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Test: Taugt der Raspberry Pi 4 als Desktop-Rechner? | BR24

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Kann der neue Raspi wirklich einen echten Desktop-PC ersetzten?

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    Test: Taugt der Raspberry Pi 4 als Desktop-Rechner?

    Mehr Rechenpower, schnellere Schnittstellen und mehr Buchsen: Die 4. Generation des beliebten Bastelrechners Raspberry Pi soll eine Alternative zu herkömmlichen PCs sein. Aber wie schlägt sich der Mini-Computer im Desktop-Einsatz?

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    Mai 2011: David Braben ist ein legendärer britischer Gamedesigner, unter anderem Schöpfer des Weltraumklassikers "Elite". In der BBC stellt er den Raspberry Pi damals erstmals vor. Der Raspberry soll ein günstiger Computer für jedermann sein, für nur 25 Euro. Braben und seine Mitstreiter sind alarmiert, weil in Großbritannien immer weniger Menschen Informatik studieren wollen. Zudem bringen Studienanfänger immer geringere Programmierkenntnisse mit.

    Kein Wunder: Moderne Rechner sind komplex, Experimentieren und Herumprobieren kann man mit ihnen kaum. Außerdem läuft auf ihnen oft nur proprietäre Software, die den Nutzer einschränkt. Der Raspberry soll hingegen so sein wie die Rechner, auf denen Braben als Jugendlicher das Programmieren gelernt hat. Vorbild sind Homecomputer wie der britische BBC Mico oder der C64 von Commodore. Hergestellt werden zunächst nur ein paar tausend Stück, die Erfolgsaussichten scheinen eher überschaubar, denn besonders sexy sieht der Platinenrechner nicht aus: Scheckkartengroß, ein Prozessor, ein paar Anschlüsse, das war's. Doch dann passiert es: Die ersten Raspberrys sind schnell vergriffen. Versionsübergreifend werden bis heute über 25 Millionen Raspberrys verkauft.

    💡 Was ist Raspberry Pi?

    Der erste Raspberry Pi kam 2012 auf den Markt, entwickelt von der Raspberry Pi Foundation, einer Stiftung, die es sich um Ziel gesetzt hat, jungen Leuten das Basteln und Programmieren näher zu bringen. Der Raspberry Pi steht damit in gewisser Weise in der Tradition von Homecomputern wie dem C64, dem Schneider CPC oder dem Sinclair ZX Spectrum und hat mittlerweile eine Menge Nachahmer inspiriert.

    Kleiner Alleskönner

    Kein Zweifel, der Raspberry Pi ist ein beachtlicher Erfolg. Nur ein Beispiel: Beim bekannten Nachwuchswettbewerb Jugend Forscht hat inzwischen so gut wie jede Arbeit, in der irgendetwas gemessen, geregelt oder gesteuert wird, einen Raspi an Bord. Der Minicomputer ist mittlerweile auch oft das Mittel der Wahl im Unterricht für experimentierfreudige Lehrer. Man kann ihn benutzen, um verschiedene Programmiersprachen zu lernen, Roboter zu steuern oder eine eigene, datenschutzfreundliche Cloud einzurichten. Der Minicomputer wird als Mediencenter eingesetzt, als Server, als Smart-Home-Zentrale oder als Retro-Computer, auf dem man dann auch alte Super-Mario-Spiele laufen lassen kann.

    Vollwertiger Desktop-Rechner für 130 Euro?

    Im Juni ist die neueste Version des Mini-Rechners erschienen. Der Raspberry Pi verfügt jetzt über mehr Rechenpower, bis zu 4 Gigabyte RAM und mehr leistungsfähigere Schnittstellen wie USB 3.0 und Gigabit Ethernet. So soll er in der Lage sein, 4K-Videos abzuspielen und zwei Bildschirme anzusteuern. Der Raspberry Pi 4 kostet, je nachdem, wie viel RAM gewünscht ist, zwischen etwa 40 und knapp 60 Euro - und soll jetzt sogar einen vollwertigen Desktop-PC ersetzten können - eine Möglichkeit, die von der Raspberry-Stiftung offensiv beworben wird. Es gibt den neuen Raspi deswegen auch als "Desktop Kit", als Komplettpaket, um den Raspberry als Schreibtischrechner einsetzen zu können. Kostenpunkt: Etwa 130 Euro.

    Gute Hardware für kleinen Preis

    Lediglich ein Monitor liegt dem Desktop-Kit nicht bei, dafür aber ein gut gemachtes Buch, das einen in die Welt des Raspberry Pis einführt, allerdings nur auf Englisch. Sowohl das Gehäuse, als auch die Maus und die Tastatur sind dafür in einem passenden und ansprechenden Design in Weiß und Himbeerrot gehalten, und sind auch qualitativ absolut solide. Das Gehäuse ist sauber gegossen und schützt den Kleinen, den man aber auch jederzeit und problemlos wieder herausnehmen kann. Die Maus ist präzise, die Tastatur verfügt über einen angenehmen Druckpunkt.

    Auf dem Raspberry sind diverse Programme vorinstalliert: Dazu gehört nicht nur Chromium, die Open-Source-Variante von Googles Chrome-Browser, sondern auch ein E-Mail-Programm, die freie Bildbearbeitung Gimp, der bekannte VLC Mediaplayer, die einfache Programmiersprache "Scratch" und Libre Office, eine freie Alternative zu Microsoft Office. Die 4Gigabyte RAM spürt man deutlich, Dokumente im Browser bearbeiten ist kein Problem, ebenso Youtube schauen, zumindest, wenn die Videos in niedrigerer Auflösung abgespielt werden. Allerdings gibt es einen Haken: Der Kleine läuft schnell heiß, da ein Lüfter fehlt.

    Nutzer müssen Kompromisse machen

    Mittlerweile gibt es spezielle Kühler für den Raspi, der bekannteste heißt "Ice Tower" und ist für 20 Euro zu haben. Allerdings passt der Mini-Computer dann nicht mehr in das dafür vorgesehene Gehäuse, was aber zu verschmerzen ist. Für viele Nutzer weniger verschmerzbar sind die Kompromisse, die man auf der Ebene des Betriebssystems und der Anwendungssoftware machen muss: Raspbian ist zwar benutzerfreundlich, stößt aber auch an seine Grenzen. Ein Beispiel: Das beliebte Videostreaming-Angebot Netflix kann man nur nach viel Bastelei nutzen. Andere Betriebssysteme wie Ubuntu oder Windows IoT Core wurden noch nicht für den neuen Raspi angepasst.

    Das Fazit

    Und so lautet das Fazit: Ja, der Raspberry Pi ist jetzt auch eine brauchbare und vor allem günstige Desktop-Alternative. Nur: Warum soll man den Raspi als Desktop-Alternative benutzen? Klar, das Desktop-Kit ist funktional und hübsch, in zehn Minuten steht ein Rechner, auf dem man Dokumente bearbeiten, E-Mails schreiben, Videos schauen und programmieren kann. Trotzdem ist man dann doch immer noch froh, wenn man wieder an einem "echten" Desktop-Rechner sitzt. Das Beschwören des Raspberry im Desktop-Einsatz erscheint eher wie ein (legitimer) Marketing-Trick, um die ja wirklich beeindruckende technische Leitungsfähigkeit des Raspberry Pi 4 zu bewerben. Am Ende ist auch der neue Raspi aber vor allem eines: Ein ganz hervorragender Bastel-Computer zum Herumprobieren.