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Rente: Wie junge Menschen mit YouTube privat vorsorgen | BR24

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Bleibt für uns noch was übrig? Zwei Drittel der jungen Erwachsenen haben Angst vor Altersarmut. Ein Ausweg: selbst vorsorgen. Tipps dazu gibt es im Internet viele, jeder fünfte junge Erwachsene informiert sich inzwischen bei YouTube.

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Rente: Wie junge Menschen mit YouTube privat vorsorgen

Wie wird unsere Rente aussehen? Das fragen sich viele Jugendliche. Zwei Drittel der jungen Erwachsenen haben Angst vor Altersarmut. Ein Ausweg: selbst vorsorgen. Tipps dazu holt sich jeder fünfte junge Erwachsene inzwischen bei YouTubern.

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Ein Café am Münchner Kulturzentrum Gasteig: Katharina und Matthias sind gekommen, um über die gesetzliche Rente zu sprechen. Die aus ihrer Sicht vor allem eins ist: ein Problem.

"Ich möchte auch soweit vorsorgen, dass ich es nicht nötig habe, mich auf die Rente zu verlassen. Man hört nur negative Schlagzeilen, was die Rente betrifft. Die Leute müssen länger arbeiten, es kommt immer weniger raus. Was ich soll ich mir darunter versprechen?" Katharina (23) aus Dingolfing
"Ich seh' das als Bonus zu dem, was ich aktuell mache. So kann ich nicht enttäuscht werden." Matthias (31) aus Pfaffenhofen an der Ilm

Katharina arbeitet als Elektrikerin bei einem Automobilhersteller, Matthias ist im Einzelhandel tätig. Die Prognose des Statistischen Bundesamts ist eindeutig: Wenn ihre Generation in Rente geht, müssen 100 Erwerbstätige wohl mehr als 80 Rentner finanzieren. Matthias und Katharina warten nicht auf einen Termin bei der Rentenversicherung. Sie wollen selbst vorsorgen.

YouTube-Kanal "Finanzfluss" gibt Tipps zur privaten Altersvorsorge

Tipps holen sie sich bei Finanz-YouTuber Thomas Kehl. Zusammen mit seinem Kollegen Arno Krieger hat er den YouTube-Kanal "Finanzfluss" aufgebaut. Der Kanal hat inzwischen mehr als 300.000 Abonnenten. Bis vor kurzem hat Thomas Kehl noch bei einer Investmentbank gearbeitet, Arno Krieger bei einem Fin-Tech. Jetzt widmen sie sich hauptberuflich "Finanzfluss".

Damit liegt das Duo voll im Trend. Eine comdirect-Befragung zeigt: Jeder fünfte Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren informiert sich über Finanzthemen bei YouTube. Auch Matthias und Katharina schauen Thomas gerne zu. Wie jetzt gerade am Handy. Alle paar Sekunden nicken sie. Die Deutsche Rentenversicherung findet es ebenfalls prinzipiell gut, dass YouTuber wie Thomas Kehl jungen Menschen das Rentensystem erklären, sagt der sozialpolitische Referent Josef Weinzierl, aber:

"Bei konkreten Anlagetipps wird es kritisch. Gibt es hier Provisionen im Hintergrund? Ich finde eine unabhängige Beratung von Auge zu Auge ist immer besser, als sich auf Empfehlungen im Internet zu verlassen." Josef Weinzierl, Deutsche Rentenversicherung Bayern-Süd

"Ob der Generationenvertrag heute noch passt?"

Die YouTuber von Finanzfluss finanzieren ihren Kanal nach eigenen Angaben durch vorgeschaltete Werbung und Affiliate-Marketing, also Provisionen für Produktempfehlungen. In seinem Video zum Rentensystem erklärt er auch, warum der berühmte Generationenvertrag zum Problem wird: Das Umlagesystem stößt an seine Grenzen. Es gibt immer mehr Rentenbezieher, die zudem immer länger leben, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt aber – gerade in den kommenden Jahren, wenn viele "Babyboomer" in den Ruhestand gehen. Die 23-jährige Katharina findet das ungerecht:

"Wie soll das funktionieren, wenn immer weniger einzahlen? Das ärgert mich schon. Ich weiß, dass dieser Generationenvertrag sehr alt ist, aber ob das heute noch passt. Da bin ich sehr unsicher." Katharina (23) aus Dingolfing

Das Umlageverfahren steckt in der Sackgasse

Matthias blickt neidisch nach Norwegen. Dort gibt es seit 1996 einen Staatsfonds, der auch in Aktien und im Ausland investiert. Das Ziel: Den Wohlstand der künftigen Generationen zu sichern. Das Umlageverfahren steckt tatsächlich in einer Sackgasse. Es gibt aktuell nur wenige Stellschrauben, um es zu erhalten.

Eine Möglichkeit wäre, dass die Beitragssätze für aktuelle Erwerbstätige steigen. Gleichzeitig könnte auch das Rentenniveau abgesenkt werden. Beides ist im jüngsten Rentenpaket der Bundesregierung erst einmal nicht vorgesehen. Bis 2025 liegt das Rentenniveau bei 48 Prozent des Durchschnittseinkommens. Gleichzeitig soll der Beitragssatz zur Rentenversicherung nicht über 20 Prozent des Einkommens steigen. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass die Menschen länger arbeiten. Option vier wäre schon mehr als eine Korrektur: Die Rente wird vereinheitlicht, es gibt eine "Rente für alle", in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen. Eine schwierige Entscheidung, findet auch YouTuber Thomas Kehl:

"Das sind ja alles hochpolitische Themen. Das würde ich der Politik überlassen. Der einzige Ratschlag, den man da geben kann, ist: Verlass dich nicht auf die Politik und mach selbst was!" Thomas Kehl, YouTuber

Selbst was machen, das heißt für Thomas Kehl: Geld sparen und langfristig anlegen. Er empfiehlt jungen Menschen, bereits kleine Beträge in sogenannte ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, zu investieren. Man kann damit ganze Märkte mit einem einzigen Wertpapier abbilden. Ein Vorteil liegt in den Gebühren, die niedriger sind als bei aktiv gemanagten Finanzprodukten. Der YouTuber investiert selbst in weltweit gestreute ETFs.

Deutsche Rentenversicherung erhofft sich politische Reformen

"Die Herausforderungen liegen auf dem Tisch", sagt Josef Weinzierl, sozialpolitischer Referent bei der Deutschen Rentenversicherung Bayern-Süd. Die Politik müsse das System langfristig reformieren, so Weinzierl, sodass junge Menschen wie Matthias und Katharina mit der Rente planen können. Er ist aber optimistisch:

"Die gesetzliche Rente gibt es seit über 130 Jahren. Sie hat Kriege und Krisen überstanden, sie ist heute der Hauptbestandteil der Altersvorsorge und ich gehe davon aus, dass es auch in Zukunft so sein wird." Josef Weinzierl, Deutsche Rentenversicherung Bayern-Süd

Bis Mitte März will die Rentenkommission einen Vorschlag zur Zukunft der Altersversorgung vorstellen. Katharina und Matthias sind gespannt darauf. Sie wollen aber auch in Zukunft mit den Tipps von YouTuber Thomas Kehl selbst vorsorgen.

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