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Corona mit Aluhut: In der Pandemie sprießen die Verschwörungsmythen

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    FAQ: Wie Verschwörungstheorien funktionieren

    Egal ob Corona, 9/11 oder der Tod von Lady Diana: Sobald uns etwas bewegt, sprießen die Verschwörungstheorien. Aber warum? Und was macht sie so gefährlich? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Verschwörungsglauben.

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    Von
    • Christian Schiffer

    Verschwörungstheorien sind mannigfaltig. Hier nur ein paar Beispiele: Microsoft-Gründer Bill Gates hat Corona über uns gebracht, um dank Covid19-Impfungen noch reicher zu werden. Die Juden kontrollieren Medien und Wirtschaft. Und die Kondensstreifen am Himmel sind keine Kondensstreifen, sondern sogenannte "Chemtrails", die von den sogenannten "Eliten" versprüht werden, um uns alle zu kontrollieren.

    Immer ist es eine kleine Gruppe von Menschen oder sogar Einzelpersonen, die im Verborgenen die Fäden ziehen und schuld sein sollen an dem schlechten Zustand der Welt oder einem negativen Ereignis.

    Was sind Verschwörungstheorien?

    Im Gegensatz zu anderen Theorien sind Verschwörungstheorien meist nicht widerlegbar. Wer Erkenntnisse präsentiert, um die Theorie zu falsifizieren, gilt oft als Teil der Verschwörung oder zumindest als interessengeleitet und korrupt. Um Verschwörungstheorien abzugrenzen von Theorien, wie sie vor allem in der kritisch-wissenschaftlichen Praxis zur Gewinnung von Erkenntnissen genutzt werden, sprechen manche auch von "Verschwörungsglaube", "Verschwörungsmythos" oder "Verschwörungserzählungen".

    Hartnäckig hält sich zudem das Gerücht, der Begriff Verschwörungstheorie sei von der CIA in die Welt gesetzt worden, um Menschen zu diskreditieren, die abweichende Auffassungen zur Ermordung von John F. Kennedy vertreten. Das ist nicht der Fall. Der Begriff taucht viel früher auf und wurde durch den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper popularisiert.

    Was zeichnet Verschwörungstheorien aus?

    Zentral ist bei vielen Verschwörungstheorien die Fragen nach dem "Cui bono?", zu Deutsch: Wem nützt das? Allerdings produzieren Krisen und negative gesellschaftliche Zustände immer Verlierer und zugleich auch Gewinner und das eine muss mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun haben. Der Bauer profitiert vom Regen – und lässt es trotzdem nicht regnen.

    Verschwörungstheorien zeichnen sich zudem oft dadurch aus, dass sie die Welt in Gut und Böse einteilen. Viele Verschwörungstheoretiker geben zudem vor, "nur Fragen zu stellen", obwohl sie die Antwort schon längst zu kennen glauben. Zweifel, Zufälle, Ambivalenzen, Leerstellen, Unsicherheiten, aber auch menschliche Fehler und Inkompetenz, das alles kommt in der Welt der Verschwörungstheorien nur selten vor – wenn überhaupt.

    Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?

    Eines ist klar: Verschwörungstheorien erzählen immer die bessere Geschichte. Und gerade zu Ereignissen, die uns sehr bewegen, wollen wir eine Erklärung hören, die mindestens so spektakulär ist wie das Ereignis selbst. Dass Lady Diana nur deswegen ums Leben gekommen ist, weil ihr Fahrer alkoholisiert war, das scheint uns dann zu banal, genau wie die Tatsache, dass am 11. September 2001 nicht einmal 20 Personen mit Teppichmessern und Pfefferspray die Welt aus den Angeln gehoben haben sollen.

    Verschwörungstheorien machen zudem ein abstraktes Thema greifbar. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie ein Virus vom Tier auf den Menschen überspringt. Sich vorzustellen, dass Bill Gates ein Virus in einem geheimen Labor zusammenpanscht, lässt hingegen das Kopfkino anlaufen. Damit einher geht dann oft die Konstruktion von Feindbildern, denen man die Schuld an dem Schlamassel geben kann, was auch der Grund ist, weshalb sich Populisten so gerne Verschwörungserzählungen bedienen .

    Wer glaubt an Verschwörungstheorien?

    Prinzipiell kann jede und jeder zum Verschwörungstheoretiker werden. Ältere Männer gelten allerdings als besonders anfällig für den Verschwörungsglauben, es gibt aber auch Verschwörungserzählungen, die unter Frauen populär sind, etwa die sogenannte "Impf-Lüge" oder Chemtrails.

