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Mitglieder der LGBTQ-Community auf TikTok sind oft vorsichtig bei der Benennung konkreter Begriffe

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    TikTok: Mitglieder der LGBTQ-Community zensieren sich selbst

    Werden Begriffe wie "schwul" oder "transsexuell" von TikToks Algorithmus stummgeschaltet? Beweise gibt es dafür nicht. Dennoch wagen es einige deutsche TikTok-Accounts nicht, die Wörter in Videos auszuschreiben. Die Folge: vorauseilende Selbstzensur.

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    Von
    • Gregor Schmalzried

    Über 10 Millionen Menschen in Deutschland nutzen die Video-App TikTok - die meisten von ihnen sind jung. Doch der Plattform, die dem chinesischen Konzern ByteDance gehört, wird immer wieder vorgeworfen, bestimmte Inhalte zu unterdrücken. Nun werden einige Accounts in Deutschland aktiv - und zensieren vorsorglich Texttafeln mit Bezug auf Homosexualität oder andere sexuelle Orientierungen.

    Kreative Selbstzensur

    "Darauf gekommen, bei TikTok Begriffe zu zensieren, bin ich über andere TikToker*innen, bei denen ich das gesehen habe", erzählt Maximilian Pichlmeier. Auf seinem TikTok-Kanal @maxls_pics informiert er über 20.000 Follower rund um Themen der LGBTQ-Community. Doch das Wort "schwul" sucht man auf seinem Account vergeblich. Zwar hört man es ihn oft sagen - doch in den Texttafeln seiner Videos tauchen Schreibweisen wie "s<hwul", "h0m0segsuell" oder "g@y" auf.

    © Screenshots / TikTok
    Bildrechte: Screenshots / TikTok

    Screenshots zeigen unterschiedliche Schreibweisen für Begriffe aus der LGBTQ- und Social Justice-Community

    Mit dieser Praxis ist er nicht alleine. Viele junge Menschen verzichten in ihren TikTok-Videos darauf, Begriffe auszuschreiben, die mit Themen wie sexueller Orientierung in Verbindung stehen. In englischsprachigen TikToks hat sich bereits die Bezeichnung "le$bean" für "lesbian" verbreitet. Und auch in TikToks deutscher Accounts wird etwa aus dem Wortbestandteil "sexuell" gerne die Schreibweise "seggsuell" oder "6uell"

    Was will der TikTok-Algorithmus?

    Was auf den ersten Blick anmutet wie kreative Jugendsprache, hat einen ganz anderen Hintergrund. Die Begriffe werden zensiert, "weil viele andere TikToker*innen und ich selber auch das Gefühl haben, dass Videos in der Reichweite eingeschränkt werden, wenn Begriffe wie schwul, rassistisch, homosexuell oder das Wort Sex ausgeschrieben werden", erzählt der TikToker Maximilian Pichlmeier.

    Die Reichweite von TikTok-Videos ist stark vom Algorithmus der Plattform abhängig. Dieser entscheidet, wie vielen Personen ein Clip angezeigt wird. Auch wenn ein Account 20.000 Follower hat, kann die Aufrufzahl eines einzelnen Videos weit über, aber auch weit unter dieser Zahl liegen - je nachdem, wie sehr der Algorithmus das Video weiterverbreitet.

    Wie dieser Algorithmus genau funktioniert, ist unklar. So entwickelt sich ein eigenartiger Wettstreit: Creator auf der Plattform versuchen, Videos zu produzieren, die der Algorithmus möglichst gut bewertet - ohne aber zu wissen, wie dieser eigentlich funktioniert. "Reichweite mit seinem Videos, Likes, Follower, Aufmerksamkeit... All das bekommt man nur, wenn man nach den Spielregeln der Plattform spielt. Nur werden diese Spielregeln nicht kommuniziert", sagt Maximilian Pichlmeier.

    TikTok weist Vorwürfe zurück

    Dass der Algorithmus von TikTok nicht transparent gemacht wird, führt zu einem Problem: Niemand kann man mit Sicherheit sagen, ob Begriffe wie "schwul" oder "homosexuell" tatsächlich unterdrückt werden. Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks wies eine Specherin für TikTok die Vorwürfe zurück: "TikTok ist ein inklusiver Ort für positiven und kreativen Ausdruck und heißt jede*n willkommen. [...] Ein Teil dessen, was TikTok einzigartig macht, ist, dass unsere Community ihr authentisches Selbst ausdrücken können, und wir wollen nicht, dass sich das ändert."

    Tobias Henning, TikToks General Manager in Deutschland, hatte bereits im Februar 2021 der Zeit gesagt "Wir zensieren nicht. Wenn ein Content weder gegen unsere Nutzungsbedingungen noch gegen unsere Community-Guidelines und das NetzDG verstößt, moderieren wir auch nicht rein."

    Dennoch wurde TikToks Umgang mit Minderheiten in der Vergangenheit mehrfach kritisiert. 2020 war enthüllt worden, dass TikTok LGBTQ-Hashtags in einigen Ländern unterdrückt und per "Shadowban" unsichtbar gemacht hat. 2019 wurde bekannt, dass Menschen mit Behinderung vom Algorithmus weniger oft empfohlen werden - offiziell, um Cybermobbing zu verhindern.

    Der Algorithmus bleibt undurchsichtig

    Nicht alle LGBTQ-Accounts auf TikTok machen Gebrauch von der Möglichkeit, bestimmte Begriffe nicht auszuschreiben. Viele, wie das erfolgreiche lesbische "Savage Couple", belassen Begriffe wie "Homosexualität" im Original und zensieren nur in Einzelfällen.

    Dennoch haben sich die Methoden der Selbstzensur längst normalisiert. In den Kommentaren unter den Videos werden die eigenartigen Schreibweisen kaum thematisiert. Wenn doch jemand fragt, was es damit auf sich hat, sind in der Regel andere User schnell zur Stelle, um zu erklären, dass das am Algorithmus liege.

    TikToker Maximilian Pichlmeier sieht das kritisch. "Man will ja versuchen, Relevanz zu schaffen für queere Themen oder dass queere Menschen sichtbar werden. Und wenn man das nur in zensierter Form kriegt, finde ich das schon schwierig. Es könnte jemand immer den Hintergedanken haben: Hey, irgendetwas ist da doch nicht so 'normal' wie bei anderen Themen."

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