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Offener Brief: Geplante Corona-App "höchst problematisch" | BR24

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Ein dezentrales Tracing-Konzept heißt DP-3T und stammt aus der Schweiz

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    Offener Brief: Geplante Corona-App "höchst problematisch"

    Das Gezerre um die geplante Corona-App nimmt kein Ende. Nun haben sich namhafte Digitalvereine zu Wort gemeldet. Ihre Befürchtung: Sollte die App Daten zentral verarbeiten, dann könnte dies das Vertrauen der Bevölkerung in das Vorhaben untergraben.

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    Von
    • Christian Schiffer

    Vor allem zwei Ressourcen sind für eine Corona-Tracing-App entscheidend: Zeit und Vertrauen. Die App muss halbwegs zügig erscheinen, wenn sie dazu beitragen soll, Corona einzudämmen und die Menschen müssen ihr vertrauen, damit das Programm von möglichst vielen Nutzern auf ihr Smartphone gelassen wird.

    Verspätet und schlecht kommuniziert

    Was die Geschwindigkeit angeht, da wurde das Projekt bereits von der Realität eingeholt. Ursprünglich sollten die ersten Tracing-Apps für Corona nach Ostern erscheinen, mittlerweile wird eher Ende Mai angepeilt. Vor allem aber die zweite Ressource scheint gefährlich knapp zu werden, das Projekt läuft Gefahr, viel Vertrauen zu verspielen. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

    - Die Kommunikationspolitik rund um die App wirkte bislang eher unglücklich. Das Herzstück der Corona-Bekämpfung per Smartphone ist eine Tracing-App zur Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten. Allerdings wurden auch andere Apps vorgestellt oder angekündigt, etwa die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts und eine App, die den Behörden dabei helfen soll, mit Infizierten in Quarantäne in Kontakt zu bleiben. Dieses App-Wirrwarr führt zu Verwirrung und Unsicherheit.

    - Die Datenspende-App ist unter Datenschutzgesichtspunkten umstritten. Das Problem: Datenschlampereien bei dieser eher unwichtigeren App untergraben auch das Vertrauen für die geplante Tracing-App, auf der so viele Hoffnungen ruhen.

    - Das Tracing-Konzept PEPP-PT gerät zunehmend unter Beschuss.

    Die Gretchenfrage rund um das Tracing

    Im Kern dreht sich der Streit um PEPP-PT um die Frage, ob die pseudonymisierten Daten der Nutzer zentral auf einem Server verarbeitet werden sollen oder auf den Geräten selbst. Und dieser Streit, der bislang eher ein Streit unter Krypto-Experten war, der erreicht nun auch die Bundesregierung. Denn Medienberichten zufolge hat sich die Bundesregierung für eine zentralisierte Variante von PEPP-PT entschieden, was allerdings vom digitalpolitischen Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Tankred Schipanski (CDU) bestritten wird.

    Das zentralisierte Konzept gilt als weniger datenschutzfreundlich als die dezentrale Variante, im Gegenzug könnten Epidemiologen bei einer zentralen Speicherung die Daten auswerten, um mehr über die Verbreitung von Corona herauszufinden. Ebenso könnten die Algorithmen einfacher und effizienter trainiert werden, um die Messung via Bluetooth zu verbessern und das System insgesamt zuverlässiger zu machen.

    „Eine Corona-Tracing-App sollte, wenn überhaupt, nur auf Basis eines dezentralen Ansatzes auf gebaut und programmiert werden. Andernfalls steht zu befürchten, dass der geringe Datenschutz eines zentralen Ansatzes und das Fehlen technischer Beschränkungen gegen Zweckentfremdung dazu führen wird, das Vertrauen in die Verwendung einer solchen App auszuhöhlen und damit die Akzeptanz für spätere digitale Lösungen leichtfertig zu unterminieren.“ Aus dem offenen Brief der Digital-Vereine

    Kritiker haben Google und Apple auf ihrer Seite

    Am Freitag haben sich nun sechs Vereine zu Wort gemeldet, die sich mit Datenschutz und Netzpolitik beschäftigen. In einem offenen Brief, der unter anderem vom Chaos Computer Club, dem SPD-nahen Verein D64 und der Stiftung Datenschutz unterschieben wurde, wird das das Bundesgesundheitsministerium aufgefordert, einer dezentralen Lösung den Vorzug zu geben. Die Kritiker wissen dabei Google und Apple auf ihrer Seite, die sich beide zusammengetan haben, um Tracing-Apps auf ihren Geräten zu ermöglichen. Die beiden Tech-Giganten favorisieren, anders als die Bundesregierung, eine dezentrale Lösung.

    Warum nicht den Nutzer entscheiden lassen?

    Möglicherweise gibt es aber auch eine Lösung aus dem Dilemma. Eine Idee: Die User könnten selbst entscheiden, ob ihre Daten zentral oder dezentral verarbeitet werden sollen. An die Stelle eines Expertenstreits könnte dann die souveräne Entscheidung des einzelnen Nutzers treten.

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