BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Picture Alliance

Er besorgte sich seine Waffe im Darknet und traf auf der Spieleplattform Steam auf Gleichgesinnte. Der Attentäter, der vor fünf Jahren in München neun Menschen tötete, fand im Netz Vorbilder – und Nachahmer.

19
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

OEZ-Anschlag: So radikalisierte sich David S.

Er besorgte sich seine Waffe im Darknet und traf auf der Spieleplattform Steam auf Gleichgesinnte. Der Attentäter, der vor fünf Jahren in München neun Menschen tötete, fand im Netz Vorbilder – und Nachahmer.

19
Per Mail sharen
Von
  • Christian Schiffer

David S. will am 22. Juli 2016 offenbar nichts dem Zufall überlassen, um seinen großen Vorbildern gerecht zu werden. Der Deutsch-Iraner wählt als Tatwaffe eine Glock, genau wie sie Anders Breivik dabei hat, als er auf den Tag genau fünf Jahre zuvor in auf der norwegischen Insel Utøya 77 Menschen tötet. David S. hat sich für seinen Anschlag sogar dieselbe Tat-Zeit ausgesucht, wie sein Terror-Vorbild. Als WhatsApp-Profilbild nutzt der 18-Jährige ein Bild Breiviks, auf der Spieleplattform Steam wiederum wählt er für einen seiner Accounts den Namen von Tim K., dem Schulattentäter also, der in an der Albertville-Realschule 2009 15 Menschen tötet. Auf einem seiner Steam-Profile schreibt David S. "I am the ghost of Tim K*** I will come back alive and kill again".

Brandbeschleuniger Steam?

Eigentlich ist Steam eine große Plattform für PC-Spiele, die etwa 120 Millionen aktive User hat. Wie viele andere Teenager spielt auch David S. Computerspiele und hier vor allem den berühmt-berüchtigten First-Person-Shooter Counterstrike. Insgesamt über 4.000 Stunden soll David S. Counterstrike gespielt haben - und das in neun Jahren. Das sind 37 Stunden im Monat oder etwas mehr als eine Stunde am Tag, was viel ist, aber auch nicht ungewöhnlich viel für einen 18-Jährigen.

Doch nicht alles auf Steam dreht sich um Computerspiele. Auf der Plattform kann man auch Gruppen bilden, etwa um sich über Spiele auszutauschen oder gemeinsame Multiplayer-Partien zu organisieren. Manche Gruppen setzen aber völlig andere inhaltliche Schwerpunkte und einige von ihnen verbergen gar nicht, dass sich in ihnen vor allem Rechtsextreme tummeln. Dazu gehört die Gruppe "Anti Refugee Club", die damals etwa 250 Mitglieder hat. Irgendwann tritt David S. ihr bei. Sein Pseudonym "†NΞO† GeR†".

Der global vernetzte Terrorismus

Bei der Radikalisierung von David S. offenbaren sich bereits Mechanismen, die später auch bei anderen rechtsextremen Bluttaten eine Rolle spielen werden, etwa in 2019 in Christchurch oder in 2019 in Halle. Der neue rechte Terrorismus agiert heute global und vernetzt. Die Täter handeln alleine - und sind doch Teil einer Gemeinschaft. Das zeigt sich auch im Fall des OEZ-Attentäters. Teil der Gruppe "Anti Refugee Club" ist nämlich auch der 21-jährige Amerikaner William A. 16 Monate nach dem Anschlag auf das OEZ tötet William A. in Aztec, im Bundesstaat New Mexico, zwei Menschen - und anschließend sich selbst.

Der neue rechte Terrorismus ist aber auch gamifiziert, das heißt, er überträgt Mechanismen aus der Welt der Spiele in einen Terror-Kontext. Kurz nach dem Anschlag wird David S. in der Gruppe zum "Gruppenspieler der Woche" ernannt. Genau wie die Täter von Christchurch oder Halle, die ihre Taten für ihr Publikum live ins Netz streamten, wusste auch David S., dass er Publikum, ja sogar regelrechte Fans haben würde. In der Steam-Gruppe wird seine Tat bejubelt, man schreibt sogar einen verherrlichenden Artikel über ihn auf einer Wikipedia-ähnlichen Plattform.

Die Debatte versandet

Die Spieleplattform Steam gerät nach dem OEZ-Attentat in die Kritik, der damalige Innenminister Thomas de Maizière gibt zudem generell gewalthaltigen Computerspielen eine Mitschuld an den Ereignissen. Außerdem rückt das sogenannte "Darknet" in den Fokus von Medien und Ermittlern, denn hier hat sich David S. seine Mordwaffe besorgt.

Doch die Debatte rund um gewalttätige Computerspiele versandet schnell, vermutlich auch deswegen, weil sich viele erinnert fühlen an die "Killerspieldebatte", die insbesondere in den Nullerjahren die Gemüter erregte. Dass Computerspiele aus Menschen Amokläufer machen, gilt als weitgehend widerlegt und wird heute nur noch selten behauptet. Dass aber Gamer-Communities bisweilen toxisch sein können, ist unbestritten.

Radikalisierung nicht nur auf Steam möglich

Inwieweit die Plattform Steam zur Radikalisierung von jungen Menschen beitragen kann, bleibt offen. Vermutlich spielt Steam eine vergleichsweise kleine Rolle, die allermeisten rechtsextremen Täter radikalisierten sich nicht auf Spieleplattformen, sondern auf weitgehend unregulierten Imageboards wie 4Chan. Auch der Messenger-Dienst Telegram gilt zunehmend als Radikalisierungserhitzer.

Steam gelobt nach der Tat von München, energischer gegen rechtsextreme Gruppen und Symbole auf der eigenen Plattform vorgehen zu wollen. So wurde 2020 ein Spiel, dessen Entwicklung von der identitären Bewegung finanziert wurde, zügig aus dem Store entfernt. Allerdings findet man sie auf hier auch heute noch, fünf Jahre nach dem Attentat, bei dem neun junge Menschen sterben mussten: Steam-Gruppen in denen dem Terroristen David S. gehuldigt wird. Sie scheinen nicht mehr aktiv zu sein, aber gelöscht wurden sie auch nicht.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!