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Sind Frauen im Internet zu schlecht geschützt? | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Symbolbild: Datenzugriff aus dem Netz

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    Sind Frauen im Internet zu schlecht geschützt?

    Frauen sind im Internet besonders häufig Bedrohungen ausgesetzt: Hasskommentare, Morddrohungen und Überwachung per Kamera mittels sogenannter Spyware sind typische Phänomene. Was sind die Gründe und wie können sich Frauen bessern schützen?

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    Leena Simon ist eine der ganz wenigen Digital-Expertinnen in Deutschland, wenn es um Stalking im digitalen Raum geht. Das Problem werde weithin unterschätzt, sagt sie. Simon arbeitet im Berliner Frauenzentrum "Frieda" und berät Frauen, die im Netz bedroht werden.

    Der absolute Klassiker sei, dass Frauen sich nicht wirklich mit ihrer Technik beschäftigten, sagt die Digitalexpertin, das habe in den meisten Fällen komplett ihr Partner übernommen: "In dem Moment, wo die Beziehung zerbricht, passieren komische Dinge. Im Gespräch stellen wir dann gemeinsam fest, dass die Ursache dafür ist, dass jemand, der ein Gerät administriert und eingerichtet hat, natürlich auch Kontrolle darüber hat."

    Überwachungskamera für zehn Euro

    Die Möglichkeiten, Frauen zu bedrohen, zu stalken, zu überwachen, sind technisch gesehen leider sehr vielfältig, und werden aufgrund neuer Entwicklungen immer einfacher und auch billiger, stellt Anke Domscheit-Berg, Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag für Netzpolitik, fest. Die Linksfraktion im Bundestag diskutierte in der letzten Woche über das Problem der "Digitalen Gewalt an Frauen":

    "Für zehn Euro kriege ich die Überwachungskamera frei Haus, die ich von der Ferne an- und abschalten kann. Damit habe ich die Möglichkeit, Videos oder Fotos einer Ex-Freundin im Internet zu veröffentlichen, um sie damit unter Druck zu setzen, zu verletzen, und 'Digitale Gewalt' auszuüben." Anke Domscheit-Berg, MdB Die Linke

    Polizei "ist total überfordert"

    Was aber geschieht, wenn Frauen sich wehren und solche Delikte zur Anzeige bringen? Christina Clemm ist Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt auf Familien- und Asylrecht sowie Gewaltschutzverfahren. Clemm sagt, dass fast alle ihre Verfahren, in denen es um "Digitale Gewalt an Frauen" ging, in der Vergangenheit eingestellt worden seien.

    Die Polizei, sei total überfordert, so Clemm. Sie habe weder die Ausbildung noch Ausstattung, um solche Delikte zu verfolgen. Aus sicht der Rechtsanwältin müssten Sonderdezernate für genau diese Fälle eingerichtet werden.

    Kein besonderer Schutz für Frauen

    Bei der Vorstufe zur Gewalt, den Hasskommentaren, greift das seit 2017 geltende "Netzwerkdurchsetzungsgesetz". Ein im Dezember vom Bundesjustizministerium vorgelegter Referentenentwurf soll das Gesetz verschärfen, aber auch dieser Entwurf enthält keinerlei geschlechtsspezifische Regelungen.

    Die Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) für das Jahr 2015 zeigen, dass Frauen in Deutschland viermal häufiger Opfer von Stalking werden als Männer - sowohl offline, wie online. Und das auch mittels sogenannter "SpyApps", Überwachungssoftware auf dem Smartphone oder Tablet - die bislang nicht verboten sind.

    Keine aktuellen Studien

    Was ebenfalls fehlt, so beklagen es Expertinnen, ist eine wissenschaftliche Analyse der Situation. Die letzte Studie zum Thema "Gewalt an Frauen", wurde vom Bundesfamilienministerium 2004 durchgeführt. Damals waren die Social-Media-Kanäle in Deutschland noch kaum präsent, auch die Überwachungstechnik war nicht so weit entwickelt.

    Doch einmal abgesehen von der wissenschaftlichen Analyse oder neuen Gesetzen braucht es vermehrt auch ein besseres technisches Verständnis in der Gesellschaft, gerade bei Frauen, fordert Leena Simon: Technik sollte nicht nur benutzt werden, sondern es sollte auch verstanden werden, wie sie funktioniert.