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Schule und Corona: Das alles bremst den Video-Unterricht aus | BR24

© Jean-Christophe Bott

Eine kreative Lösung aus der Schweiz: Die Auswahl des richtigen Tools dürfte jedoch oft schwieriger sein als der Unterricht selbst.

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    Schule und Corona: Das alles bremst den Video-Unterricht aus

    An normalen Schulunterricht ist in Bayern auf absehbare Zeit nicht zu denken. In Corona-Zeiten müssen Schulen auf Video-Unterricht umstellen. Das klappt oft nicht - und das hat gute Gründe.

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    Eigentlich war das Konzept Schule über Jahrzehnte erstaunlich konstant: Es gibt ein Zimmer, es gibt einen ein Lehrer, dazu Schüler und eine Art Tafel, die per Kreide oder Beamer mit Inhalten gefüllt wird. Dann kam Corona. Das Virus, Schüler, Lehrer und Tafel in einem Raum? Unmöglich.

    So behalf sich etwa der Freistaat Bayern mit seiner digitalen Lernplattform Mebis. Dort sollen Schüler Arbeitsblätter und Aufgaben herunterladen und selbstständig durcharbeiten, um im Stoff voranzukommen. Wenn es bei Mebis zwickt, gibt es die Blätter eben per E-Mail. So weit, so okay, sagen die Lehrer.

    Richtigem Unterricht kommt diese Form der Wissensvermittlung allerdings nicht besonders nahe. Der Kontakt, die Stimme, die Gesichter, die Möglichkeit Fragen stellen und zu diskutieren fehlt sowohl Schülern als auch Lehrern. In Unternehmen und an vielen Universitäten weicht man auf Video-Konferenzen aus. Auch für viele Schulen wäre das eine Option.

    Die Betonung liegt auf "wäre". Denn vor einer Video-Unterrichtsstunde mit der Klasse müssen zahlreiche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Diese betreffen die digitale Infrastruktur, Kompetenzen bei Lehrern, Schülern und Eltern und nicht zuletzt den Datenschutz.

    1. Digitale Infrastruktur

    Wer an digitalem Unterricht teilnehmen soll, braucht ein digitales Endgerät. Was banal klingt, ist in vielen Haushalten auch 2020 keine Selbstverständlichkeit beziehungsweise keine mehr, seitdem persönliche Smartphones den Familien-PC abgelöst haben. Gibt es einen Laptop oder PC, benötigen den während Corona zudem nicht selten die Eltern zum Arbeiten.

    So fehlt es vielen gerade finanziell schwachen Familien letztlich schlicht an einem passenden Gerät, um an Videokonferenzen teilzunehmen. Gerade mit mehreren Kindern im Haushalt wird dies zum Problem. Wobei hier neben der Verfügbarkeit von Geräten auch noch die Verfügbarkeit von ausreichend Wohnraum zum Problem wird. Drei Geschwister werden kaum gleichzeitig in einem Zimmer verschiedenen Lehrern bei verschiedenen Unterrichtsstunden folgen können. Zumindest nicht genauso gut, wie das finanziell besser gestellte Kind mit eigenem Zimmer. Der digitale Unterricht über Videocalls droht so auch finanziell schwache Kinder besonders abzuhängen.

    Aus diesem Grund unterstützt Deutschland derzeit die Anschaffung eines Endgerätes bei Kindern aus bedürftigen Familien mit 150 Euro. Sicherlich eine Hilfe, wenn auch keine Lösung für das Problem. Ein wirklich solides Tablet oder gar einen Laptop gibt es dafür wohl kaum. Aus diesem Grund versuchen auch private Initiativen mit Geräten zu helfen: Sie sammeln funktionierende Altgeräte ein und verteilen Sie weiter. Sollten Sie ein altes Gerät spenden wollen oder eines benötigen, erfahren Sie hier mehr dazu.

    Ein weiteres Problem abseits der Endgeräte ist zudem die Verfügbarkeit einer ausreichenden guten und schnellen Internetverbindung, die zumindest nicht in jedem Haushalt in Bayern gegeben sein dürfte.

    2. Digitale Kompetenzen

    Vor der Videokonferenz steht jedoch selbst mit entsprechendem Gerät die digitale Kompetenz. Oder anders ausgedrückt: Sowohl Lehrer als auch Schüler müssen entsprechende Tools bedienen und benutzen können. Die Lehrkraft muss wissen, wie sie einen Videocall startet, wie sie die Schüler dazu einlädt, wie die Anmeldung der Schüler funktioniert, wie sie Tafelbilder einblenden kann, wie sie Störungen unterbindet und Nachfragen ermöglicht. Kurz: Zu den Aufgaben des Lehrers kommen noch die des IT-Supports dazu. Eine Kompetenz, die bei vielen Lehrern schlicht nicht vorhanden ist.

