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Trauer digital: Wie das Netz den Umgang mit dem Tod verändert | BR24

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Menschen sterben, das war schon immer so. Wie aber um sie getrauert wird, das verändert sich. Heute gedenkt man Verstorbener oft im Netz - und das hat Folgen. Für die Angehörigen, aber auch für Facebook & Co.

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Trauer digital: Wie das Netz den Umgang mit dem Tod verändert

Menschen sterben, das war schon immer so. Wie aber um sie getrauert wird, das verändert sich. Heute gedenkt man Verstorbener oft im Netz - und das hat Folgen. Für die Angehörigen, aber auch für Facebook & Co.

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„Sterben mit Swag“, so heißt der Internet-Blog von Dmitrij Panov, auf dem der 25-Jährige im lakonischen Tonfall sein Leben mit einer Tumor-Erkrankung schildert. Der Psychologiestudent schreibt über Schmerzen und Morphiumpflaster, über Filme des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki und über trockene Mundschleimhaut als Folge der Medikamente. Der letzte Eintrag stammt vom 8.10.2016, es handelt sich um eine letzte Botschaft an seine Freunde und Verwandte.

"Lebt wohl, meine Freunde, war schön mit euch. Leb wohl, Welt, du warst die tollste, in der ich hätte sein können. Leb wohl, Leben, ich hätte kein besseres haben können." Dmitrij Panov, Sterben mit Swag, Oktober 2016

Als die Nachricht erscheint, ist Dmitrij Panev schon verstorben, seine beste Freundin Sabine stellt sie für ihn auf den Blog. "Sterben mit Swag" ist auch heute noch online. Es ist Dimitrijs digitales Vermächtnis - oder zumindest ein wichtiger Teil davon.

Denn Dmitrij war auch auf Facebook, er unterhielt ein Konto auf der Filmseite Moviepilot, wo er bisweilen Filmrezensionen verfasste. Natürlich hatte er einen E-Mail-Account, besaß Computerspiele auf der digitalen Plattform Steam. Er war ein penibler Mensch, führte beispielsweise genau Buch darüber, wer welche DVD aus seinem Besitz bekommen sollte, wenn er einmal nicht mehr da ist.

Facebooks Gedenkzustand

Seine letzte Nachricht erscheint zusätzlich auch auf Facebook, sein dortiges Profil wird in den sogenannten "Gedenkzustand" gesetzt. Der Gedenkzustand auf Facebook wird dann ausgelöst, wenn Facebook über den Tod eines Menschen informiert wird. Im schönstes Facebook-Bürokraten-Deutsch nennt sich das dann "Antrag auf Herstellung des Gedenkzustands". So einen Antrag kann jeder stellen, man muss allerdings einen Beleg mitschicken, etwa die Sterbeurkunde oder eine Todesanzeige.

Gedenkzustand heißt: Auf der Seite erscheint "In Erinnerung an", zudem kann man zu Lebzeiten einen Nachlassverwalter bestimmen. Diese Person kann dann eine allerletzte Nachricht im Namen des Verstorbenen posten, etwa Informationen zu einer Gedenkfeier oder eine letzte Botschaft an Freunde und Bekannte, wie etwa im Fall von Dmitrij.

Technik und Pietät gehen nicht immer Hand in Hand

Im April 2019 hat Facebook den Umgang mit toten Mitglieder auf Facebook nochmal überarbeitet. Unter anderem wird nun künstliche Intelligenz eingesetzt, um "schmerzhafte Erfahrungen" zu verhindern. Bislang konnte es zum Beispiel passieren, dass Facebook empfahl, jemanden doch bitteschön zu einer Party einzuladen, obwohl dieser Jemand längst verstorben ist.

Auch an solchen Beispielen sieht man: Die Technik kann der Pietät im Weg stehen. Und gerade auf Facebook werden die Herausforderungen, die das Trauern im Digital-Zeitalter mit sich bringt, vermutlich eher größer werden, als kleiner.

Wird Facebook zu einem gigantischen Friedhof?

2,4 Milliarden Menschen nutzen weltweit die blauen Seiten. 2,4 Milliarden Menschen, die krank werden können, älter werden und irgendwann sterben. "Ich gehe davon aus, dass in 50 Jahren ein Großteil der Facebook-Profile toten Menschen gehören werden. Statistisch führt da kaum ein Weg daran vorbei", sagt deswegen Carl Öhman.

Der Internetforscher von der University of Oxford hat im Mai 2019 eine Studie vorgelegt, die sich mit dem Umgang Facebooks mit toten Mitgliedern beschäftigt. Er befürchtet, dass sich Facebook nach und nach zu einem gewaltigen Friedhof verwandeln könnte, auf dem Milliarden Profile von Toten ihre letzte Ruhe finden.

Facebook selbst gibt sich bei dem Thema eher zugeknöpft. Ein Interview möchte man dazu lieber nicht geben, aber immerhin kann der Konzern mit ein paar Zahlen dienen. Insgesamt gäbe es mittlerweile einige hunderttausend Profile toter Facebook-Kunden. 30 Millionen Menschen würden solche Profile jeden Monat besuchen, um zu trauern.

Das Netz macht das Trauern einfacher

Das Problem: Anders als das Friedhofswesen, für das in der Regel die öffentlichen Hand zuständig ist, ist Facebook ein börsennotiertes Unternehmen, das Profite einfahren muss. "Wir vergessen schnell, dass Blogs und soziale Netzwerke von irgendjemand zur Verfügung gestellt, aber auch wieder weggenommen werden können", sagt Sabine, Dmitrijs beste Freundin.

Doch das Trauern im Netz habe auch seine Vorteile, man sei zum Beispiel unabhängig von Öffnungszeiten und Verwaltungen. Und so hat das Trauern im Digitalzeitalter auch etwas Gutes: Es war noch nie so einfach, seinen Liebsten zu gedenken.