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US-Wahl 2020: Auch auf Wikipedia tobt der Kampf | BR24

© pa/AA/Ali Balikci

Wikipedia-Einträge sind vor der US-Wahl teils hart umkämpft - und bleiben es wohl auch danach.

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    US-Wahl 2020: Auch auf Wikipedia tobt der Kampf

    Wikipedia hat sich vom Schmuddelkind zum Internet-Vorzeige-Projekt entwickelt. Doch der Info-Kampf um das Weiße Haus bedroht auch die Internet-Enzyklopädie. Doch Wikipedia besitzt eine ungewöhnliche Superkraft.

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    Wer zwischen 2001 und 2011 eine Schule oder Universität besucht hat, dem hallt diese die Warnung sicher noch im Ohr: Niemals Wikipedia als Quelle benutzen. Nicht für Referate, nicht für Hausarbeiten, höchstens in der Freizeit. Der Vorwurf: Bei Wikipedia könne jeder jederzeit jeden Artikel beliebig verändern und so Halb- oder Falsch-Informationen einschmuggeln.

    Rund 20 Jahre nach der Gründung hat sich – trotz Makeln und Fehlern - geändert. Auch dank einer Community, die auf Quellenangaben besteht, Informationen immer wieder prüft und bereit ist, auch über Kleinigkeiten lange Diskussionen zu führen, umweht Wikipedia ein seltener Hauch von Objektivität. Ein hohes Gut in mehr oder weniger stark polarisierten westlichen Gesellschaften.

    Wikipedia, die letzte neutrale Quelle?

    Vor allem der Ruf eine neutrale Wissensquelle zu sein, bringt Wikipedia vor der US-Wahl jedoch Bedrängnis, wie das US-Techportal "Wired" berichtet. Da sich Liberale und Konservative in den Vereinigten Staaten zumindest darüber halbwegs einig sind, dass das, was bei Wikipedia steht, „stimmt“, kommt dem Portal in Kampf um Wahrheit und Lüge eine wichtige Rolle zu.

    Behauptet Donald Trump oder Joe Biden öffentlich etwas, wäre es für den jeweiligen Kandidaten hilfreich, wenn auch Wikipedia diese Behauptung belegen würde. Es gibt also gute Motive für die Wahl-Kampagnen bei wichtigen und umstrittenen Themen, an Wikipedia-Einträgen zu schrauben und hier und da einen alternativen Fakt einzubauen.

    Schlacht um Harris‘ Wikipedia-Artikel

    In der Realität zeigten sich solche "Edit Wars" beispielsweise auf der Wikipedia-Seite von Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris. Wie "The Atlantic" berichtet, versuchten Harris-Gegner etwa ihre afro-amerikanische Herkunft aus dem Wikipedia-Beitrag zu löschen, da ihre Mutter Inderin ist (ihr Vater ist gebürtiger Jamaikaner mit afrikanischen Wurzeln). Dies sollte sie für schwarze Wähler unattraktiver machen. Zudem war eine sexistische Verballhornung ihres Vornamens für zwei Minuten der offizielle Titel des Wikipedia-Beitrags, bevor ein Editor ihn zurück in Kamala änderte.

    Zugleich versuchten Harris-Fans laut "The Intercept" schon vor Bidens Entscheidung, sie zu seiner „Running Mate“ zu machen, einige kritische Stellen aus ihrem Wikipedia-Beitrag zu tilgen. So wurden Entscheidungen und Aussagen aus ihrer Karriere als Juristin entfernt, die sie bei liberalen und progressiven Wählern schlecht dastehen lassen könnten.

    Nur erfahrene Nutzer dürfen ändern

    Um das zu verhindern, hat Wikipedia wie schon bei Corona-Themen seine Editier-Regeln geändert. Im Fokus stehen vor allem die Artikel, die sich direkt mit der US-Wahl auf verschiedenen Ebenen beschäftigten, oder mit Personen, die bei der Wahl eine wichtige Rolle spielen. All diese Wikipedia-Einträge sind schon jetzt nicht mehr für jeden veränderbar.

    Anpassungen können nur von Editoren vorgenommen werden, die seit mindestens 30 Tagen dabei sind und schon mehr als 500 Artikel-Änderungen vorgenommen haben. Neulinge, die sich nur anmelden, um Wikipedia-Vandalismus zu betreiben, sollen so abgehalten werden. Zudem werden zahlreiche eingesessene Editoren sofort benachrichtigt, falls sich doch etwas an den heiklen Artikeln ändert. Sie können dann gemeinsam Falschinformationen schnell ausmerzen.

    Wahlergebnis im Fokus

    Besonderes Augenmerkt legt Wikipedias Community laut "Wired" auf das Wahlergebnis selbst. So mancher Beobachter geht davon aus, dass durch eine enorme Zunahme von Briefwählern das offizielle Endergebnis recht lange auf sich warten lassen könnte. Zudem wird vermutet, dass gerade Demokraten die Corona-Pandemie eher ernster nehmen und daher ihre Stimme per Brief abgeben. Das könnte dazu führen, dass der Republikaner am Wahlabend in einigen wichtigen Bundesstaaten führt, nach der Auszählung der Briefwahlstimmen in den Tagen danach jedoch Biden vorne liegt. Doch was, wenn sich in dieser Situation Trump zum Sieger kürt?

    Wikipedia will daher verhindern, dass auf seinem Portal vorschnell Wahlsieger ausgerufen oder Wahlergebnisse publiziert werden. Das könnte eine potentiell ohnehin hitzige Stimmung im Land darüber, wer denn nun rechtmäßig gewonnen habe, noch weiter aufheizen. Ein Szenario, das auch Facebook fürchtet und wohl mit drastischen Mitteln bekämpfen will.

    Daher werden laut "Wired" wohl nur wenige, vertrauenswürdige und erfahrene Administratoren das Recht haben, ein Wahlergebnis auf dem Portal einzutragen – und natürlich auch nur dann, wenn sie es mit einer seriösen Quelle belegen können.

    Langsamkeit als Superkraft

    Dieses Vorgehen wird Wikipedia Zeit kosten. Während manch besonders schnelle News-App vielleicht schon zum dritten Mal ein Wahlergebnis pusht, wird bei Wikipedia vielleicht noch nichts davon zu lesen sein. Als spendenfinanziertes Portal kann es sich dem Wettbewerb um Klicks entziehen und auch langwierigen Diskussionen Raum geben - oder wie "Wired" schreibt: "Langsam zu sein war und ist Wikipedias Superkraft."

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