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US-Wahl 2020: Die Schlacht im Netz | BR24

© Screenshot / BR

Team Joe: Joe Bidens Wahlkampagne ist auch im Computerspiel Animal Crossing vertreten

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    US-Wahl 2020: Die Schlacht im Netz

    Werbung, Memes, Psychologische Kriegsführung: Donald Trump und Joe Biden kämpfen online um jede Stimme. Dabei werden auch völlig neue Formen des Wahlkampfs erprobt.

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    "Animal Crossing: New Horizons" ist ein knuffiges Spiel. Die Figuren sind knuffig, die Bäume sind knuffig, ja sogar Brücken, Fische oder Wespennester sind knuffig. Weit über 13 Millionen mal hat sich das Nintendo-Spiel bislang verkauft, welches im März 2020 erschienen ist. "Animal Crossing", das ist die kunterbunte Antithese zur tristen Corona-Realität, eine Mischung aus Lebenssimulation und Kreativbaukasten und ein Feel-Good-Game, in dem man eigentlich gar nicht mal so viel mehr tut, außer mit anderen zu angeln, zu ernten und zu werkeln. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet dieses Spiel Teil eines überaus unknuffigen US-Wahlkampfs geworden ist. Denn das Wahlkampf-Team von Joe Biden hat in Animal Crossing eine eigene Insel erstellt, auf der man sich mit Werbeplakaten eindecken oder ein virtuelles Wahlkampfbüro besuchen kann.

    Obama verdankte seine Widerwahl auch Big Data

    Barack Obama hat schon 2008 mit Werbung in Computerspielen experimentiert und natürlich mit Social Media. Der 2008-Wahlkampf war der erste, in dem soziale Medien eine größere Rolle spielten und Barack Obama fühlte sich auf Twitter, Facebook und, längst vergessen, auf Myspace sehr viel wohler als sein Kontrahent John McCain. Wirklich Wahlentscheidend wurde das Netz dann nach Meinung vieler Experten bei der Wahl im Jahr 2012, als vor allem die Obama-Kampagne auf Big Data und Microtargeting setze. Damals zeigten sich viele Beobachter angetan und beeindruckt davon, wie passgenau es dem Wahlkampfteam um Barack Obama gelang, Wähler aber auch Spender anzusprechen.

    2016: Trolle als Wahlkampfhelfer

    Aber genau dieses Microtargeting, in einer extremen Form, soll auch Donald Trump 2016 zum Sieg über Hillary Clinton verholfen haben soll. Zumindest hatte sich die Trump-Kampagne die Dienste der berüchtigten Datenanalysefirma Cambridge Analytica gesichert. Die Firma sorgte 2018 für einen Skandal, als öffentlich wurde, dass sie unerlaubterweise an die Daten von Millionen Facebook-Nutzern gelangt war. Inwieweit aber die Arbeit von Cambridge Analytica entscheidend war für den Sieg von Donald Trump, das ist bestenfalls umstritten. Viel deutet darauf hin, dass die Versprechungen der Firma nicht viel mehr waren als heiße Luft.

    Entscheidender dürfte da schon die freiwilligen Troll-Armeen gewesen sein, die für Donald Trump Wahlkampf im Netz machten und das Netz mit Mems fluteten. Dieser neuen Form der politischen Auseinandersetzung hatte die Clinton-Kampagne wenig entgegenzusetzen.

    2020: Trump dominiert die sozialen Medien, Biden die Fernsehapparate

    2020 ist einiges anders. Twitter beispielsweise hat bezahlter politische Wahlkampf-Werbung einen Riegel vorgeschoben, Facebook ist weniger konsequent, verbietet Wahlkampf-Werbung aber zumindest in der Woche vor der Wahl. Auch Google hat reagiert und erschwert personalisierte Werbung. Insgesamt scheint die Trump-Kampagne in den sozialen Netzwerken besser aufgestellt, zumindest was die Anzahl der Fans und Follower, sowie der Interaktionen anbelangt.

    Insgesamt hat die Wahl-Kampagne von Joe Biden ein größeres Budget, aber wenn es um Facebook-Werbung geht, da gibt Donald Trump mehr aus, insgesamt fast 110 Millionen Dollar (Biden 98 Mio. Dollar). Inwieweit das einen Unterschied machen wird, ist schwer einzuschätzen. Ebenso schwierig ist die Frage zu beantworten, welche Rolle Messenger wir WhatsApp im US-Wahlkampf spielen. Vor allem Latinos kommunizieren über den Messenger und dort kursieren auch Wahlkampfbotschaften.

    2020: Auch die Demokraten können online

    Klar ist hingegen, dass sich Bidens Kampagne sich eher auf das Fernsehen konzentriert, was aber nicht heißt, dass sein Wahlkampf nicht auch im Netz stattfinden würde, ganz im Gegenteil: Der Demokratischen Partei gelang ein virtueller Nominierungsparteitag, der aus der Corona-Not eine Tugend machte. Das Event wirkte persönlich, sympathisch und sogar etwas heimelig. Und erst vor einigen Tagen ging ein witziger Anti-Trump-Spot auf Twitter viral.

    Schützenhilfe erhält Joe Biden vom Lincoln Project, einer Initiative in der sich Republikaner zusammengeschlossen haben, die eine Wiederwahl von Donald Trump verhindern möchten. Die Spots des Lincoln Projekts erregen viele Aufmerksamkeit, weil sie provokant sind und mit den Mitteln der psychologischen Kriegsführung arbeiten, um Trump und seine Anhänger mürbe zu machen.

    In den nächsten Tagen entscheidet sich, ob es den Demokraten 2020 gelungen ist, ihre Defizite im Online-Wahlkampf auszugleichen. Mit der Ruhe auf knuddeligen Computerspielinseln könnte es in Zukunft aber so oder so vorbei sein - zumindest dann, wenn US-Wahlkampf ist.

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