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Notiz auf einem Stammtisch von "MedWatch". Zettel mit Zeichnung einer Spritze, Dank und Begriffen: Humor, Evidenz, Gründergeist und Veranwortung.
© Oliver Schwarz via Homepage "MedWatch"
© Oliver Schwarz via Homepage "MedWatch"

Notiz auf einem Stammtisch von "MedWatch". Zettel mit Zeichnung einer Spritze, Dank und Begriffen: Humor, Evidenz, Gründergeist und Veranwortung.

"Kokosöl heilt Krebs" und "Chlorbleiche hilft bei Autismus": Derartige Schlagzeilen sind irreführend – mitunter sogar gesundheitsschädlich oder lebensbedrohlich. Deshalb hat es sich "MedWatch" zum Ziel gesetzt, genau solche "Heilsversprechen" im Netz aufzudecken. Gegründet wurde das Projekt von Hinnerk Feldwisch und Nicola Kuhrt.

Medizinjournalisten sehen Projekt als "Wachhund" für Medizin-Lügen

Die Idee, MedWatch zu gründen, lag in der Luft, so Nikola Kuhrt:

"Wir haben uns unterhalten, weil wir beide als Medizinjournalisten lange Jahre immer wieder Erfahrungen gemacht haben, dass es Dinge gibt, die eben schieflaufen im System, wo aber eigentlich niemals wirksam was erfolgt. Es bräuchte eine Gesetzesänderung und es bräuchte einen Marktwächter, der auf gewisse Dinge guckt – gibt es nicht. Und dann haben wir uns entschieden, dass wir das ändern wollen." Nicola Kuhrt, MedWatch"

Nicola Kuhrt war viele Jahre Wissenschaftsredakteurin bei Spiegel Online und wurde für ihre Recherchen mehrfach ausgezeichnet. Jetzt will sie mit ihrem Projekt zu einem Watchdog für Medizin-Fakes werden.

Fragwürdige Wundermittel

"Wir haben einem Wundermittel nachgespürt, das heißt 'Spirit of Health' und soll gegen alles helfen, also Krebs, Autismus, Demenz, Malaria. Und dieser Mensch, der das vertreibt, sagt: Ist toll, kostet nicht viel und hilft gegen alles. Und es gibt auch Anhänger, die das dann machen. Das ist eine Mischung aus Chlordioxid, ist also ätzend und eigentlich nutzt man es, um es in den Pool zu schütten. Aber in Foren, auf Facebook vor allen Dingen, gibt es dann Elterngruppen, wo sie sich gegenseitig richtig unter Druck setzen als Darmspülung beim Kind, um den Autismus auszutreiben." Nikola Kurth

Die Geschichte erschien nicht nur bei "MedWatch", sondern auch im ARD-Magazin "Kontraste" sowie im "Stern". Nicola Kuhrt sagt, schon jetzt hätten sie und ihr Co-Gründer Hinnerk Feldwisch so viele Hinweise bekommen, dass sie zwei Jahre lang ohne Pause durcharbeiten könnten.

Medienpreis "Netzwende-Award" für die MedWatch-Gründer

Deshalb kommt der Netzwende-Award, gestiftet vom Hamburger Medien-Think Tank VOCER, genau zum richtigen Zeitpunkt. Jury-Mitglied Stephan Weichert erklärt:

"Der Netzwende-Award steht für nachhaltige Innovation im Journalismus. Das heißt, nicht nur technologiegetriebene Neuerung um jeden Preis oder um der Erträge und Erlöse willen, sondern weil eine Idee und eine Leidenschaft im Vordergrund der Macher steht. Und Nachhaltigkeit heißt, dass wir auch in Zukunft, und unsere Nachfahren, etwas von der Idee haben können." Stephan Weichert

Stephan Weichert unterrichtet an der Hamburg Media School und sagt, dass man mit dem Preis herausragende Projekte auszeichnen wolle, die neue Formen im Journalismus ausprobieren. "MedWatch" zeichne sich in erster Linie durch seine Unabhängigkeit und den intensiven Kontakt zum Publikum aus. Schon jetzt bekommt es von anderen Medien-Startups viel Zuspruch und Unterstützung.

"Die Indie-Startup-Szene ist großartig, weil es so viele verschiedene Startups journalistischer Art gibt. Alle eint, dass sie das mit Herzblut machen. Und dass man sich unterstützt gegenseitig, weil natürlich viele die gleichen Schwierigkeiten haben, was das Gründen anbelangt. Dass man sich stützt, gegenseitig austauscht und dass man zusammen das Gefühl hat, dass man eine relevante Größe wird." Stephan Weichert

Vielen Medien-Startups geht das Geld aus

Allerdings dauert es etwa drei, vier Jahre bis ein Projekt eine ernst zunehmende Stimme wird. Deshalb sieht Professor Weichert die größte Herausforderung für Medien-Startups wie "MedWatch" darin, langen Atem zu beweisen.

"Es gibt so wahnsinnig viele gute Ideen und auch Möglichkeiten der Anschubfinanzierung, aber auf halber Strecke geht den meisten jungen Gründern die Puste aus – und zwar im Sinne von ihnen geht das Geld aus, ihnen geht vielleicht auch ein Stück weit die Motivation verloren, weil viele Vorgänge eben sehr bürokratisch erscheinen." Stephan Weichert

Doch davon sind die Gründer von "MedWatch“ weit entfernt. Mit den 10.000 Euro Preisgeld wollen sie ihren Blog zu einem digitalen Magazin ausbauen. Durch einen professionelleren Auftritt hoffen Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch, noch mehr Menschen davon zu überzeugen zu spenden. Denn nur so kann langfristig eine eigene Redaktion aufgebaut und den vielen falschen Heilsversprechen im Internet medienwirksam auf die Schliche gekommen werden.