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TikTok drosselt offenbar Videos von Menschen mit Behinderung | BR24

© picture alliance/Da Qing/Imaginechina/dpa

Symbol der TikTok-App

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    TikTok drosselt offenbar Videos von Menschen mit Behinderung

    TikTok hat wohl bei Clips von Menschen mit Behinderung die Reichweite gedrosselt. Die Videoplattform sagt, man habe Nutzer vor Mobbing schützen wollen. Recherchen von Netzpolitik.org zeigen nun, wie die Verbreitung der Inhalte beeinflusst wird.

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    Eine Obergrenze für Inhalte von Menschen mit Behinderung - was wie ein schlechter Scherz klingt, war wohl mindestens bis September noch gängige Praxis auf der Videoplattform TikTok. Das berichtet das Blog Netzpolitik.org in einer umfangreichen Recherche. Demnach wurden systematisch Videos von Menschen mit Behinderung, aber auch von queeren oder übergewichtigen Personen, in ihrer Reichweite eingeschränkt. TikTok begründete das damit, die Betroffenen vor Mobbing schützen zu wollen.

    Netzpolitik.org beruft sich bei seinen Recherchen auf interne Moderationsregeln, in die die Journalisten Einblick hatten. Zudem haben sie mit einer Quelle gesprochen, die "Einblick in die Moderation" hat. Seit August haben Markus Reuter und Chris Köver an dem Thema recherchiert. "Uns hat der Erfolg der Plattform interessiert und da wollten wir mal schauen, was da passiert", sagt Reuter dem Bayerischen Rundfunk.

    Er sagt, sie habe vor allem überrascht, wie selbstverständlich politische Moderationsregeln für ein globales soziales Netzwerk übernommen wurden, die "eindeutig von der chinesischen Sicht auf die Welt beeinflusst" seien. Zudem wunderten sich die Journalisten darüber, wie wenig Gedanken man sich bei TikTok über bestimmte Themen machte.

    "Da wurden jahrzehntelange Debatten über Inklusion von Menschen mit Behinderung einfach ignoriert." Markus Reuter, Redakteur bei Netzpolitik.org

    Die Opfer werden bestraft, nicht die Täter

    Wie sah diese Reichweitendrosselung konkret aus? Die Moderatoren bei TikTok wurden angehalten, entsprechende Personen oder Inhalte mit einem sogenannten "Risk 4" zu markieren. Diese Markierung führte dazu, dass ein Post nur noch in dem Land sichtbar ist, in dem er veröffentlicht wurde. Für eine betroffene Person in Deutschland bedeutet das laut Netzpolitik ein Publikum von maximal 5,5 Millionen Menschen statt einer Milliarde – so viele Nutzer hat TikTok aktuell weltweit.

    Wie erkennen die Moderatoren entsprechende Beiträge? Als Beispiele nennt TikTok in seinen Richtlinien Videos, die Menschen mit einem "entstelltem Gesicht", "Autismus" oder "Downsyndrom" zeigen. Ob eine Person diese Merkmale zeigt, sollen die Moderatoren selbst beurteilen, meistens unter immensem Zeitdruck. Im Schnitt bleibt ihnen etwa eine halbe Minute pro Ticket.

    Mit diesen Regeln hat TikTok eine der Hauptforderungen von Aktivisten und Organisationen aus dem Inklusions-Bereich ignoriert, meint Markus Reuter - nämlich die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung zu erhöhen.

    "Es ist eine falsche Herangehensweise, wenn ein Netzwerk nicht diejenigen, die mobben bestraft, sondern die angeblich Gemobbten in der Reichweite begrenzt. Da läuft etwas schief." Markus Reuter, Redakteur bei Netzpolitik.org

    Zudem erweckt diese Methode natürlich auch den Verdacht, dass Menschen mit Behinderung für TikTok nicht in das lustige, fröhliche und unbeschwerte Weltbild passen, das die Plattform verbreiten will, so Reuter.

