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Gekaufte Sternchen: Wie Produktbewertungen gefälscht werden | BR24

© picture alliance/dpa Themendienst

Gekaufte Sternchen: Wie Produktbewertungen gefälscht werden

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    Gekaufte Sternchen: Wie Produktbewertungen gefälscht werden

    Die Währung im Netz sind Sternchen: Je mehr ein Produkt bekommt, umso besser laufen die Geschäfte. Andere Kunden orientieren sich an Bewertungen. Das wissen Händler zu nutzen und bestellen positive Bewertungen bei normalen Kunden. Ein Selbstversuch.

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    Ein Selbstversuch: Ich bin auf Facebook und scrolle durch den Feed einer privaten Gruppe, in der Amazon-Produkte zum Testen angeboten werden. Es war leicht sie zu finden. Ihre Mitglieder versprechen mir Rabatte und Rückzahlungen bis zu 100 Prozent, wenn ich es schaffe, eine Produktbewertung bei Amazon zu platzieren.

    In der Facebook-Gruppen läuft alles auf Englisch. "Hi, do you need products? Great quality! Test some free products! Full refunds!" Ich werde überschüttet mit Angeboten für Gratisprodukte, Testangebote und der Aussicht, den Kaufpreis zurück zu bekommen.

    Mit wenigen Klicks zu Produkttests in sozialen Medien

    Auch auf anderen sozialen Medien wie Twitter, WhatsApp und Instagram gibt es solche Gruppen und Angebote. Alle finde ich mit ein paar Klicks. So einfach soll das also sein? Ich bin skeptisch.

    Am Ende antworte ich einer Frau, die mir eine Yogamatte zum Testen anbietet. Laut ihrem Profil lebt sie in Berlin – aber alles an ihrem Facebook-Account wirkt unecht: Kaum Bilder, wenige Posts, das Profil ist erst seit 2 Monaten online. Dann geht alles ganz schnell: Innerhalb von nicht einmal einer Minute bekomme ich eine Antwort von ihr. Sie erklärt, wie das Procedere insgesamt funktioniert.

    Gerichtsurteile: Fake-Bewertungen sind unzulässig

    Ich bestelle die Yogamatte. Kann mir aber immer noch nicht vorstellen, dass mein Selbstversuch funktioniert. Schließlich gab es rund um Fake-Bewertungen im Netz in den letzten Jahren einige Urteile, die klar besagen: Solche Fake-Bewertungen sind unzulässig.

    Da ist zum Beispiel das Urteil des Landgerichts München: 2019 klagte das Urlaubsportal Holidaycheck gegen die Firma Fivestar-Marketing. Fivestar Marketing vermittelte Aufträge an Privatpersonen, die Produkte testeten und bewerteten.

    Fivestar beteuerte zwar, dass alle Bewertungen echt seien, aber eine Überprüfung von Holidaycheck hatte ergeben, dass ein Bewerter "innerhalb kürzester Zeit 30 Hotels mit sechs Super-Sonnen" bewertet hatte.

    Das Urteil: Fivestar darf künftig keine Bewertungen mehr von Menschen verkaufen, die nicht tatsächlich in den Hotels übernachtet haben. Außerdem muss das Unternehmen falsche Bewertungen löschen und Holidaycheck mitteilen, wer die falschen Bewertungen geschrieben hat.

    Facebook und Amazon kämpfen dagegen

    Auch Amazon klagt gegen Anbieter von falschen Bewertungen. Außerdem steigt der Druck auf Facebook, gegen Gruppen, über die Fake-Bewertungen vermittelt werden, vorzugehen.

    In einer Pressemitteilung der Wettbewerbsbehörde CMA in Großbritannien aus diesem Jahr heißt es zum Beispiel: "Aufgrund unserer Nachforschungen hat Facebook rund um die Vermittlung von falschen und irreführenden Bewertungen 188 Gruppen entfernt und 24 User-Accounts gesperrt."

    Selbstversuch: Fünf Sterne für die Yogamatte

    Der Selbstversuch kann beginnen. Zwei Tage nach dem Deal in der Facebookgruppe kommt meine Yogamatte an. Ich teste sie übers Wochenende und schreibe eine Bewertung auf Amazon. Vergebe darin fünf Sterne und lobe, dass die Matte auch für Yoga-Anfänger*innen mit schwitzigen Händen geeignet ist und guten Halt bietet.

