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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Doris Heimann

Die polnische Schülerin Krystyna Paszko (18) steht auf einem Feld in der Nähe ihres Elternhauses in Warschau.

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Abiturientin aus Polen: Undercover für Opfer häuslicher Gewalt

Eine Abiturientin in Polen hat eine Internetseite entwickelt, die wie ein Kosmetik-Online-Shop aussieht. In Wirklichkeit aber können bedrohte Frauen in diesem Fake-Shop um Hilfe rufen, unbemerkt von ihren Peinigern.

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Von
  • Agnieszka Hreczuk
  • Felix Moßmeier

Die Pandemie zwingt uns, mehr Zeit zuhause zu verbringen. Das kann mal öde oder eintönig – in immer mehr Fällen aber auch gefährlich sein. Corona wirkt in Sachen häusliche Gewalt wie ein Brandbeschleuniger. Die bayerische Polizei gibt "Gewalt in der Familie" als die am weitesten verbreitete Form von Gewalt an.

Etwa 40.000 Frauen flüchten demnach jährlich, teils zusammen mit ihren Kindern, in eines von insgesamt 400 Frauenhäusern in Deutschland. Aber auch im Nachbarland Polen steigen die Fallzahlen. Unabhängigen Quellen zufolge werden dort 800.000 Menschen jährlich Opfer häuslicher Gewalt. Die Abiturientin Krystyna Paszko hatte eine sehr kreative Idee, wie man Misshandelten schnell und wirksam helfen kann.

Creme bestellt – Polizei vor der Tür

Auf der als Kosmetik-Shop getarnten Webseite sieht alles ganz echt aus. Bestellt man aber beispielsweise bei "Rumianki i bratki – Kamille und Stiefmütterchen" eine der Cremes oder Salben für empfindliche Haut, steht statt des Paketboten die Polizei vor der Tür. Denn jede Bestellung ist ein digitaler und getarnter Hilferuf.

Häusliche Gewalt ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu. Und die Täter üben auf ihre Opfer oft so eine Macht aus, dass diese es nicht wagen, sich an externe Stellen zu wenden und um Hilfe zu ersuchen.

Beratungschat deckt Probleme auf

Wer auf der Webseite ein Produkt in den Warenkorb legt, hat auch die Möglichkeit, mit einer Beraterin zu chatten. Ein Verkaufsgespräch, in dem Probleme aufgedeckt werden sollen.

"Frauen schreiben oft über unterschiedlichen Allergien, die zum Beispiel vom Waschpulver verursacht werden, und was man dagegen tun kann. So führen wir ein erstes klärendes Gespräch. Wir fragen nach, ob es nur eine Waschpulversorte ist, ob das Reinigungsmittel Alkohol beinhaltet, ob die anderen Familienmitglieder auch an Allergien leiden." Psychologin Monika Perdjon

Die Psychologin Monika Perdjon hat sich, wie viele weitere Psychologinnen, Juristinnen und Webgestalterinnen, dem Web-Projekt angeschlossen.

Lob und Anerkennung auch von der EU

Für ihr Engagement wurde die inzwischen 18-jährige Krystyna Paszko im Februar 2021 mit dem zivilen Solidaritätspreis der Europäischen Union ausgezeichnet. Als jüngste Gewinnerin in diesem Jahr.

Auf der digitalen Preisverleihung erklärte Krystyna Paszko noch einmal ihre Idee: "Das Ziel des Projektes ist, Opfern von häuslicher Gewalt zu helfen, die sonst nicht in der Lage sind, selbst Hilfe zu holen." Der Erfolg gibt ihr Recht: Über 400 Menschen konnten sie und ihr Team bereits helfen.

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Bildrechte: picture-alliance/dpa

Wissenschaft jeden Tag spannend erzählt - die Sendung "nano" präsentiert von Montag bis Freitag Neues und Wissenswertes aus dem Bereich der Forschung. Häusliche Gewalt in der Coronazeit.

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