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Hashtag "Nazis raus"
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Autoren

Laura Selz
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Hashtag "Nazis raus"

Das neue Jahr beginnt mit einem Hashtag. Die ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Nicole Diekmann twittert am 1. Januar zwei Wörter in schlichter Schönheit: „Nazis raus“. Der Tweet wird tausendfach geteilt und hundertfach kommentiert. Insgesamt gibt es große Zustimmung. Allerdings gibt auch Gegenwind und schließlich wird der Tweet als große, groteske Kontroverse diskutiert. Denn 73 Jahre nach Kriegsende ist längst nicht mehr klar, was eigentlich klar sein sollte. „Nazis Raus“ wird zur Provokation.

„Prinzipiell stimme ich zu, aber etwas differenzierter sollte es schon sein...“
„Ich kann mich an keine Grabsch- und Vergewaltigungsnachrichten von diesen Nazis erinnern. Seltsam.

Ironie funktioniert im Internet nicht

Und dann eskaliert es komplett. Auf die spitze Frage eines Users hin, wen genau sie denn mit Nazi meine, übt sich Diekmann fatalerweise in Ironie antwortet: „Jeder der nicht die Grünen“ wählt. Das war vielleicht etwas unklug. Ironie im Netz funktioniert nicht. Vor allem nicht in Zeiten, in denen jeder schon morgens vor dem ersten Kaffee beleidigt ist. Es folgt ein tausendfacher Shitstorm. Diekmann erhält Morddrohungen, User schildern ihre Vergewaltigungsfantasien, wünschen Journalisten generell den Tod und überhaupt – das Abendland brennt.

Deutschland prügelt sich im Netz

Der Hashtag #NazisRaus trendet nicht, er explodiert. Aus Solidarität mit Diekmann teilen tausende User den Hashtag, darunter fast alle etablierten Medienhäuser, Politiker und Prominente. Von Boris Becker bis zum Deutschen Fußball-Bund. Doch dass diese Parole überhaupt zur Kontroverse stilisiert werden konnte, sollte uns zu denken geben. 73 Jahre nach Kriegsende prügelt sich das Volk um einen Begriff.

Es gibt keinen Konsens mehr darüber, wer heute als Nazi gilt. Das Wort ist hohl geworden und wird mit jedem Rechtsruck neu verhandelt. Umso erstaunlicher ist es, wie die getroffenen Hunde sich mit Ihrem Bellen zu erkennen geben. Denn: Niemand will Nazi genannt werden. Das ist der einzige Konsens, auf den sich alle einigen können. Der Begriff „Nazi“ beschreibt das ultimative Böse, und niemand will böse sein. Der Ruf „Nazis raus“ müsste daher, folgerichtig, ebenfalls Konsens sein. Ist der aber nicht, und das ist paradox.

Empörungsparadoxon im Web lässt tief blicken

Viele fühlen sich davon angegriffen, selbst wenn sie gar nicht namentlich genannt wurden. Sie fühlen sich angesprochen und weisen den Vorwurf gleichzeitig zurück. Und in einer weiteren paradoxen Volte klagen sie darüber, dass Nazis von der Gesellschaft diskriminiert würden. Das ist das Empörungs-Paradoxon. Die, die sich angesprochen fühlen, wollen so nicht genannt werden. So als würde man auf der Straße laut Idiot rufen, und einer dreht sich um.

Autoren

Laura Selz

Sendung

Notizbuch vom 11.01.2019 - 11:40 Uhr