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"Querdenker" machen Propaganda mit Satireartikel des Postillon | BR24

© Der Postilon | Screenshot: BR

Der Postillon prüft rechtliche Schritte gegen mehrere "Querdenker", darunter der Arzt Bodo Schiffmann.

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    "Querdenker" machen Propaganda mit Satireartikel des Postillon

    Die Polizei soll gewaltsam einen Martinszug aufgelöst haben: So stand es 2014 auf der Satireseite Postillon. Brisant wird der Artikel, da er von "Querdenkern" als aktueller Bericht verbreitet wird. Der Postillon hat juristische Schritte eingeleitet.

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    Was darf Satire? Wo sind ihre Grenzen? Darüber kann gestritten werden. Was aber nicht erlaubt ist: Satirische Texte zu "stehlen" und sich über die Urheberrechte des Verfassers hinwegzusetzen. So ist es am Donnerstag (12.11.20) der Satire-Website Der Postillon und Chefredakteur Stefan Sichermann ergangen: Der HNO-Arzt Bodo Schiffmann, eine der prominentesten Figuren der "Querdenker"-Szene, hat einen sechs Jahre alten Text der Satireseite ohne Quellenangabe weiterverbreitet.

    Postillon-Artikel handelt von Polizeieinsatz gegen Martinsumzug

    Schiffmann, der auf seinem Youtube-Kanal und in einer Telegram-Gruppe unter anderem die staatlichen Einschränkungen zur Eindämmung der Infektionszahlen kritisiert, hat sich einen Satireartikel vom 11. November 2014 ausgesucht, den der Postillion zum diesjährigen Martinstag noch einmal veröffentlicht hat. Der fiktive Text beschreibt einen Einsatz der Kölner Polizei gegen einen Martinsumzug: Die drei- bis sechsjährigen "Demonstranten" hätten Dutzende "Schlagstöcke" und "Brandsätze" dabei gehabt, weswegen die unangemeldete Versammlung unter dem Einsatz von Wasserwerfern aufgelöst worden wäre.

    In "Querdenker"-Kreisen wird Text als aktueller Fall dargestellt

    In seinem Telegram-Kanal, den mehr als 80.000 Menschen abonniert haben, erweckt Schiffmann dabei nicht nur den Eindruck, der Text sei aktuell, sondern auch, dass es sich um einen konkreten Einsatzbericht handelt. Der Text ist mit den Worten "SONDERMELDUNG" und "GROßEINSATZ IN KÖLN" überschrieben. Nirgends findet sich ein Hinweis, dass der Text – im Gegensatz zu den anderen Posts im Telegram-Kanal – nicht ernst gemeint ist.

    Kommerzielle Nutzung von Postillon-Artikeln verboten

    Erschwerend kommt hinzu, dass der Postillon seine Texte zwar ganz offiziell unter die sogenannte Creative-Commons-Lizenz stellt. Das heißt, sie dürfen unter Nennung der Quelle legal geteilt und verschickt werden, sofern damit keine kommerzielle Nutzung verbunden ist. Nach Angaben des Postillon betreibt Schiffmann aber einen kommerziellen Telegram-Kanal, da er ihn über Spenden finanziert. Deswegen dürfte er den Postillon-Artikel dort nicht einmal mit Quellenangabe weiterverbreiten.

    "Querdenker" halten Postillon-Artikel teilweise für echt

    Auch im Telegram-Kanal von Samuel Eckert, den knapp 120.000 Menschen abonniert haben und der ebenfalls der "Querdenker"-Szene angehört, ist der Artikel ohne Quellenangabe geteilt worden. Zwar erkennt die Mehrheit der Leser den Artikel offenbar als Satire. Dennoch finden sich dort auch Kommentare wie "Ihr lacht, aber wir sind bereits so weit", "In der Presse wird der Vorfall nicht erwähnt" oder auch "Heute ist es nicht mehr abwegig", die zeigen, welches Gedankengut in solchen Kanälen gepflegt wird.

    Postillon will rechtlich gegen Querdenker vorgehen

    Der Postillon lasse eine Abmahnung gegen Schiffmann und Eckert derzeit juristisch prüfen, sagte Chefredakteur Stefan Sichermann dem Bayerischen Rundfunk. Sollte eine Abmahnung erfolgen, wolle der Postillon den Erlös spenden - entweder an die "Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung" oder die Seite "Volksverpetzer", die die Aktivitäten der "Querdenker"-Bewegung beobachtet. Bereits Ende 2018 hatte der Postillon rechtliche Schritte wegen unerlaubten Kopierens eines Artikels eingeleitet: Damals wurde die AfD-Politikerin Andrea Zürcher abgemahnt. Den Erlös spendete die Redaktion an die Flüchtlingshilfe.

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