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Viele Q-Anhänger beteiligten sich an dem Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021

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    QAnon: Was kommt nach dem Wahn?

    Hillary Clinton wird verhaftet, Eliten trinken Kinderblut und Donald Trump wird uns alle befreien: Vor allem während der Corona-Pandemie verfielen viele Menschen dem Verschwörungskult QAnon. Aber was passiert, wenn die Realität dazwischenfunkt?

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    Von
    • Christian Schiffer

    Letzten Herbst trifft sich Jana K. (Name redaktionell geändert) mit ihrer Schwägerin zum Kaffeetrinken. Die beiden Frauen setzten sich in ein gemütliches Café in der Krefelder Innenstadt, es soll ein entspannter Nachmittag werden mit ein bisschen Klatsch und Trasch. Doch dann verläuft das Treffen ganz anders, als Jana es erwartet hat. "Sie erzählte mir von QAnon, von der Impf-Lüge und dass es Corona gar nicht gibt, es war wirklich alles dabei, was man sich vorstellen kann", sagt die 35-jährige. Zunächst nimmt Jana das Ganze mit Humor, aber dann springt der Verschwörungsglaube über auf weitere Familienmitglieder, etwa auf die Schwiegereltern und einen weiteren Schwager. Familienfeiern werden zur Qual und wenn Jana mit der Verwandtschaft spricht, hört sie, wie alle paar Sekunden Nachrichten des umstrittenen Messengers Telegram auf deren Handys eingehen. Am Ende sucht sich die junge Frau Hilfe auf der Plattform Reddit.

    QAnon: "Alles Teil des Plans"

    Dabei hatte Jana zwischenzeitlich die Hoffnung, dass alles wieder gut werden könnte, ganz einfach, weil immer offensichtlicher wird, dass viele Verschwörungstheorien gar nicht stimmen können. Anders als von den Verschwörungspredigern vorhergesagt, gibt es beispielsweise keine zehntausende Impf-Tote und vor allem: Donald Trump ist, entgegen der Vorhersage der QAnon-Szene, nicht mehr Präsident. QAnon ist ein Verschwörungsmythos rund um einen vermeintlichen Geheimdienstmitarbeiter, der immer wieder Vorhersagen gemacht hat, von denen die wenigsten jemals in Erfüllung gegangen sind. QAnon trägt aber auch Züge einer Religion, eines Kultes, mit Q Prophet und Donald Trump als Messias. Und kaum etwas war für den Q-Glauben so zentral wie Vorstellung, dass Trump auch nach der Wahl im November 2020 Präsident bleiben würde. "Ich weiß noch, kurz nachdem Biden gewählt wurde, da hatte ich ein Gespräch mit meiner Schwägerin und meinte zu ihr: Na, Trump ist doch abgewählt! Und sie meinte nur: Ja, das ist alles Teil des Plans", erzählt Jana K.

    Was nicht passt, wir passend gemacht

    Dieser Plan sah allerdings vor, dass Trump am 4. April 2021 zurückkommt, aber das ist nicht passiert. Auch am 24. Mai passierte nichts, das nächste Datum, an dem Trump wieder die Macht übernehmen sollte. Trump sitzt im Golf-Auto, Trump sitzt im Trump-Tower, Trump sitzt an einem riesigen Tisch bei seinem 75. Geburtstag. Aber Trump sitzt nicht im Weißen Haus. Für viele Q-Anhänger ist das aber kein Grund vom Glauben abzufallen, und das ist auch wenig überraschend. "Wenn man tief genug in so einer Ideologie steckt, unternimmt man kognitiv alles, um diesen Glauben aufrecht zu erhalten", sagt der Psychologe Sebastian Bartoschek. Im konkreten Fall heißt das: Die Überzeugungen werden einfach umcodiert. Trump kommt dann einfach ein wenig später zurück oder ist gar schon an der Macht, während Joe Biden durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. Die Gläubigen glauben also weiter. Weil sie glauben sollen, weil sie glauben wollen, weil sie glauben müssen.

