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Messengerdienst Telegram: Wo die Verschwörungstheorien sprießen | BR24

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    Messengerdienst Telegram: Wo die Verschwörungstheorien sprießen

    In der Corona-Krise nutzen die Deutschen verstärkt soziale Medien und Messenger - besonders Telegram hat viel Zulauf. Die kaum regulierte Plattform scheint vor allem diejenigen anzuziehen, die woanders mit ihren Theorien anecken.

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    Viele Verschwörungstheorien und Falschnachrichten im Zusammenhang mit der Corona-Krise werden über Social-Media-Plattformen wie Youtube oder Facebook geteilt. Doch aktuell erfährt der - von den Nutzerzahlen her - kleine Messenger Telegram immer mehr Zulauf.

    Hier tummeln sich Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme, aber auch Aktivisten in HongKong oder politisch Verfolgte - User*innen, die sich auf anderen Plattformen nicht sicher oder akzeptiert fühlen. Das hat unter anderem die Amadeu-Antonio-Stiftung in Studien festgestellt: So sind beispielsweise Kanäle von Rechtsextremen, die auf Facebook oder Instagram gesperrt wurden, auf Telegram ausgewichen - und bekommen dort mehr Nutzer.

    Trotz der Kanäle rund um Verschwörungstheorien und Fake-News, die sich auf Telegram in der Corona-Krise vermehrt bilden, ist der Messenger auch ein seriöser Nachrichtendienst. Es finden sich dort beispielsweise Accounts vom Bundesgesundheitsministerium oder von Medienhäusern wie Bloomberg.

    Inhalte werden kaum reguliert

    Nach eigenen Angaben kommen momentan täglich etwa 1,5 Millionen neue Nutzer und Nutzerinnen zu Telegram. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat der Messenger rund 8 Millionen aktive Nutzer pro Tag, Facebook knapp 30 Millionen, WhatsApp bringt es allein in Deutschland auf 60 Millionen User.

    Telegram gehört also zu den Gewinnern der Corona-Krise, wenn man so will. Das liegt zum einen daran, dass der Dienst wenig reguliert wird. So werden zwar Kanäle mit Bezug zum IS-Terror blockiert, aber Telegram betont auf seiner Webseite, dass es Nutzer keinesfalls daran hindere, "auf friedliche Weise alternative Meinungen zum Ausdruck zu bringen."

    NetzDG greift bei Telegram nicht

    Während rechtsradikale Äußerungen auf Facebook meist mehr oder wenig schnell gelöscht oder zumindest gemeldet werden können, greift bei Telegram das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nicht. Dabei soll das NetzDG helfen, Online-Beiträge zu entfernen, die beispielsweise volksverhetzend oder beleidigend sind, zu entfernen. Warum also nicht bei Telegram?

    Das NetzDG gelte für Anbieter, die Plattformen im Internet mit einer "Gewinnerzielungsabsicht betreiben", sagt Ariane Keitel, Sprecherin des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz. Plattformen, die zur individuellen Kommunikation seien vom NetzDG ausdrücklich ausgenommen.

    "Bei Schaffung des NetzDG ist der Fokus ganz bewusst auf die für den öffentlichen Meinungsaustausch ganz besonders relevanten großen sozialen Netzwerke gelegt worden." Ariane Keitel, Sprecherin Bundesjustizministerium

    Blinder Fleck im NetzDG

    Allerdings liegt genau hier auch eine Schwierigkeit, sagt Matthias C. Kettemann vom Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Uni in Berlin (HIIG). Telegram sei zwar im Kern ein Nachrichtendienst, allerdings kämen immer mehr Gruppen dorthin, weil sie dort mit vielen Menschen kommunizieren könnten. Dadurch würde Telegram Plattformen wie Facebook sehr, sehr nahe kommen. 


    "Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat hier einen einen blinden Fleck, weil es eben nicht angewendet wird auf klassische Nachrichtendienste wie etwa WhatsApp und Telegram." Matthias C. Kettemann, HIIG

    Telegram fällt wie Whatsapp in die Kategorie Dark Social, das heißt halb-öffentliche Kommunikation. Wenn dort aber nun Kanäle und Gruppen gebildet werden, in denen sich nur einige Menschen mitteilen und der Rest die schweigende Mehrheit bildet, kommt das einer Kommunikation wie in großen Online-Foren oder sozialen Netzwerken wie Facebook sehr nahe.

    Selbstregulierung statt Kontrolle von außen

    Den strafrechtlich relevanten Inhalten auf Telegram nachzukommen, sei sehr schwierig, sagt C. Kettemann. "Wir wollen ja auch nicht, dass der Staat hineinschauen kann in die Kommunikation zwischen Menschen. Der Geheimnisschutz ist wichtig, die Privatsphäre ist wichtig."

    Der Internetrechtler sieht hier eine wichtigere Rolle bei der Selbstregulierung. So hat Telegram bereits zugestimmt, auch bei privaten Kanälen zumindest terroristische Inhalte zu löschen. Kettemann räumt jedoch ein: "Sie gehen noch nicht gut genug vor gegenüber rechtsextremistischen oder anderen, nicht-islamistischen, terroristischen Inhalten."

    Hinzu kommt, dass wenig darüber bekannt ist, wer hinter Telegram steckt. Gegründet wurde der Dienst von dem russischen Unternehmer Pavel Durov, allerdings weist die Seite kein Impressum auf - wer rechtlich dahinter steht, ist also unklar. Zudem sehe Telegram seine Rolle auch ganz anders beispielsweise Facebook. "Sie suchen nicht bewusst, wie Facebook in letzter Zeit, den Weg hin in die Öffentlichkeit, um stärker als ein Akteur wahrgenommen zu werden, der seiner Verantwortung gerecht wird", so Kettemann

    Kaum noch Unterschied zu Facebook-Seiten

    Warum der eine Bereich reguliert wird und der andere nicht? Der globale islamistische Terrorismus sei geächtet, dagegen habe sich eine entsprechende globale Ächtung gegenüber Rechtsextremismus noch nicht durchgesetzt, so der Forscher. "Telegram gewinnt nichts dadurch, wenn es mit IS in Verbindung gebracht wird", sagte Kettemann, "Deswegen konnten sie das ohne größeren Pushback durch die Gemeinschaft ihre Kundinnen und Kunden durchführen."

    Telegram wirbt auch offen damit, niemanden zu blockieren, der eine - wie sie selbst sagen - alternative Meinung zum Ausdruck bringt. Trotzdem stellt sich laut Kettemann die Frage, wo hier die Grenze verlaufe.

    "Wenn jemand auf Telegram zu Gewalt oder zu illegalen Akten auf eine Weise aufruft, die wirklich einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird, dann sehe ich keinen Unterschied mehr gegeben zu einem Aufruf auf einer Facebook-Seite." Matthias C. Kettemann, HIIG

    Entwicklung von Parallelgesellschaften

    Die Frage nach einer Regulierung in Messenger-Diensten bleibt also. Den Vorteil des NetzDG sehe er darin, dass man bei Plattformen wie Facebook oder Twitter nun einen Ansprechpartner habe, sagt C. Kettemann. Zudem erfahre man mehr darüber, was gelöscht wird.

    Dass Dienste wie Telegram oder Discord dies bislang nicht transparent machen, sei sowohl für Politik als auch für die Wissenschaft eine Herausforderung. Weil bei diesen Messenger-Diensten immer mehr Diskussionen stattfinden, die für die öffentliche Meinungsbildung relevant sind. Wenn sich dort Parallelgesellschaften entwickeln, dann könnte dies zu einem gesellschaftlichen Problem werden.