    Neben den Lehrkräften müssen auch Schüler und Eltern über gewisse Kompetenzen verfügen, sich beispielsweise in Videokonferenztools einwählen, Accounts aufmachen, Anrufe annehmen, Kamera und Mikrofon aus- und anschalten. Vor allem kleine Kinder können das nicht allein. Nicht alle Eltern können Computer problemlos bedienen oder sind im Home Office, um schnell helfen zu können. Auch hier die Herkunft also massiv darüber entscheiden, wie gut Kinder in der Schule mit- und zurechtkommen.

    Die Vermittlung solcher Kompetenzen an Lehrer und Schüler wird in Zukunft wohl auch in den Schulen Thema werden. Konkrete Angaben dazu, ob aktuell schon Fortbildungen laufen, machte das bayerische Kultusministerium jedoch auf BR24-Anfrage zunächst nicht.

    3. Datenschutz

    Selbst wenn die Geräte verteilt und die IT-Kompetenz erlernt ist, steht die größte Prüfung in Sachen Video-Unterricht jedoch noch bevor: der Datenschutz. In einer Video-Konferenz werden möglicherweise sensible Informationen ausgetauscht, Gesichter sind zu sehen, Standorte vielleicht abrufbar. Möglicherweise erzählt jemand über seinen Gesundheitszustand.

    Was im Klassenzimmer mit vier Wänden kein größeres Problem ist, wird bei Videocalls zu einem, da diese Informationen oder Daten auf einmal speicherbar, sammelbar, auswertbar werden. Gerade für Minderjährige gelten besondere Datenschutzregeln.

    Die Suche nach dem richtigen Videokonferenz-Tool birgt also größte Hindernisse: Es sollte sich möglichst um einen Dienst mit Serverstandort Deutschland und Europa handeln. Dienste mit Sitz in den USA sollten zumindest EU-US Privacy Shield zertifiziert sein, rät die Fach-Website Datenschutz-Schule.info. Zudem sollte der Lehrer oder die Schule einen so genannte "Auftragsverarbeitungsvertrag" mit dem Anbieter abschließen, der garantiert, dass das Unternehmen die Daten nicht anderweitig verwertet.

    Das bayerische Kultusministerium teilte auf Anfrage von BR24 mit, dass es die Schulen bereits zum Beginn der Schulschließungen im März ähnliche Vorgaben für Auswahl von Kommunikationstools gemacht hat. Eine Auftragsverarbeitung solle gewährleisten, dass nur die Schule "Herr der Daten" bleibe, eine Weitergabe an Dritte dürfe es nicht geben, langfristige Bindungen an einen Anbieter sollen vermieden werden. Die Schulen wurden auch auf digitale Werkzeuge hingewiesen, etwa auf die Microsoft-Office-Produkte mit Videokonferenzsystemen und Messenger-Dienste wie Threema und Signal. Solche Programme, etwa kostenpflichtige Office-Lizenzen, müssen den Lehrkräften und Schülern jedoch erst einmal zur Verfügung stehen, bevor man sie zum Unterricht einsetzen kann. Es dürfte lange dauern, bis jeder Schüler und Elternteil das entsprechende Programm installiert hat.

    Den richtigen Dienst zu finden und entsprechende Abmachungen mit dem Anbieter zu treffen, bleibt eine schwere Aufgabe für Schule und Lehrer, die ja keine ausgebildeten ITler, Datenschutz-Experten oder Juristen sind. Neben Datenschutz und Vertragsbindung ist zudem auch zu beachten, dass der Stream einfach zu bedienen ist, technisch stabil läuft und gewisse Funktionen erfüllt. Beliebte Dienste wie Zoom sind zwar einfach und stabil, haben aber Datenschutz-Probleme. Datenschutz-freundliche Open-Source-Lösungen wie Jitsi lassen dagegen teils Stabilität vermissen, wie Erfahrungsberichte im Netz zeigen.

    Laut Kultusministerium bieten verschiedene Stellen wie die "Beratung digitale Bildung in Bayern" oder örtliche Datenschutzbeauftrage hier jedoch Hilfestellung. Weitere Hinweise für Video- und Chat-Systeme würden derzeit außerdem erarbeitet. Die einfachste Lösung wäre wohl eine vom Staat bereitgestellte Lösung. Das Bundesland Rheinland-Pfalz ist hier nun vorgeprescht und bietet seit Anfang Mai an allen Schulen ein vom Datenschutzbeauftragten des Landes geprüftes Audio- und Videokonferenztool von Cisco Webex an, mit Einwahlmöglichkeit über das Telefon, wenn kein Computer vorhanden ist.

    Auch in Bayern laufen solche Planungen, wie das Kultusministerium mitteilt: "Derzeit werden von Seiten des Staatsministeriums intensive Überlegungen angestellt, inwiefern die Schulgemeinschaft durch die zentral koordinierte, temporäre Bereitstellung mebis-ergänzender Kommunikationstools noch weitgehender unterstützt werden kann."

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