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Was ist neu am neuen rechten Terror? | BR24

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In diesem Döner-Laden erschoss Stephan B. den 20-jährigen Malermeister Kevin S..

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    Was ist neu am neuen rechten Terror?

    Christchurch, El Paso, Halle: Immer wieder ist es in den letzten Jahren zu blutigen Anschlägen von rechtsextremen Terroristen gekommen. Anders als früher radikalisieren die Täter sich im Internet und machen den Terror zum Spiel.

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    Von
    • Christian Schiffer

    "Diesen Tag kann ich nicht vergessen, egal ob ich will oder nicht. Ich kann das, was passiert ist, abarbeiten, abheften und versuchen, das Ganze ins Regel stellen, aber komplett vergessen kann ich es nicht." Das erzählt Ismet Tekin, der zusammen mit seinem Bruder jenen Dönerladen betreibt, in dem am 9. Oktober 2019 der 20-jährige Malermeister Kevin S. erschossen wird.

    Die Tat hat das Leben von Ismet Tekin für immer verändert und immer noch fällt es ihm schwer, über den Mann zu sprechen, der sie begangen hat: Der mittlerweile 28-jährige Rechtsextremist Stephan B., der in Halle vor Gericht steht. Am Montag soll das Urteil verkündet werden. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslängliche Freiheitsstrafe wegen zweifachen Mordes und Mordversuchs in 63 Fällen.

    Humor und Hass

    Stephan B. ist anders als die Rechtsterroristen, die bislang in Deutschland getötet haben. Er hat sich nicht auf Rechtsrockkonzerten, an Infoständen oder in Wehrsportgruppen radikalisiert, sondern im Internet. Er ist auch kein deutschtümelnder Neonazi mit Runen-Tattoo, sondern Teil einer globalen Community. Die Mitglieder dieser Community sprechen perfektes Englisch, lieben japanische Anime-Figuren mit großen Kulleraugen und haben sich als inoffizielles Maskottchen einen grünen Zeichentrick-Frosch namens Pepe gegeben. Diese Communities triefen vor krudem Internethumor und zugleich vor Rassismus, Verschwörungstheorien und Antisemitismus. Sie ziehen vor allem junge Männer an.

    Drei Merkmale sind es, die den neuen rechten Terrorismus vom alten unterscheiden.

    Erstens: Der neue Rechtsterrorismus ist global

    Im neuseeländischen Christchurch tötet am 15. März 2019 ein Rechtsterrorist 51 Menschen in zwei Moscheen. Nur Monate später mordet ein Rechtsextremer in einem Walmart in El Paso, Texas. 22 Menschen sterben. Jedes Mal handeln die Täter alleine – und zugleich gemeinsam mit anderen. Jedes Mal sind sie selbst für ihre Taten verantwortlich - und dennoch gibt es noch weitere Schuldige. Jedes Mal sind sie Einzelgänger – und zugleich Teil einer Gemeinschaft, genauer: einer globalen Gemeinschaft. Für diese Gemeinschaft werden die Terroranschläge direkt ins Netz gestreamt, so wie in Christchurch oder Halle.

    Angetrieben wird der globalisierte Hass von Verschwörungstheorien, die weltweit funktionieren, etwa der Vorstellung einer im geheimen agierenden Weltregierung ("New World Order"). Dazu gehört aber auch der Verschwörungsmythos des "großen Austauschs", der besagt, dass durch einen massiven Zuzug aus größtenteils islamischen Ländern die örtliche Bevölkerung ersetzt werden soll. Und natürlich spielen auch antisemitische Verschwörungserzählungen eine gewaltige Rolle, oft in Kombination mit anderen Verschwörungsmythen.

    Zweitens: Der neue Rechtsterrorismus ist gamifiziert

    Stephan B. hinterließ ein Pamphlet, in dem er sich auch Metaphern aus der Videospielwelt bedient. Darin definiert er sogenannte "Achievements". Achievements sind Bonusziele, die man in vielen Videospielen erreichen kann, etwa dafür, dass man in dem Fußballspiel FIFA mit einem Verteidiger ein Tor erzielt oder im Fantasy-Spiel The Witcher auf Level 35 aufsteigt. Stephan B.s “Achievements” aber sind andere: "Töte einen Juden!" steht in seinem Pamphlet. Oder: "Töte sechs Juden!" Und auch: "Töte ein jüdisches Kind!". "Gamifizierter Terror", so nennt man es, wenn Begriff und Konzepte aus der Gaming-Welt durch Terroristen in der realen Welt pervertiert werden - so wie bei Stephan B..

    In seinem Terrorspiel an jenem 9. Oktober 2019 scheitert Stephan B.. Er scheitert an einer massiven Eichentür, er scheitert daran, dass seine Waffen versagen. Stephan B. scheitert aber nicht nur vor sich, er scheitert vor seiner Community. "Einmal Loser, immer Loser", sagt er in seinem Clip. Doch der gamifizierte Terror produziert keine Verlierer, er produziert Opfer. Kurz vorher hat Stephan B. bereits die Passantin Jana L. getötet. Es handelt sich um eine Form des Terrorismus, in dem das menschliche Leben nichts zählt, sondern nur der Bodycount, um der Community zu imponieren.

    Drittens: Der neue Terrorismus ist stochastisch

    "Stochastischer Terrorismus" - so nennt man es, wenn nicht Einzelpersonen radikalisiert werden, sondern eine ganze Gruppe – mit dem Ziel, dass eine Person aus dieser Gruppe die rote Linie überschreitet, zur Waffe greift und zum Mörder wird. Diese Radikalisierung findet vor allem auf sogenannten "Image-Boards" statt, wie 4chan oder 8chan. Es handelt sich um Foren, die weitgehend unmoderiert sind und in denen sich dann Humor und Hass vermischen.

    Der stochastische Terrorismus ist gefährlich, weil hier die Prävention besonders schwer fällt. Man hat es mit einer amorphen Massen an Accounts zu tun und es ist schwer vorherzusehen, hinter welchem sich ein potenzieller Terrorist versteckt.

    Niemand existiert nur im Internet

    Um dem neuen rechten Terror Herr zu werden, fordern Experten mehr Geld für die Forschung, um besser zu verstehen, wie Radikalisierung funktioniert und was dagegen hilft. Wichtig wäre auch gute Polizeiarbeit mit Beamten, die sich in der Internet-Subkultur auskennen und die Szene in den Blick nehmen. Und nicht zuletzt gilt auch bei dieser neuen Dimension der Netz-Radikalisierung, dass niemand nur im Internet existiert. Freunde, Bekannte, Verwandte, aber auch die Gesellschaft als Ganzes sind gefordert, wachsam und sensibel zu sein, wenn Gruppen oder Personen entmenschlicht werden. Egal ob im Netz oder am Stammtisch.

    Mehr zum Anschlag von Halle und zu den neuen Rechtsterroristen, die sich im Internet radikalisieren, können Sie in diesem Bayern 2-Feature hören.

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