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"Tagesschau" hält an TikTok fest | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Smartphone mit Firmenlogo von TikTok

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    "Tagesschau" hält an TikTok fest

    Die chinesische Video-App Tiktok steht zunehmend in der Kritik. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, kritische Inhalte zu deckeln. Trotzdem ist die "Tagesschau" seit rund einem Monat mit dabei - und will es bleiben.

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    Möchten Sie TikTok vertrauen? Das fragt auch mein Handy, wenn ich mich auf der Plattform anmelden möchte. TikTok vertrauen – oder eben nicht, das fragen sich im Moment viele. Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland nutzen die App – ein Magnet für alle, die Reichweite wollen.

    Auch die "Tagesschau" ist seit November dabei: "Die Tagesschau hat ja das große Problem, dass wir im linearen Fernsehen ein Durchschnittsalter von 63-64 Jahren haben", sagt "Tagesschau"-Chefredakteur Marcus Bornheim. "Und bei TikTok erreichen wir eine Zielgruppe, die 20 und sogar darunter ist." So lasse sich die "Tagesschau" an "eine viel viel jüngere Zielgruppe bringen".

    Jan Hofer machte den Anfang

    Chefredakteur Bornheim sieht den Auftritt bisher als Experiment. Los ging es mit einem Spaß-Video, auf dem Jan Hofer per Knopfdruck seine Krawatte wechselte. Bald darauf wurde es ernst, da kritisierte die "Tagesschau" in ihren Videos, wie Chinas Regierung die Uiguren unterdrückt oder Demonstranten in Hongkong mit Wasserwerfern attackiert.

    Die beiden kritischen Videos haben zusammen mittlerweile über eine halbe Million Menschen erreicht. Bornheim kennt die Kritik an TikTok, auch bei der "Tagesschau" wird darüber diskutiert. Bislang ist das Experiment für ihn aber erfolgreich: "Ich finde ja nach wie vor, wer - wenn nicht die 'Tagesschau' - sollte auf TikTok gehen und versuchen, den unter 20-Jährigen seriöse journalistische Inhalte beizubringen?"

    Tagesschau will dabei blieben

    Die "Tagesschau" macht weiter, jedenfalls so lange, bis klar ist, dass ihre eigenen Inhalte nicht zensiert werden. Für die Meinungsfreiheit auf TikTok sei das aber kein Gradmesser, meint Markus Reuter von Netzpolitik.org, einer Organisation, die das Internet kritisch begleitet. "Alle Augen sind auf die Tagesschau gerichtet und TikTok wird einen Teufel tun, die jetzt runterzuregeln. So doof sind die nicht", sagt Reuter.

    Zusammen mit seiner Kollegin Chris Köver hat Reuter gezeigt, dass TikTok Inhalte zwar nicht gelöscht, aber gedeckelt hat. Interne Moderationsregeln von TikTok belegen, dass die App zum Beispiel die Reichweite von Menschen mit Behinderungen gezielt begrenzt hat, und auch Videos von dicken oder queeren Menschen. Dafür hat sich TikTok mittlerweile entschuldigt – unklar bleibt, welche Regelungen heute gelten.

    Kritik an TikTok nimmt zu

    Wer Videos über Proteste in Hongkong oder die Unterdrückung der Uiguren sucht, findet dazu auf TikTok sehr wenig. Netzpolitik.org hat einen Selbstversuch mit Joshua Wong gestartet, und ein Video mit dem Aktivisten der dortigen Protestbewegung gepostet. Auf TikTok wurde dieses Video nicht gefunden. Laut Reuter könnte die "Tagesschau" da eine Art Feigenblatt sein und müsse aufpassen, dass sie nicht instrumentalisiert werde.

    Andere Regeln als für Medien wie die "Tagesschau" gelten für kritische User. Zum Beispiel Feroza X: Sie hatte ein Video mit Schminktipps genutzt, um ihre politische Botschaft zu verstecken. In ihrem Video nahm Feroza eine Wimpernzange und begann zu erklären, wie man sich tolle lange Wimpern schminkt. Dann spracht sie plötzlich von den Internierungslagern der Uiguren. Kurz darauf wurde ihr Account gelöscht – laut TikTok wegen eines älteren Videos. Mittlerweile ist Ferozas Account zurück und hat mehr "Likes" als die Tagesschau. Auch Männer haben ihr "Schminkvideo" imitiert.

    Zurückhaltung bei vielen Medien

    Vielleicht sind es diese Widersprüche, die klassische Jugendmedien abschrecken. Ob Buzzfeed Deutschland, Bento, das junge Angebot des "Spiegel", oder ze.tt, das von der "Zeit": Keiner ihrer Verantwortlichen will sich gegenüber dem BR offiziell zu Tiktok äußern. Besonders skurril ist das bei ze.tt – denn ze.tt hat sogar ein eigenes Profil auf TikTok. Darauf vergleicht das Onlinemagazin Ketchup mit Senf oder Schwippschwapp mit Spezis von Freeway. Bisher gibt es dafür ganze 62 Follower. Buzzfeed Deutschland verweist auf den internationalen Auftritt. Und Bento? Möchte dazu wirklich gar nichts sagen, außer: kein Kommentar.

    TikTok sammelt, wie Facebook, die Daten seiner Nutzer und gibt sie an zahllose Plattformen und Firmen weiter. Die "Tagesschau" hält das in ihrem Fall für weniger bedenklich – weil sie selbst keine Daten sammele. Markus Reuter von netzpolitik.org findet es insgesamt gut, dass die "Tagesschau" auf TikTok junge Menschen erreicht. Er sieht die Verantwortung bei allen.