    Wieder zwei Tage später ist meine Bewertung online. Versehen mit dem Vermerk: "Verifizierter Kauf". Ich schicke einen Screenshot an die Auftraggeberin aus der Facebook-Gruppe. Und nicht einmal zwei Stunden später wird mir der Kaufpreis von einem Account mit chinesischen Schriftzeichen zurücküberwiesen. Ich habe jetzt also eine Yogamatte und mein Geld dafür zurück. Und das alles innerhalb weniger Tage und mit ziemlich wenig Aufwand. Der Selbstversuch hat geklappt.

    Amazon gegen Fake-Bewerter: "Wir haben Tausende von ihnen verklagt“

    Ich schreibe an Amazon und frage, wie das sein kann und wie sie gegen derartige Gruppen in den Sozialen Medien vorgehen. Amazon antwortet schriftlich und beteuert, eigene Teams arbeiteten mit Sozialen Medien, Instant Messaging- und Online-Zahlungs-Diensten zusammen, um Fake-Bewertern das Handwerk zu legen.

    "Wir haben Tausende von ihnen verklagt, weil sie versucht haben, unser Bewertungssystem zu missbrauchen, und wir werden sie weiterhin zur Rechenschaft ziehen.“ Aus der Stellungnahme des Onlinehändlers Amazon

    Facebook schreibt auf Anfrage: "Betrügerische Aktivitäten sind auf Facebook nicht erlaubt. Dazu zählt auch das Anbieten oder Handeln mit gefälschten Bewertungen. Wir entfernen diese Inhalte, sobald wir davon Kenntnis erhalten. Dabei verwenden wir eine Kombination aus automatisierten Systemen, Meldungen unserer Nutzer sowie menschlicher Überprüfung. Wir haben die uns gemeldeten Gruppen überprüft und entfernt."

    Es stimmt – es gab einige Hürden bei meinem Selbstversuch. Meine Bewertung ging nicht gleich online, sondern erst nach zwei Tagen. Auch Paypal, wo ich für den Selbstversuch extra ein Konto eingerichtet habe, hat mich mehrfach gebeten mein Konto zu verifizieren. Vor allem als die Überweisung aus - vermutlich - China kam. Aber am Ende funktioniert alles reibungslos.

    Verbraucherschützer raten Kunden zur Vorsicht

    Kann man Bewertungen also überhaupt noch trauen? Anruf bei Tatjana Halm, Rechtsexpertin bei der Verbraucherzentrale Bayern: Sie rät Verbrauchern, mehrere Portale zu vergleichen, genau zu lesen und sich nicht nur an den Sternchen-Bewertungen zu orientieren.

    Die Verbraucherschützerin Halm begrüßt, dass auch Gerichte gegen Fake-Bewerter vorgehen. Auch der “New Deal for Consumers” ist in ihren Augen ein Schritt in die richtige Richtung. Das neue Gesetz aus Brüssel soll Verbraucher besser schützen. In einem Factsheet dazu von der EU heißt es, dass es in Zukunft verboten sein soll, falsche Bewertungen zu schreiben oder jemanden mit dem Schreiben zu beauftragen. Allerdings muss das Gesetz nun erst in nationales Recht umgesetzt werden. Immerhin aber sei es ein erster Schritt, sagt Tatjana Halm:

    "Es zeigt den Willen, dass hier auch gesetzlich vorgegangen wird, damit es keine Grauzone bleibt.“ Tatjana Halm, Verbraucherzentrale Bayern

    Gekaufte Sternchen: Selbstversuch in der Grauzone

    Was im Moment auf jeden Fall noch eine Grauzone ist, ist mein Selbstversuch. Denn ich habe die Matte zwar wirklich gekauft und getestet, war in meinem Urteil über sie aber trotzdem nicht frei. Tatjana Halm gibt zu bedenken, wenn sich der Nutzer mit dem Produkt auseinandergesetzt hat, dann sei es schwer zu entscheiden, wie viel Wahrheit in der Bewertung steckt und wie viel Beeinflussung durch den Auftraggeber und die versprochene Rückzahlung.

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