comedy-Serie "Jerks" mit Christian Ulmen und Fahri Yardim, deren dritte Staffel exklusiv auf Joyn zu sehen ist.

Ob die neue Streaming-Plattform jemals Netflix Konkurrenz machen wird, darf bezweifelt werden. Denn statt ihre Kräfte zu bündeln, zerlegen sich alle mit eigenen Angeboten.

Angestoßen: Europäische Plattform für Medien und Kultur

Den US-Netzgiganten Paroli bieten, das will auch BR-Intendant Ulrich Wilhelm. Seitdem er vor anderthalb Jahren als ARD-Vorsitzender angetreten ist, verfolgt er seine Idee einer eigenen europäischen Infrastruktur für Qualitätsangebote aus Medien und Kultur.

Die Idee von Conze, alle deutschen TV-Angebote zu einer Art Supermediathek zu bündeln, geht ihm nicht weit genug. Denn damit müsse man auf die US-Infrastruktur von Google, Facebook, Apple und Amazon aufsetzen und habe auf die Verbreitungsbedingungen keinen Einfluss. Es blieben die Fragen:

"Nach welchen Algorithmen funktionieren die Suchmaschinen? Welche Inhalte werden aus welchem Grund sichtbar? Welche Inhalte verbreiten sich schnell und stark und welche nicht? Das wird nicht transparent gemacht. Hätten wir eine eigene europäische Lösung, könnten wir dafür unsere Werte an die erste Stelle setzen." Ulrich Wilhelm, BR-Intendant

Künstliche Intelligenz für Übersetzung von Inhalten

Um dafür zu werben, spricht Wilhelm mit Politikern, vor allem in Deutschland und Frankreich, mit Sendern und Verlagen, mit der europäischen Rundfunkunion (EBU), mit Wirtschaftsverbänden und Startups. Eine Idee erscheint ihm besonders interessant.

"Die Sprachbarriere ist in Europa immer ein Riesenproblem gewesen", so Wilhelm. Anders als in den USA, wo ein riesiger Binnenmarkt auch durch die gemeinsame Sprache zusammengehalten wird, hätten wir in Europa viele Landessprachen.

"Die Künstliche Intelligenz ist inzwischen schon sehr weit mit Echtzeit-Übersetzungen. Das ist Teil unseres Vorschlags, eine sehr gute Übersetzungssoftware, so dass wir mit Inhalten, die über ein Land hinaus Bedeutung haben, so etwas wie einen europäischen Meinungs- und Diskussionsraum schaffen könnten." Ulrich Wilhelm, BR-Intendant

Noch allerdings muss er Verbündete finden. Sein Kollege vom ZDF, Intendant Thomas Bellut, ist da ziemlich zurückhaltend. Er kann sich bislang lediglich eine bessere Vernetzung der öffentlich-rechtlichen Mediatheken vorstellen. Damit Zuschauerinnen und Zuschauer, die beim ZDF nach dem ARD-Tatort und beim Ersten nach der heute-Show suchen - was tatsächlich viele tun - nicht in die Röhre schauen müssen.