    Grundsätzlich gilt: Vor allem Menschen, die sich hilflos fühlen und ein Gefühl von wenig "Selbstwirksamkeit" haben, wie das die Psychologen nennen, sind besonders empfänglich für Erzählungen, die ihnen eine Erklärung für ihre Situation anbieten. Für viele Menschen, die unter der Corona-Krise leiden, mag es sogar etwas Tröstliches haben, sich vorzustellen, dass Corona doch nur ein Lügenmärchen ist, an dem Bill Gates oder der US-amerikanische Investor George Soros die Schuld tragen. Hinzu kommt, dass es dem eigenen Selbstbewusstsein gut tun kann, zu glauben, man verfüge über eine Art Geheimwissen: "Die anderen, das sind die schlafwandelnden Schlafschafe, aber ich weiß, was wirklich los ist!".

    Das Problem dabei: Der Glaube an Verschwörungstheorien ist nur eine Pseudolösung, er führt zu noch mehr Wut, Angst und Hilflosigkeit. Denn gegen die finsteren Mächte, die alles und jeden kontrollieren, kann man eben nichts ausrichten.

    Sind Verschwörungstheorien gefährlich?

    Ohne Zweifel haben Verschwörungstheorien sehr viel Leid über die Menschheit gebracht, das gilt vor allem für die Idee einer "jüdischen Weltverschwörung", die letztlich in der Shoa und der Vernichtung der europäischen Juden mündete.

    Auch beim rechten Terror der letzten Jahre, etwa 2019 im neuseeländischen Christchurch, spielten immer Verschwörungstheorien eine Rolle, etwa die des "großen Austauschs", wonach die "weiße" Bevölkerung nach und nach durch Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika ausgetauscht werden soll. Nicht zu vergessen der Reichsbürger, der 2016 in Georgensgmünd einen Polizeibeamten tötete oder die Bluttaten in Halle oder Hanau. Bei all diesen Morden wähnten sich die Täter in einem "Widerstand" gegen die mächtigen Verschwörer. Im "Widerstand" erscheint dann jedes Mittel gerechtfertigt, auch Gewalt.

    Wo hört kritisches Denken auf und wo fangen Verschwörungstheorien an?

    MKULTRA, Watergate, Gladio: Ja, es kommt vor, dass Verschwörungstheorien sich als wahr herausstellen. Und natürlich soll man Fragen stellen, kritisch sein und auch skeptisch. Allerdings sind Verschwörungstheoretiker sehr wählerisch, was ihre Skepsis angeht. Die betrifft in der Regel nämlich nur all das, was Wissenschaftler oder Medien sagen, während den eigenen Verschwörungsmythen mit einem fast schon naiven Kinderglauben begegnet wird. Skepsis ist aber keine Einbahnstraße.

    Zudem sollte man es mit "Ockhams Rasiermesser" halten und eher die Theorien bevorzugen, die möglichst wenig Variablen enthalten. Viele Verschwörungstheorien aber sind kompliziert und gehen von vielen Voraussetzungen und Mitwissern aus. Ist die Theorie, wonach Bill Gates absichtlich Corona über die Menschheit gebracht hat, wirklich die naheliegendste und stringenteste Theorie, um diese Pandemie zu erklären? Oder ist es nicht doch sehr viel wahrscheinlicher, dass es sich um eine Zoonose handelt - also die Übertragung eines Virus vom Tier auf den Menschen? Wilhelm von Ockham zumindest wüsste wohl sehr genau, welcher Theorie er den Vorzug geben würde.

    Was kann ich tun, wenn Angehörige und Freunde in die Verschwörungswelt abgleiten?

    Die Großtante nervt die Verwandtschaft auf der Weihnachtsfeier mit kruden Thesen zu Corona? Der Ehemann fängt plötzlich an über die angeblichen Machenschaften von George Soros zu schwadronieren? Der Rechtsaußen in der Thekenmannschaft erklärt alle andere zu "Schlafschafen", weil sie noch nicht an QAnon glauben? Der Glaube an Verschwörungsmythen kann Freundschaften zerstören und Familien auseinanderreißen. Leider gibt es Deutschland zu wenig Einrichtungen, an die sich Menschen wenden können, die sich diesbezüglich Sorgen machen um Freunde und Angehörige. Am ehesten kann man sich Hilfe bei Sektenberatungsstellen holen.

    Klar ist, dass der Verschwörungsglaube eine tiefsitzende Ideologie ist, die auch einen wichtigen Teil der Identität der Betroffenen ausmacht. Kritik an den Verschwörungserzählungen wird oft als Angriff auf einen selbst empfunden. Trotzdem sollte man dagegenhalten, allerdings sachlich und empathisch. Und man sollte sich klar darüber sein, dass der Weg aus der Verschwörungswelt heraus sehr lang sein kann.

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