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Schöne neue Homeoffice-Welt? Microsoft ermöglicht Überwachung | BR24

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Bildrechte: BR/ Johanna Schlüter

Gerade Mitarbeiter im Home Office würde mancher Arbeitgeber wohl gerne stärker kontrollieren.

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    Schöne neue Homeoffice-Welt? Microsoft ermöglicht Überwachung

    Videokonferenzen, kurze Anfahrt, flexible Arbeitszeit: Das Homeoffice ist für viele in der Corona-Krise zur Realität geworden. Ein Tool in Microsoft Office zeigt jedoch, dass zu dieser Realität auch mehr digitale Überwachung gehören dürfte.

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    Von
    • Thomas Moßburger

    Auch, wenn das nicht jedem gefällt: das Arbeiten im Homeoffice ist wohl gekommen zu bleiben. Große Firmen wie Telekom oder Allianz gehen davon aus, künftig weniger Bürofläche zu brauchen, auch viele andere Konzerne planen mit Homeoffice auch nach der Pandemie.

    Auch wenn solche Pläne darauf hindeuten, dass kein enormer Abfall der Produktivität im Homeoffice verzeichnet wurde, bleibt manch Vorgesetzen mit Kontrolldrang ein Problem: Wie garantiere ich, ob meine Mitarbeiter wirklich arbeiten - ohne Stechuhr und ständige Verfügbarkeit im Büro nebenan? Hier scheint nun der in Büros allgegenwärtige Software-Riese Microsoft eine Lösung zu bieten.

    Wie viele E-Mails verschickst du?

    Wie der österreichische Forscher und Netz-Aktivist Wolfie Christl bei Twitter zeigte, bietet das Programm Office 365, das beliebte Programme wie Excel, Teams, Word und Outlook beinhaltet, auch eine Funktion namens "Productivity Score", also zu Deutsch etwa Produktitiväts-Note oder -Wert. Dort werden auf bestimmte Werte erfasst und auf Unternehmensebene zu einer solche Notenbewertung zusammengefasst.

    Für den Productivity Score wird unter anderem einbezogen und auch angezeigt, wie oft ein einzelner Mitarbeiter etwa über Outlook E-Mails verschickt, Chats über Teams abhält und andere mit @-Erwähnungen in seinen Nachrichten einbezieht. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr intim erscheinen mag, wird schnell zum Problem, wenn etwa Kollegen verglichen werden: Brigitte schreibt viel seltener E-Mails als Rolf und Beate - arbeitet sie weniger? Ingo erwähnt viel seltener andere in seinen Nachrichten in Teams, ist er kein Teamplayer? All das könnte Gegenstand von Feedback-Gesprächen oder Gehaltsverhandlungen werden. Wer wie mit Word oder E-Mails umgeht, könne so - unabhängig vom Arbeitsergebnis - zum Thema werden, so Wolfie Christl gegenüber BR24.

    Dieser Tweet von Christl zeigt eine solche Auswertung nach einzelnen Mitarbeitern. Es handelt sich um einen Screenshot aus einem Werbevideo von Microsoft:

    Für bestimmte Mitarbeiter einsehbar

    "Generell führt ein Gefühl permanenter Überwachung sicher nicht zu besseren Arbeitsleistungen", ergänzt der Wissenschaftler, der in einem Projekt über digitale Überwachung im Betrieb arbeitet, welches von der österreichischen Arbeiterkammer gefördert wird.

    Einsehen können die Daten Mitarbeiter mit speziellen Zugriffsrechten innerhalb der Firma, erklärt Christl. Ein Vorgesetzter könnte sich die Daten demnach über die IT-Abteilung besorgen oder auch selbst eine entsprechende Berechtigung dafür einholen.

    Sagt Microsoft, wie wir arbeiten sollen?

    Zu der Gefahr für den einzelnen Arbeitnehmern kommt auch eine gesamtgesellschaftliche Problematik hinzu, die Arbeitsweise und Arbeitsalltag an sich betreffen. Unternehmen könnten die Arbeit stärker an Werten und Indizes wie dem Productivity Score ausrichten und zwar unabhängig davon, wie zentral diese für die Arbeit wirklich sind. "Ich bezweifle, dass diese Produktivitätskennzahlen viel aussagen, befürchte aber, dass viele Unternehmen trotzdem versuchen werden, die willkürlichen Zielwerte zu erreichen, die Microsoft vorgibt", so Aktivist Christl.

    Um im Beispiel des Productivity Score zu bleiben: Als produktiv gilt dann vielleicht nicht, wer das beste Ergebnis liefert, sondern wer laut Microsoft am häufigsten E-Mails geschickt und @-Mentions verteilt hat. Auch, wenn das am Ende vielleicht andere Mitarbeiter von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

    Microsoft sieht kein Überwachungstool

    Microsoft will das Produkt Productivity Score nicht als Überwachungstool verstanden wissen. Wie das Unternehmen auf BR24-Anfrage betont, sei das Tool vielmehr dazu gedacht, Abläufe in Firmen zu verbessern, indem man ihren IT-Experten Einblicke in die Arbeit gebe, wie bestimmte Microsoft-Programme genutzt würden. Neben der Nutzung würden daher auch andere Werte wie die Geschwindigkeit der Geräte und der Netzverbindung einbezogen, um einen allgemeinen Productivity Score zu bilden.

    "Die Einblicke sollen Firmen dabei helfen, das meiste aus ihrer Investition in Technologie herausholen", so Microsoft. Zudem seien die Daten, die sich auf Nutzerverhalten beziehen, jeweils eine Zusammenfassung der letzten 28 Tage. Danach werden die Daten laut Microsoft gelöscht. Firmen könnten die Nutzungsdaten zudem auch anonymisieren.

    Ist das legal?

    Ob nun von Microsoft so vorgesehen oder nicht: Eine mitarbeiterbezogene Auswertung von E-Mails und Co., wie Sie mit dem Productivity Score möglich ist, ist mit deutschem Recht ohnehin kaum vereinbar. So erklärt ein Rechtsexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, Bertold Brücher, gegenüber der Fachzeitschrift "c’t", dass eine rechtskonforme Nutzung solcher Tools ausgeschlossen sei.

    Auch Aktivist Wolfie Christl hält eine legale Nutzung in Deutschland und Österreich für unmöglich. Als einzelner Mitarbeiter sei es jedoch schwer, sich zu wehren. Daher gilt aus seiner Sicht: „Was Sie aber sicher tun können, ist, den Betriebsrat zu unterstützen. Denn der ist hier entscheidend und sollte die Einführung solcher Systeme entweder verhindern oder ihren Einsatz zumindest genau regeln.“

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