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So funktioniert das System "Sex-Bots" | BR24

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Arbeitsteilung: Betreiber von Portalseiten locken Nutzer mit Hilfe von "Sex-Bots" auf Dating-Plattformen und erhalten dafür Geld.

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So funktioniert das System "Sex-Bots"

Sex-Bots wollen keine Dates, sondern an das Geld der Nutzer – aber für wen arbeiten solche Programme? Hinter dem nervigen Spam steht ein Geschäftsmodell, das die Kasse klingen lässt. Dort mischen allerdings nicht nur Bots mit.

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Das BR-Instagram-Format „News-WG“ hat versucht Sex-Bots zu daten, um auf diesem Weg herauszufinden, was hinter den anzüglichen Spam-Anfragen steckt, die immer wieder Nutzer von sozialen Netzwerken heimsuchen. Wir sind am Ende auf unterschiedlichen Dating-Seiten gelandet, die oft kostenpflichtige Chat-Systeme betreiben. Unsere Analyse zeigt: Es gibt häufig eine Arbeitsteilung zwischen den Dating-Seiten-Betreibern und Affiliate-Marketern, also Partnerprogrammen, die Nutzer von Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Facebook auf die Dating-Seiten locken. Zu dem Geschäftsmodell, das dahinter steht, gleich mehr.

Sicherheitsmaßnahmen

Am Anfang unseres Selbstversuchs standen Sicherheitsmaßnahmen, da wir vorhatten, auf Links zu klicken, auf die man eigentlich nicht klicken soll. Wir haben uns also in einer technisch abgesicherten Umgebung bewegt. Nach unserer Gefahren-Auswertung können wir sagen: Wir sind in unserem spezifischen Fall nicht Ziel von Malware, Phishing-Attacken oder Ähnlichem geworden.

Und dennoch: Don’t try this at home! Nur weil wir selbst nicht Opfer von gefährlicher Schad-Software geworden sind, heißt das nicht, dass diese Gefahr nicht real ist. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, dass Nutzerdaten gesammelt, weiterverkauft oder missbraucht werden.

Arbeitsteilung beim Geldverdienen

Wie funktioniert aber nun die Arbeitsteilung zwischen den Dating-Seiten und Affiliate-Marketern? Zunächst müssen potenzielle Nutzer überhaupt mal angesprochen werden. Das geschieht häufig in Form von automatisiertem Spam der Sex-Bots. Der Erstkontakt kann dabei sehr unterschiedlich aussehen: Direktnachrichten auf sozialen Netzwerken und Messengern wie Instagram, Facebook, Twitter oder Whatsapp. Bot-Profile, die Beiträge liken, Gruppeneinladungen verschicken und automatisch Nutzer, die bestimmte Hashtags beziehungsweise Standorte verwenden oder bekannten Accounts folgen, ins Visier nehmen. Solche Bots werden auf einschlägigen Online-Plattformen mittlerweile auch zum selbst Konfigurieren angeboten.

Gemeinsam haben diese Formen, dass sie mit aufreizenden Fotos und Flirt-Versprechen auf externe Portalseiten locken.

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Affiliate-Marketer locken Nutzer mit Hilfe von "Sex-Bots" auf Dating-Seiten und erhalten dafür Geld. Der Nutzer zahlt auf der Datings-Seite.

Diese sind in ihrer Funktion und ihrem Erscheinungsbild oft ähnlich aufgebaut und können sich auch dem Nutzer, der dort landet, anpassen – etwa hinsichtlich der Sprache. Das heißt, spanische Nutzer bekommen dort ein Quiz zu ihren Dating-Präferenzen auf Spanisch und werden schließlich auf spanische Dating-Seiten weitergeleitet, Deutsche auf deutschsprachige Seiten, usw. Außerdem verwenden die Seitenbetreiber allerlei technische Tricks, um ihre Seiten vor den Suchmaschinenbetreibern zu verstecken. Im Endeffekt ist der dahinterliegende Gedanke aber Affiliate-Marketing, denn die Sexbot- und Portalseiten-Betreiber können Geld damit verdienen, dass sie potenzielle Nutzer auf solche Dating-Seiten locken. Sind sie erfolgreich, werden sie von den Dating-Seiten-Betreibern dafür bezahlt – pro Klick, Anmeldung, Geschäftsabschluss oder per Gewinnbeteiligung. Mittlerweile gibt es für die unzähligen Affiliate-Programme eigene Online-Marktplätzen, sortiert nach verschiedenen Branchen: Dating, Abnehmen, Kredite, Gewinnspiele und so weiter.

Bots und Animateure

Natürlich müssen nicht zwangsläufig solche Vermittler mit ihren Portal- bzw. Verteilseiten zwischen Sexbot-Spam und Dating-Seite geschaltet sein. Während unserer Recherche war dies jedoch meist der Fall. Auf den Dating-Seiten haben wir Indizien gefunden, dass einige Chat-Partner Bots sind bzw. Chats geskriptet sind. Die Nachrichten sind jeweils unterschiedlich, gleichzeitig aber auch unpersönlich und allgemein gehalten.

Zudem kann es sein, dass sogenannte Operatoren eingesetzt werden, um mit Nutzern zu „flirten“. Menschen aus Fleisch und Blut zwar, aber ebenfalls gar keine echten Dating-Partner. Die Operatoren werden aber nicht als solche gekennzeichnet. Der Nutzer bekommt das nur mit, wenn er die mehrseitigen Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter aufmerksam liest. Ein Beispiel:

“[Wir setzen] zur Unterhaltung der Nutzer professionelle Animateure und Operatoren ein, die im System nicht gesondert gekennzeichnet werden. Diese Dienstleistung wird in höchster Qualität betrieben. Mit diesen Operatoren sind keine realen Treffen möglich. Die Nutzer können ihnen lediglich Nachrichten innerhalb des Portals senden.”

Teure Flirts

Dieses System ist aufwendig und kostet die Betreiber Geld, doch es ist zugleich auch lukrativ. Zwar ist die Registrierung oft kostenlos, damit der Nutzer sich aber in den Chats an den vermeintlichen Flirts beteiligen darf, muss er dafür "Coins", "Chips" oder andere digitale Bezahleinheiten erwerben. Der Flirt kann für den Nutzer also schnell teuer werden.

Für die Betreiber ist die Masche offenbar aber ein lohnenswertes Geschäft: Bereits 2018 haben Marktwächter der Verbraucherzentrale 187 solcher Dating-Seiten ausgemacht, auf denen Fake-Profile mit den Nutzern flirten.

Die ganze Instagram-Story zum Selbstversuch der News-WG finden Sie hier.