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Glaubenskrieg um Corona-App: Streit verzögert Einführung | BR24

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In manchen Ländern kommen Apps gegen Corona bereits zum Einsatz.

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    Glaubenskrieg um Corona-App: Streit verzögert Einführung

    Datensparsam, anonym, effektiv: Eigentlich sollte PEPP-PT die Grundlage liefern für eine Corona-App. Doch jetzt ist offener Streit ausgebrochen, das Projekt steht unter Beschuss. Was ist da schief gelaufen?

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    Es hatte ein bisschen was von einem Avengers-Film, wo sich bekanntlich unterschiedliche Charaktere zusammenraufen, um der Welt etwas Gutes zu tun. Für PEPP-PT hatten sich Wissenschaftler, Unternehmen und Virologen zusammengerauft, um der Welt ebenfalls etwas Gutes zu tun. PEPP-PT, das sollte die technische Basis sein für Corona-Tracing-Apps in ganz Europa. Tracing-App wiederum sollen irgendwann dabei mithelfen, Kontakte von Corona-Infizierten nachzuverfolgen, um die Pandemie einzudämmen.

    Der Virologe Christian Drosten etwa bezeichnet eine solche App als "bevorzugtes Werkzeug", um Infektionswege zurückzuverfolgen. Die große Hoffnung: Irgendwann müssen nicht mehr 83 Millionen Deutsche in Quarantäne verharren, sondern nur diejenigen, die mit einer infizierten Person Kontakt hatten. Das Leben könnte sich etwas normalisieren, ohne dass die Anzahl der Infektionen erneut explodiert.

    Datensparsames Contact-Tracing per Bluetooth

    Anders als in China, Südkorea oder Israel, wo Anti Corona-Apps im Einsatz sind, will man hier großen Wert legen auf den Datenschutz. Eine solche App soll schließlich freiwillig sein, das heißt, sie muss so gestaltet sein, dass die Bürger keine Angst um ihre Privatsphäre haben und keine Bedenken haben, eine solche App zu installieren.

    Die Idee, hinter der sich die meisten Experten und Datenschützer versammeln können, ist die, eine Tracing-App auf Basis von Bluetooth zu entwickeln. Das hätte den Vorteil, dass keine Bewegungsprofile angelegt werden müssen. Die App würde stattdessen pseudonymisiert nur das analysieren, auf was es wirklich ankommt: Welche Personen hatten zueinander Kontakt? Oder genauer: Welche pseudonymisierten Smartphones hatten zueinander Kontakt?

    Probleme. Herausforderungen. Offene Fragen.

    Natürlich hat das Konzept einige Probleme, Herausforderungen und offene Fragen. Dazu gehört:

    - Was ist mit Menschen, die kein Smartphone haben?

    - Wie sicher ist Bluetooth?

    - Wie gut ist die Messung?

    - Was passiert mit den Daten?

    - Was, wenn sich zu wenig Menschen die App installieren?

    - Was, wenn die App falschen Alarm schlägt?

    - Was, wenn die App missbraucht wird und Leute sich "zum Spaß" als infiziert melden?

    - Wieder einmal wird versucht, ein soziales Problem technisch zu lösen. Das kann nicht funktionieren.

    Auf manche dieser Fragen gibt es Antworten. Bei anderen, etwa der Frage, wie zuverlässig Bluetooth einen Kontakt wirklich messen kann, wird man abwarten und gegebenenfalls nachjustieren müssen. Und über allem steht außerdem die Tatsache, dass die Kontaktnachverfolgung, so wie sie heute von den Gesundheitsbehörden mit Hilfe von Telefon, Stift und Papier durchgeführt wird, auch gewaltige Probleme mit sich bringt und ebenfalls nicht besonders zuverlässig ist.

    Zentral oder dezentral: Das ist hier die Frage

    Klar aber ist auch: Eine App, die kaum jemand auf sein Handy lassen will, kann und wird im Kampf gegen Corona nicht helfen. Deswegen ist die größte Frage vermutlich weniger technischer als vielmehr psychologischer Natur: Wie kann man so viel Vertrauen für diese Lösung schaffen, dass der größte Teil der Bevölkerung mitmacht? Und hier sind wir dann doch wieder bei der Technik und bei einer Frage, über die die IT-Community seit Jahrzehnten streitet: Soll ein System zentralisiert funktionieren oder dezentral?

    Christian Boos: Länder sollen entscheiden

    Im Fall der Tracing-App heißt das: Sollen sensible Daten an einen zentralen Server geschickt werden? Oder sollen sie auf den Geräten verbleiben und nur mit anderen Geräten ausgetauscht werden? Der IT-Unternehmer und PEPP-PT-Mitinitiator Christian Boos sagt im Gespräch mit BR24, dass ihm das letztlich egal sei. Beide Systeme hätten Vor- und Nachteile, letztlich müssten die jeweiligen Länder entscheiden, welches System besser zu ihrem Gesundheitssystem passe. Er selbst präferiert ein zentralisiertes System, Voraussetzung sei allerdings, dass der eingesetzte Server nicht "allwissend" sei.

    Tatsächlich ist auch aus Datenschutzgesichtspunkten die dezentrale Variante nicht gänzlich unumstritten. Auch hier werden Daten verschickt, nur eben an andere Handys und es gibt durchaus Security – und Datenschutzexperten, die eine zentralisierte Variante unter bestimmten Umständen für mindestens genauso sicher und datenschutzfreundlich halten, wie eine dezentrale Variante. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Algorithmen müssen trainiert, die Messung laufend verbessert werden und das geht einfacher, wenn dies auf einem zentralen Server geschieht.

    Ein leidenschaftlicher Streit und ein offener Brief

    Über die Frage dezentral oder zentral wurde im PEPP-PT-Konsortium leidenschaftlich gestritten und obwohl Christian Boos betont, dass via PEPP-PT auch dezentral arbeitende Apps möglich seien, kam es nun zu Abspaltungen. Einzelpersonen aber auch Institutionen, darunter auch das deutsche Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit CISPA zogen sich aus dem Projekt zurück. Außerdem kritisierten fast 300 Wissenschaftler in einem offenen Brief PEPP-PT, ohne das Konzept jedoch beim Namen zu nennen. Neben einem dezidiert dezentralen Ansatz fordern sie von PEPP-PT mehr Transparenz.

    Der Ärger um PEPP-PT setzt möglicherweise auch die Politik unter Druck. Bund und Länder hatte sich erst letzte Woche darauf geeinigt, PEPP-PT zu empfehlen und setzt hierbei offenbar auf einen zentralen Ansatz. Neben PEPP-PT gibt es mittlerweile allerdings auch andere Konzepte, an denen gearbeitet wird. An der ETH Zürich und der EPFL Lausann etwa forscht man an DP3T, einem dezentralen Tracing-Konzept. Und an der TU München an contacTUM, auch das eine Tracing-App mit dezentralem Ansatz.

    Am Ende doch ein Flickenteppich?

    Auch Google und Apple haben sich in die Entwicklung einer Tracing-App eingeschaltet und präferieren ebenfalls einen dezentralen Ansatz, genau wie das EU-Parlament. Egal, welches Konzept sich am Ende durchsetzt, es sollte eines sein, auf das sich möglichst viele Partner einigen können und das von der Bevölkerung angenommen wird. Bundesaußenminister Heiko Maas hatte kürzlich vor einem "Flickenteppich aus 27 Corona-Apps" gewarnt. Diese Gefahr scheint mittlerweile real.

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