    Das ist nicht neu. "Unsere schönsten Hoffnungen und Erwartungen waren zerplatzt und solch ein Geist des Jammerns überkam uns, wie ich es niemals zuvor erlebt habe", schreibt Hiram Edson im Jahr 1844. Der Adventist hatte damals das Datum für die Rückkehr Christi berechnet, und herausgekommen war der 22. Oktober 1844. Mit seinen Freunden wartete er eine ganze Nacht aufgeregt auf die Rückkehr des Messias, doch es passierte: nichts. Das Ereignis geht als die "große Enttäuschung von 1844" in die Religionsgeschichte ein. Trotzdem wurde Hiram Edson von der großen Enttäuschung im Jahr 1844 nicht von seinem Glauben abgebracht, ganz im Gegenteil. Dass Jesus nicht auf die Erde gekommen ist, erklärte er sich und anderen einfach damit, dass Jesus im Himmel noch ein Heiligtum reinigen muss - und das kann eben dauern.

    Trump-Rückkehr auf Wiedervorlage

    Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Q-Anon-Glauben und der großen Enttäuschung 2020. "Je mehr Sie investiert haben, umso mehr Zeit, umso mehr Geld, umso mehr Beziehungen, umso größer ist der Schmerz, wenn eine solche Vorhersagen nicht eintritt", sagt beispielsweise Michael Blume, Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragter in Baden-Württemberg. "Sie müssen sich also entscheiden: Schleichen Sie sich leise davon und sagen: Okay, ich habe mich geirrt? Oder sagen sie lieber: Ich setzte noch einen drauf!". So wie die Zeugen Jehovas immer wieder den Weltuntergang auf Wiedervorlage legen, so finden dann eben auch QAnon-Anhänger immer wieder neue Ausreden dafür, dass Trump nicht mehr Präsident der USA ist.

    Und trotzdem kann die Realität dem Q-Kult gefährlich werden, allerdings weniger die Realität der Fakten, als vielmehr die Realität der Außengastronomie und des Arbeitslebens. "Was mich wirklich da rausgeholt hat, war einfach wieder zu arbeiten, wieder mein normales Leben zu leben", erzählt zum Beispiel Abby, eine 28-jährige Erzieherin aus Washington DC, die kurzzeitig dem Q-Glauben verfallen war. Das klingt plausibel, denn QAnon, das ist auch ein Mitmach-Kult. Mitmachen zu können, vor allem über das Internet, das war einer der Faktoren, der QAnon so viel Anziehungskraft verliehen hat.

    Man kann sich aus der Q-Umklammerung befreien

    Doch ironischerweise ist genau das, was QAnon groß gemacht hat, auch das, was dem Verschwörungskult möglicherweise am gefährlichsten werden könnte. Denn Mitmachen, das ist anstrengend. Mitmachen, das kostet Zeit. Mitmachen, das kostet Nerven. Und manchmal, da verliert der Kult den Kampf um die Aufmerksamkeit. "Wenn jemand süchtig ist, dass man ihm dann nicht nur sagen muss: Trink nicht mehr so viel! Genau wie man QAnon nicht einfach sagen kann: glaubt das nicht mehr! Sondern man der Person etwas anderes Positives geben, an dem sie sich festhalten kann, um damit dann von der Sucht loszulassen", sagt der Psychologe Sebastian Bartoschek. Tanzen, Tennis, Tresen - statt Telegram: Menschen entdecken geliebte Beschäftigungen also wieder und verlieren das Interesse am Verschwörungskult.

    QAnon wird bleiben

    Das gilt jedoch eher für Menschen, die nicht allzu tief drin stecken im Kaninchenbau. Wie viele Hardcore-Q-Gläubige es gibt, weiß man nicht. Laut Umfragen glauben aber 15 Prozent aller US-Amerikaner heute, dass an QAnon etwas dran sein könnte, das sind fast 50 Millionen Menschen und mehr als manche Mainstream-Religion. Mindestens eine von ihnen - Marjorie Taylor Greene - sitzt als Abgeordnete für die Republikaner im Parlament der Vereinigten Staaten. Und 3 von 10 Republikanern glauben, dass Trump noch im Jahr 2021 als Präsident wiederkehren wird. Die Auferstehung des orange-blonden Messias bleibt Teil eines Glaubensbekenntnisses.

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