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TikTok und die Angst vor einem 3. Weltkrieg | BR24

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TikTok wird vor allem bei jungen Nutzern immer beliebter

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    TikTok und die Angst vor einem 3. Weltkrieg

    Eine 18-jährige verbreitet zum Konflikt zwischen den USA und dem Iran eine besorgte Instant-Analyse auf TikTok. Die Reaktion auf den kurzen Clip sind - auch wegen einiger Falschinformationen im Video - heftig. Über alte Ängste auf neuen Plattformen.

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    2.815 Videos hat die 18-jährige Schülerin Laura Sophie bisher auf der Video-Plattform TikTok veröffentlicht, auf der ihr 2,2 Millionen User folgen. Normalerweise macht Laura Sophie kurze Clips zu Hausaufgaben, zu Schulpausen und zu der Frage, ob der Animationsfilm Frozen 2 nun besser oder schlechter ist als sein Vorgänger. Vor ein paar Tagen aber, knöpfte sich die Schülerin ausnahmsweise die Weltpolitik vor. In einem Video tanzte sie angesichts der Tatsache, dass Deutschland ausnahmsweise mal nicht an einem Weltkrieg schuld sein werde und spielte damit auf den Konflikt zwischen dem Iran und der USA an.

    Dann veröffentlichte sie noch einen Clip. In diesem versuchte sie zu erklären, weshalb aufgrund der aktuellen Eskalation der Spannung zwischen den USA und dem Iran ein dritter Weltkrieg ausbrechen könnte. Allerdings: In dem gut einminütigen Video wird fälschlicherweise behauptet, Iran verfüge über Atomwaffen und die NATO-Mitglieder müssten den USA in einem Konflikt mit dem Iran beistehen.

    Nach Kritik aus allen Richtungen - von Politikern, Medien und vielen Usern - löschte die Schülerin beide Videos und entschuldigte sich mehrmals. In Zukunft wolle sie sich zu politischen Themen nur noch privat äußern.

    Genau jetzt könnte Laura Sophies Ausflug in die Politik zu Ende sein - wenn er nicht aus mindestens vier verschiedenen Gründen bemerkenswert wäre.

    Erstens: Was auf TikTok passiert, bleibt längst nicht mehr auf TikTok

    Es ist das erste Mal, dass der Inhalt eines TikTok-Videos in Deutschland für so viel Aufsehen sorgt. Die Videoplattform, die zu der chinesischen Forma Bytedance gehört, ist vor allem bei einer sehr jungen Zielgruppe beliebt, politische Inhalte sind dort eher nicht anzutreffen, auch wenn das ein oder andere Schminkvideo dazu genutzt wird, um subtil Kritik am Umgang der chinesischen Regierung mit den Protesten in Hongkong zu üben. Auf TikTok dominieren kurze Sketche, Tanz -und Karaoke-Videos, Alltagsfragen. Die Plattform gleicht einer neuen Form des Fernsehens, die kurzen Clips entwickeln eine beträchtliche Sogwirkung und die verschiedenen Tools und Filter sorgen bisweilen geradezu für eine kreative Explosion.

    "Broadcast Yourself" - Segen und Fluch zugleich

    "Broadcast Yourself" ist eigentlich der Slogan von Youtube. Heute passiert "Broadcast Yourself" aber immer öfter auf TikTok. Sprach der Künstler Andy Warhole noch von 15 Minuten Ruhm, die jeder irgendwann in der Zukunft genießen könnte, sind es bei TikTok genau 15 Sekunden. Genau so lang dauern die Clips in der Regel.

    Die Kehrseite des Ruhms heißt heutzutage Shitstorm. Vor fast genau zehn Jahren ging der Fall der damals elfjährigen Jessi Slaughter um die Welt, die aufgrund ihrer Youtube-Clips das Opfer von Mobbing wurde und sogar unter Polizeischutz gestellt werden musste. Das Klima im Netz ist seitdem nicht milder geworden. Erschwerend kommt hinzu: TikTok-Clips können auch auf anderen Plattformen geteilt werden und ziehen deshalb viel größere Kreise.

    Zweitens: Es gibt einen medialen Rezo-Komplex

    Kein deutsches Video war 2019 auf YouTube erfolgreicher als Rezos 55 Minuten lange Philippika, die sich vor allem gegen die Unionsparteien richtete. "Die Zerstörung der CDU" wurde bis heute über 16 Millionen mal angeklickt. Nicht nur die Parteien waren von dem Hype um das Video überrascht worden, auch viele Medienschaffende. Die heftige Reaktion auf das kurze Video von Laura Sophie zeigt, dass die Sensibilität für politische Aussagen von Influencern gewachsen ist.

    Drittens: Die Angst ist real

    Laura Sophies Clip kam nicht aus dem Nichts. Seit Tagen verarbeiten junge Menschen ihre Angst vor einem dritten Weltkrieg auf Plattformen wie Twitter oder eben TikTok. Auf Twitter trendete der Hastag #WWIII, zeitweise war die Website des Selective Service nicht mehr erreichbar. Die US-Behörde gibt hier Auskunft darüber, welche Wehrpflichtigen im Falle eines Verteidigungsfalles herangezogen werden müssen.

    Die Angst vor einem Atomkrieg ist nicht neu. Sorgen vor der Apokalypse gehörten im Ost-West-Konflikt zur Tagesordnung, kamen auch nach Tschernobyl auf, während des zweiten Golfkriegs, nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und spielen auch in der Debatte um den Klimawandel eine Rolle.

    Neu ist, dass diese Angst in den sozialen Medien Bühne und Ventil findet. Viele der Clips zum Thema dritter Weltkrieg triefen vor schwarzem Humor und Defätismus, sind aber zugleich kreativer Ausdruck einer jungen Generation, die versucht, mit politischen Situationen, die sie als bedrohlich empfindet, umzugehen. Und: Angst vor dem dritten Weltkrieg haben offenbar nicht nur junge TikTok-User. Die Frage nach einem möglichen 3. Weltkrieg wird auch in etablierten Medien aufgeworfen.

    Viertens: Auf TikTok fehlen vertrauenswürdige Informationsangebote

    TikTok ist eine relativ neue Plattform – und sie ist keineswegs unumstritten. Egal, ob es um den chinesischen Einfluss geht, um Jugend– und Datenschutzprobleme oder die intransparente und fragwürdige Moderation der Plattform: TikTok steht fast wöchentlich in der Kritik. Auch deswegen rufen Experimente etablierter Medien auf der Plattform skeptische bis ablehnende Reaktionen hervor. Das Beispiel Laura Sophie zeigt aber, dass auch seriöse Medienmarken die Plattform in den Blick nehmen müssen. Denn Falschaussagen tritt man am besten dort gegenüber, wo sie entstehen.