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Vom Internet zum "Splitternet" | BR24

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Das World Wide Web ist schon heute gar nicht mehr so "world wide"

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    Vom Internet zum "Splitternet"

    Weltweit sollten die Daten fließen, das war das Versprechen des World Wide Webs. Mittlerweile allerdings droht das Netz zu zerfallen. Es droht "Splitternet" statt Internet.

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    "Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl. (…) Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln…", diese salbungsvollen Worte stammen aus der berühmten Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, die 1996 veröffentlicht wurde - geschrieben hat sie der Songtexter Rockband Grateful Dead John Perry Barlow. Es handelt sich um ein Dokument des Optimismus‘ und des Selbstbewusstseins und um ein Dokument, das zeigt, wie sehr sich das Internet seither verändert hat. Denn die müden Riesen aus Fleisch und Stahl scheinen in Wirklichkeit putzmunter zu sein. Die Nationalstaaten versuchen im Netz ihre jeweils eigenen Regeln durchzusetzen - und tun das mit Erfolg. Allerdings hat das die Nebenwirkung, dass das Internet zersplittert. Schon ist die Rede von der "Balkanisierung des Netzes" oder auch vom "Splitternet".

    Die Nationalstaaten haben den Pudding an die Wand genagelt

    Im Jahr 2000, da wünschte der damalige US-Präsident Bill Clinton noch allen, die das Internet kontrollieren wollten, ironisch "Viel Glück!". Ein solcher Versuch sei in etwa so erfolgsversprechend, wie "Pudding an die Wand zu nageln". Zwanzig Jahre später lässt sich konstatieren, dass es manchen Nationalstaaten recht gut gelungen ist, Pudding an die Wand zu nageln, auch wenn die dazu eingesetzten Methoden bisweilen recht rabiat sind.

    - China hält seit langem ausländische Internet-Firmen aus seinem Netz fern und zensiert unerwünschte Inhalte. Zu allen wesentlichen westlichen Diensten gibt es chinesische Pendants. Seiten im Ausland sind oftmals nicht erreichbar.

    - Russland hat 2019 die Voraussetzungen geschaffen, um ein solches nationales "Intranet" zu errichten. Zudem haben die Behörden versucht, Dienste wie etwa Telegram zu blockieren.

    - Zahlreiche Autokratien gängeln das Netz oder schalten Teile davon ab. Jüngstes Beispiel: Weißrussland.

    - Auch in den USA greife der Tech-Protektionismus um sich, kritisieren manche Beobachter. Die US-Administration geht beispielsweise gegen die beliebte App TikTok vor.

    - Indien hat bereits TikTok und viele weitere chinesische Apps ausgesperrt. Offizielle Begründung: Sicherheitsbedenken

    - In Europa könnte die umstrittene Urheberrechtsreform dazu führen, dass Inhalte aus dem Ausland nicht mehr erreichbar sind. Immer wieder ist zudem auch hier die Rede von "mehr Souveränität" im Netz

    Natürlich greifen alle Maßnahmen auf der unterschiedliche Art in der freie Netz ein und natürlich ist die jeweilige Motivation eine andere. Neben dem eigenen Machterhalt, spielen auch protektionistische Erwägungen eine Rolle. In Europa sollen eigene Regeln vor allen Daten schützen und im Kampf gegen Kampf gegen Hass und Desinformation helfen.

    Zu welchem Splitter will man dazu gehören?

    Allerdings könnte es in einer Welt, in der das World Wide Web nicht mehr ganz so world wide ist, auch Verlierer geben. "Sollen asiantische, afrikanische, südamerikanische Länder nun dem chinesischen, us-amerikanischen oder europäischen Netz anpassen? Das ist sehr teuer", sagte zum Beispiel Li Xin, Geschäftsführerin der chinesischen Mediengruppe Caixin im Januar auf der Digitalkonferenz DLD. In einem Splitternet werden sich viele Länder eben irgendwann entscheiden müssen, zu welchem Splitter sie eigentlich dazu gehören wollen.

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