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Smartphone und Börse: Wie Gamification die Finanzwelt verändert | BR24

© Handys sollen mehr Spaß in die Finanzanlage bringen. Für den langfristigen Erfolge solcher Geldgeschäfte könnte das aber gerade kontraproduktiv sein.
Bildrechte: picture alliance

Neuer Trend in der Finanzbranche

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Smartphone und Börse: Wie Gamification die Finanzwelt verändert

Der jüngste Börsen-Hype um die US-Spielefirma Gamestop und die Bitcoin-Rally zeigen: Viele junge Neuinvestoren reizt das Spiel mit dem Geld. Die Finanzbranche sucht nach Wegen, wie sie technische Hilfsmittel nutzen kann, um mehr Anleger anzulocken.

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Von
  • Christian Sachsinger

Sparplan mit Spaßfaktor, so hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge – eine PR- und Lobby-Tochter der Deutschen Bank – ihre heutige Online-Veranstaltung mit mehreren Finanzexperten betitelt. Das Ausgangsproblem: langfristige Geldanlage ist im Prinzip so prickelnd wie das jährliche Steuerzahlen, jeden Monat wird Geld abgebucht und in einen oft unbekannten Fonds gesteckt – und das über Jahrzehnte hinweg. Der österreichische Unternehmer Thomas Niss, einer der Teilnehmer der Veranstaltung, versucht hier Spannung reinzubringen. Niss hat die Spar-App Fintech Own360 erfunden.

Smartphone als Gamification-Tool für Anleger

Die App mache erst einmal den Vorhang auf, um zu zeigen, was in so einem Fonds drinstecke, so der Gründer. Mit dem Handy kann man sich zum Beispiel anzeigen lassen, wo auf der Welt die Fabriken stehen, in denen nun das eigene Geld steckt, oder welches Unternehmen gerade eine Dividende auszahlt und so den Wert des Fonds steigert. Aber auch welchen CO2-Fußabdruck die Konzerne hinterlassen und damit ja auch jeder selbst, lässt sich gut ersehen. Man spart zudem nicht mehr alleine, sondern ist vernetzt mit anderen Anlegern und Anlegerinnen. Gemeinsam können alle über die App dabei abstimmen, welche Firmen sie künftig nicht mehr im Fonds haben wollen.

Spekulieren in Sekundenschnelle wie die Profis

Gerade die Digitalisierung hat der Finanzbranche viele neue oft auch junge Kunden beschert. Im letzten Jahr tummelten sich laut Deutschem Aktieninstitut beinahe so viele Menschen an der Börse, wie zuletzt um die Jahrtausendwende, also zu Zeiten der Dot.com-Blase. Von 2019 auf 2020 stieg die Anzahl derer, die Aktien, Aktienfonds oder ETFs (Anlageform die mit Fondsanteilen vergleichbar ist, aber wie eine Aktie an der Börse gekauft und verkauft werden kann) hielten, in Deutschland um fast drei auf über 12 Millionen.

Christian Kirchner, Autor für Finanz-Szene.de, sieht als einen der Gründe die bessere Verfügbarkeit übers Handy. 12 Klicks und 30 Sekunden brauche es gerade mal, um einen Sparplan auf einen Fonds zu eröffnen, so Kirchner. Vor einigen Jahren waren dafür noch viele Formulare und lange Beratungsgespräche in der Bankfiliale nötig. Insofern ist Geldanlage durch das Smartphone deutlich unaufwändiger und auch kurzweiliger geworden. Das gilt nicht nur für Fondssparpläne, sondern umso mehr für Aktien. Traden in Sekundenschnelle können jetzt nicht mehr nur die Profis, sondern alle via App.

Gamification kann Anlegern zum Verhängnis werden

Gamification ist zur Zauberformel für mehr Schwung im Aktienhandel geworden. Gleichzeitig steht es irgendwie aber auch in Widerspruch zum Anlageerfolg, wie die Teilnehmer der Online-Konferenz fast schon etwas nachdenklich einräumen mussten. Das Problem: Privatanleger schneiden meist schlechter ab als der Markt, wenn sie zu schnell hin- und herspringen. Das spontane Kaufen und Verkaufen wird durch die neuen Möglichkeiten mittels Smartphone aber gerade begünstigt. Es macht mehr Spaß, auf Börsenlaunen schnell zu reagieren, als etwa einen Crash über Monate oder Jahre auszusitzen. Langfristig ist aber eben gerade das Aussitzen fast immer die bessere Strategie. Je mehr rumgedaddelt und eingegriffen werde, desto schlechter das Ergebnis, so die anwesenden Experten.

Fraglich ist zudem, ob die momentane allgemeine Begeisterung für das Thema Geldanlage und Börse bestehen bleibt, wenn es wieder eine längere Talfahrt gibt. Genau die stehe nach gut zehn Jahren mehr oder weniger kontinuierlichem Anstieg womöglich jedoch bevor, so die Überzeugung auf der Onlinekonferenz. Der Funfaktor wäre dann bei den meisten Privatanlegern schnell wieder auf Null – Gamification hin oder her.

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