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Russlands neue Generation begehrt nicht politisch auf, sondern ist wirtschaftlich erfolgreich. Und das ist fast noch gefährlicher für die alten Eliten.

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Netznotizen: Neue Rollenvorbilder für die Generation Putin

Denkt man an Russland und Internet, denkt man sofort an Trollfabriken und Hackerangriffe. Es gibt aber auch die andere Seite des russischen Internets: junge Typen, die es meisterhaft verstehen, ihr eigenes Ding zu machen - ganz ohne Putin.

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Sie sind jung, sie sind kreativ, sie sind gut – und sie sind politisch. Aber nicht so, wie man das bisher kennt. Und auch ohne sich direkt politisch zu äußern. Genau das ist ihr Erfolgsrezept. Am besten kann das Phänomen der - nennen wir sie mal russische Internet-Selfmade-Unternehmer - wohl Juri Dud erklären. Der 35-Jährige hat eine Show auf Youtube, in die er einlädt, wen er will: Am Anfang waren es noch hauptsächlich Musiker, inzwischen sind es Personen querbeet aus Kultur und Politik. Das Setting der Interviews ist minimal: zwei Stühle, Dud sitzt seinem Gast gegenüber und fragt drauflos.

Die Fragen sind einfach, provokant und direkt. Und Dud ist immer gut vorbereitet. So sind ihm schon einige Interviews gelungen, die seine Partner ziemlich entlarvt haben. Zum Beispiel den Präsidentschaftskandidaten der Kommunisten. Dud fragte ihn, wen er für den besten Staatsführer Russlands der letzten 100 Jahre hält. Die Antwort kam prompt: Stalin. Und dazu eine lange Aufzählung was Stalin alles für die Sowjetunion geleistet habe. Am Ende der hymnischen Aufzählung fragte Dud nur trocken:

Dud: Und wer hat nochmal diese Fabriken in Magnitogorsk und anderswo gebaut?
Kommunist: Sowjetbürger.
Dud: Ich glaube, Sie haben da ein Wort vergessen... ?
Kommunist: Nein, es waren Sowjetbürger.
Dud: GEFANGENE Sowjetbürger!

Unternehmer statt Revoluzzer

Duds youtube-Show strahlt die Freiheit, Direktheit und offene Neugier aus, an denen es vielen der langweiligen und pompösen Interviewsendungen im russischen Fernsehen mangelt. Dud ist dabei kein Revoluzzer oder Intellektueller und noch weniger ein Netztroll. Geschniegelt und in Hipster Klamotten verkörpert er vielmehr einen Selfmade-Unternehmer, der es dank des Netzes und harter Arbeit schafft, außerhalb der alten Strukturen zu Ruhm und sicher auch einigem Reichtum zu kommen.

Milliardär dank Telegram

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte hat Pawel Durow. Nur ist seine noch um einiges größer. Er ist der Mark Zuckerberg Russlands, denn er hat Vkontakte gegründet, das russische Facebook. Und dazu noch den abhörsichern Messengerdienst Telegram. So etwas wie ein russisches WhatApp. Bei beiden wollte der russische Staat irgendwann Zugang zu den Nutzerdaten. Durow verweigerte das und wurde so für viele zum Held. Dass er vorher selbst wegen schwacher Copy-right Politik bei Vkontakte in der Kritik stand, war da schon fast wieder vergessen. Inzwischen hat Durow Vkontakte verkauft, ist Milliardär und hat Russland verlassen – die Bedingungen dort seien zu schlecht für „digitales Unternehmertum“ sagt er.

Putin den Rücken kehren

Dud und Durow wollen nicht Putin oder die Regierung stürzen, sie äußern sich nicht einmal sonderlich politisch. Nein, sie machen etwas viel Kritischeres: Sie zeigen, dass man auch ohne den Staat und dessen hierarchische, oligarchische Strukturen Erfolg haben kann. Indem man einfach sein eigenes Ding aufbaut. Im Netz. Genau das macht sie zu einem alternativen Role Model für die Generation Putin, für die Erfolg und Prestige wichtig sind, die aber von den alten Strukturen und den alten Eliten in ihrem Land die Nase voll haben. Und so könnten sie für den Staat viel gefährlicher werden als jede politische, parlamentarische Opposition. Denn Strukturen, die man nicht mehr fürchtet, nicht mehr achtet, die man schlicht nicht mehr braucht, sind vielleicht schneller weg, als man das Internet zensieren kann.