    TikTok selbst erklärte gegenüber Netzpolitik.org, dass man mit dieser Strategie "eine gute Absicht" verfolgt habe, sie aber "nie als langfristige Lösung" gedacht gewesen sei. Die Regeln seien erneuert worden. Nach Informationen von Netzpolitik.org waren sie mindestens bis September 2019 gültig, TikTok datierte sie jedoch auf ein früheres Datum.

    Auch politische Inhalte wurden in der Reichweite begrenzt

    Neben der Beschränkung von Inhalten von Menschen mit Behinderung hat TikTok offenbar auch ganz eigene Spielregeln, wenn es um Kritik am Unternehmen oder bestimmte politische Inhalte geht. "Die Dokumente, die wir einsehen konnten belegen, dass politische Inhalte für lange Zeit fast komplett in ihrer Reichweite eingeschränkt wurden", sagt Reuter.

    Bis die Regeln umfassender geändert wurden, habe es quasi einen Ausschluss von politischen Themen gegeben, so Reuter gegenüber dem BR. Bei den betreffenden Inhalten ging es um Demonstrationen, aber auch Kritik an Polizei oder Militär. Auch die Darstellung von politischen Figuren wurde demnach mit Reichweitenbegrenzung sanktioniert.

    "Nach allem, was wir wissen, erlauben TikToks Regeln auch heute noch, Inhalte von Protesten - wenn diese "in gewalttätige Konflikte münden könnten" - in der Reichweite zu begrenzen. Das ist ein absoluter Gummiparagraf in den Moderationsregeln, damit kann man eigentlich alle Proteste unsichtbar machen, wenn man will." Markus Reuter, Redakteur bei Netzpolitik.org

    Reichweite einschränken statt Löschen

    Was die Steuerung der Inhalte angeht, setzt TikTok ganz allgemein weniger auf Löschen, sondern auf ein mehrstufiges Verfahren des Verbergens oder Einschränkens – von Twitter ist diese Methode auch als sogenannter "Shadow Ban" bekannt. Das bedeutet, Nutzer können Inhalte hochladen und selbst auch sehen, aber sie tauchen nicht im Newsfeed auf und sind für andere nicht sichtbar.

    "Das System der Informationskontrolle bei TikTok ist ausgeklügelt, die Nutzer:innen bekommen im Zweifel gar nicht so richtig mit, dass sie ausgebremst werden. Das erschwert Protest gegen illegitime Löschungen deutlich." Markus Reuter, Redakteur bei Netzpolitik.org

    Neben der generellen Reichweitenbegrenzung gibt es bei TikTok noch Geoblocking, also das Sperren bestimmter Inhalte in manchen Regionen.

    Wie TikTok auf die Recherchen reagiert hat

    Wie hat TikTok auf die Fragen und Recherchen von Netzpolitik.org reagiert? Das ist insbesondere im Hinblick auf TikToks Umgang mit Kritik am eigenen Netzwerk spannend. Markus Reuter erzählt, dass das Unternehmen anfangs sehr schnell Fragen beantwortet habe, auch solche, die etwas tiefer gingen. Natürlich seien da auch mal irreführende Dementi dabei gewesen. "Wir fragten, ob ein bestimmter Inhalt in der Reichweite begrenzt würde, TikTok antwortete, dass man den Inhalt nicht lösche. Das beantwortete dann die Frage nicht, weil wir ja nicht nach Löschen gefragt hatten", sagt Reuter.

    Im weiteren Verlauf sei TikTok dann aber immer zugeknöpfter geworden und habe auch keine Fragen mehr beantwortet, sondern sie "mit Wischi-Waschi-Statements abgespeist."

    Die Empörung über die Beschränkung der Inhalte auf TikTok ist groß - bleibt abzuwarten, ob sich das auch in Nutzerzahlen widerspiegeln wird.