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QAnon: Ausbreitung einer Verschwörungsbewegung | BR24

© picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

QAnon-Schild auf Demonstration in Stuttgart

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    QAnon: Ausbreitung einer Verschwörungsbewegung

    QAnon-Anhänger verbreiten Verschwörungsmythen. Ursprünglich stammt die ominöse Bewegung aus den USA, ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. Die Anhänger sind auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen präsent. Was steckt dahinter.

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    QAnon ist immer häufiger auch in Deutschland sichtbar, spätestens seit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Erkennbar sind sie die Anhänger dort unter anderem an Schildern mit dem Buchstaben "Q" oder dem Wort "QAnon", die sie hochhalten. Dahinter verbirgt sich eine weltweite Bewegung, die ihren Ursprung in einem Online-Forum hat.

    Es ist der 28. Oktober 2017, als ein unbekannter Nutzer in dem Forum "4Chan" einen ersten Post absetzt. Er nennt sich "Q Clearance Patriot" und behauptet von sich selbst, ein hochrangiger US-amerikanischer Geheimdienstagent zu sein. Beweise für diese Behauptung liefert er nicht. "Q" veröffentlicht rätselhafte Andeutungen über einen angeblichen "tiefen Staat" (engl. deep state) und bringt vorwiegend rechte Internetaktivisten dazu, "Hinweise" für diesen "tiefen Staat" zusammenzutragen und zu veröffentlichen.

    Der "tiefe Staat" ist eine Verschwörungserzählung von einer angeblichen "Schattenregierung", zusammengesetzt aus nicht gewählten, prominenten und wohlhabenden Personen, die die Politik der USA (und der ganzen Welt) steuern. Experten halten diese Erzählung für in Teilen antisemitisch.

    Die Bezeichnung QAnon

    Die Bezeichnung QAnon setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen. Der Buchstabe "Q" steht in der amerikanischen Administration für eine Sicherheitsfreigabe (engl. security-clearance). Die Q-Sicherheitsfreigabe ist die höchste "clearance" im System der US-Verwaltung. Personen, die über eine Q-Freigabe verfügen, haben Zugriff auf sensible und geheime Akten sowie Einsicht in das Atomprogramm der USA.

    "Anon" ist in der Netzkultur eine Chiffre. Internetnutzer, die anonym bleiben möchten, geben sich den Nutzernamen "Anon". Es ist also ein Pseudonym. Anons sind zugleich die Anhänger "Qs".

    Angeblicher Geheimdienstagent umgeben von rechten Netzaktivisten

    Zuerst auf "4Chan", später auf der Nachfolge-Plattform "8Chan", verbreiten "Q" und die QAnon-Anhänger ihre Verschwörungserzählungen. Beide Plattformen sind dafür bekannt, Inhalte gar nicht oder nur kaum zu moderieren. Dadurch finden sich dort zahlreiche Gewaltaufrufe. Diverse Attentäter übertrugen in Chan-Foren ihre Verbrechen per Livestream.

    Laut New York Times wurden von dem Profil des angeblichen Geheimdienstmitarbeiters in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 3.500 Posts abgesetzt. Die Identität des Geheimdienstmitarbeiters ist nach wie vor völlig ungeklärt, auch ob sich eine Person oder eine Personengruppe hinter dem Pseudonym verbirgt.

    "Q" mobilisiert rechte Netzaktivisten, die über die Jahre eine abstruse Sammlung an Verschwörungsmythen zusammentrugen. Q-Anhänger verbreiten Behauptungen wie "Dein Wasser wird vergiftet", "Medien betreiben Gehirnwäsche" oder "Impfstoffe werden mit Gift gestreckt". Besonders stark wird eine abstruse Erzählung verbreitet: Politiker handeln mit Minderjährigen, um aus deren Blut ein lebensverlängerndes Serum zu gewinnen. All diese einzelnen Verschwörungsmythen werden von QAnon-Anhängern verbreitet. In der Summe ergibt sich für die Anhänger eine weltumspannende Verschwörung, mit dem Ziel, Bürger zu unterdrücken.

    Angebliche Verbindung ins Weiße Haus

    Mit den ersten Chan-Posts von "Q" im Herbst 2017 spekulierten Anhänger und Beobachter, dass es sich um einen Insider aus dem Regierungskreis von US-Präsident Donald Trump handeln könnte. Dieser war damals seit neun Monaten im Amt. Diese Spekulation hält sich bis heute, vor allem Anhänger der Bewegung glauben daran. Auch unter den Unterstützern des Präsidenten finden sich zahlreiche QAnon-Anhänger.

    Prominente Unterstützerinnen und Unterstützer

    In Deutschland erhält die QAnon-Bewegung aktuell besondere Aufmerksamkeit, da zahlreiche (ehemalige) Prominente Versatzstücke der Verschwörungserzählungen von "Q" in der Öffentlichkeit verbreiten. Darunter der Rapper Sido, der Veschwörungsaktivist Oliver Janich, die ehemalige Nachrichtensprecherin Eva Herman sowie der Musiker Xavier Naidoo.

    Forscherin: "Kombination unterschiedlicher Verschwörungstheorien"

    Die österreichische Politikwissenschaftlerin und Extremismusexpertin Julia Ebner beschreibt in ihrem 2019 erschienenen Buch "Radikalisierungsmaschinen" QAnon als Bewegung mit "beträchtlicher ideologischer (und logischer) Flexibilität". Die Bewegung zeichne eine "Kombination unterschiedlicher Verschwörungstheorien" aus, die in die "entferntesten Ecken des Internets" hineinwirke und "ihre Märchen auf unterschiedliche Zielgruppen zuschneiden" könne. Eine passende Verschwörungserzählung für jede Gruppe sozusagen, für Impfgegner ebenso wie für Menschen, die an den "tiefen Staat" glauben. Durch diese ideologische Flexibilität und Anschlussfähigkeit in alle Verästelungen der Verschwörungsmythen sei die Bewegung in den vergangenen Jahren stark angewachsen, so Ebner.

    In der New York Times beschreibt der Politikwissenschaftler Joseph Uscinski QAnon in den USA "eher als Sekte (engl. cult) denn als Verschwörungserzählung". In den USA zählen sich auch zahlreiche Politiker der Republikanischen Partei zu den Anhängern der Bewegung. In der Vergangenheit kam es in den USA zu mehreren Gewaltverbrechen, bei denen sich die Täter auf QAnon bezogen. Der bekannteste Fall ist der Anschlag auf die "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh am 27. Oktober 2018. Der Attentäter tötete elf Menschen und verletzte sechs weitere. Er gilt als Anhänger von Verschwörungsmythen - auch der QAnon-Bewegung.

    Bisher sind keine Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit QAnon in Deutschland bekannt. Auch zählen sich noch keine deutschen Politiker zu den Anhängern von "Q" und dessen Verschwörungserzählungen. Bisher treten die Anhänger von QAnon in Deutschland vor allem online auf, wo die unterschiedlichsten Verschwörungsmythen kursieren - von angeblichen "Zwangsimpfungen", über den Mythos, dass der Mobilfunkstandard 5G eine Rolle bei der Ausbreitung des Virus spiele, bis hin zu Bill Gates, der als führendes Mitglied einer "neuen Weltordnung" fantasiert wird. All das sind Anknüpfungspunkte für Anhänger von Q und deren Weltbild. So verbreitet sich das obskure Verschwörungssystem von QAnon-Anhängern weiter.

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