BR-Chefredakteur Christian Nitsche
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BR-Chefredakteur Christian Nitsche

    Kommentar: Machtübernahme der künstlichen Intelligenz?

    Selbstlernende Computerprogramme werden unser Leben stark verändern. Wie können wir diese Entwicklung steuern, fragt BR-Chefredakteur Christian Nitsche. Er fordert klare Regeln, was KI darf und was nicht. Sonst entgleite uns die Technik.

    Künstliche Intelligenz ist ein Katapult in der Evolution. Wir spannen gerade die Seile. Und setzen uns selbst hinein. Welche Beschleunigung auf uns wirken wird, ist kaum abschätzbar. Wo wir landen ebenso. Nur eins ist klar: Alles, was wir in den nächsten Jahren erleben werden, hat eine immense Schubkraft. Nur vergleichbar mit dem Sprung, den unsere Vorfahren machten, als sie erstmals Steinwerkzeuge nutzten. Lernfähigkeit war der evolutive Vorteil des Menschen. Jetzt lassen wir Computer für uns lernen.

    Ablösung von Google?

    Einen ersten Eindruck, was uns bevorsteht, gibt ChatGPT, ein Computerprogramm, das Texte verarbeitet, analysiert und auf Nachfrage zu beliebigen Themen Antworten gibt. Es erkennt Sprachmuster, lernt wie Wörter und Sätze in Beziehung stehen. Der Algorithmus erzeugt letztlich Dialoge. Wir verlassen damit die Phase, dass wir Informationen "googeln". Das hatte noch den Charakter einer Recherche. Die übliche Trefferliste von Google erscheint aber jetzt vergleichsweise hölzern.

    Jetzt serviert ein Rechnernetz mundgerecht Antworten. Computer und Menschen kommen ins Gespräch. Das ist die Revolution, die viele fasziniert. Und auch erschreckt. Halten sich also Chancen und Risiken die Waage? Können wir unsere Probleme bald besser lösen oder entgleitet uns die Kontrolle über eine Technologie, die unsere menschliche Kommunikation simuliert, selbst dazu lernt und auf beinahe jede Frage eine gut formulierte Antwort anbietet.

    KI erzeugt auch Fake News

    Nicht jede Antwort ist dabei richtig. Der künstliche Chat sagt auf Nachfrage selbst: "Ich gebe nur Antworten, die auf den mir zur Verfügung stehenden Daten basieren. Wenn die Daten, die ich verwende, ungenau oder unvollständig sind, kann es sein, dass meine Antworten auch ungenau und unvollständig sind. Ich empfehle immer, die von mir gegebenen Antworten mit anderen vertrauenswürdigen Quellen zu überprüfen." Das ist beschönigender Pressesprecher-Duktus. Der Chat macht immer wieder Fehler, kombiniert falsch, zeigt sich geradezu erfinderisch. Deshalb: Der Chat braucht einen Faktencheck. Aber das ändert nichts daran, dass er revolutionär ist.

    KI verändert gerade die Art der Kommunikation. Und viele Aufgaben, die bislang nur Menschen übernommen haben, werden an den Chat delegiert: Schüler lassen vom Chat Referate schreiben, andere bitten ihn um ein Gedicht oder einen Software-Code. Firmen überprüfen mit seiner Hilfe sogar strategische Entscheidungen. Dieses Jahr soll das Nachfolgemodell fertig werden. Er wird wohl auch Video-Inhalte erschaffen, nicht nur Texte, deuten seine Entwickler an.

    Schwelle zu neuem Zeitalter

    Wir sind an der Schwelle zu einem anderen Zeitalter, das Science-Fiction in die Gegenwart beamt. Auch der nächste Chat GPT-4 wird zwar keine Artificial General Intelligence. Er wird also nicht die Fähigkeit besitzen, jede intellektuelle Aufgabe zu bewältigen. Er ist nicht menschengleich. Aber die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verwischen immer mehr, zumindest in der Wahrnehmung.

    Damit kommen wir zu der Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht. Er ist ein Worttier, sagen Forscher. Nur er ist zu komplexer Symbolsprache fähig. Erst das Wort ermöglicht es, dass sich Individuen sozial intensiv vernetzen. "Alles ist durch das Wort geworden", heißt es im Prolog des Johannes-Evangeliums. Das Wort und Gott werden gleichgesetzt. Das Wort hat in der Tat die Evolution vorangetrieben. Es erschafft förmlich den Menschen in seinem Wesen. Und nun implantiert der Mensch das Wort in Roboter, mit denen Einzelne - was den Wissensstand betrifft - nicht mehr auf Augenhöhe kommunizieren können.

    Die geschaffenen Lerneinheiten sind schneller, belesener und ahmen auch erstaunlich gut Kreativität nach. Viele Künstler mögen sich zurecht noch überlegen fühlen. Aber bereits den Fotografen bleibt die Spucke weg, wenn sie sehen, wie die AI-App Lensa in Sekunden Fotos optimiert und sogar ganz neue generiert. Auch die Zeit des Schmunzelns über erste Gehversuche von Robotern ist vorbei. Wir sehen Akrobaten wie den Roboter Atlas von Boston Dynamics. Roboter, die die menschliche Mimik nachahmen. Und Roboter, die nun mit lernenden Language Models ausgestattet werden können.

    Die Frage ist: Wann holt uns auch Stanley Kubricks monumentaler Film "2001: Odyssee im Weltraum" ein. Haben er und sein Autor Arthur Charles Clarke sich vielleicht nicht einmal um 30 Jahre verschätzt, als sie in die Zukunft blickten: Der Bordcomputer HAL 9000 entwickelt für sich Überlebensstrategien und versucht die Besatzung des Raumschiffes auszuschalten. Fiction?

    Unkontrollierte KI-Kriege?

    KI macht gerade Furore und weckt auch Ängste. Dies geht bis hin zum KI-gesteuerten Krieg, der den Menschen entgleiten kann. Die menschliche Phantasie hat auch diese Problematik vorausgesehen, etwa im Film "WarGames" von 1983. Ein Computer, selbst programmiert zu gewinnen, simuliert dem Pentagon den 3. Weltkrieg und löst diesen beinahe so auch aus.

    Natürlich gibt es ihn, den KI-Rüstungswettlauf, nicht nur der Supermächte. Wer die bessere KI hat, agiert auf dem Schlachtfeld ganz ohne Emotionen, dafür schneller, präziser, effektiver. So die Annahme. Ein langsamer Mensch in der Befehlskette kann letztlich zur Niederlage führen. Vollautonome Waffensysteme (LAWs) werden diskutiert. Sie wären vollständig dem menschlichen Einfluss entzogen. Sie völkerrechtsverbindlich zu ächten, ist eine Aufgabe der kommenden Jahre. Doch die Zeit läuft davon. Die sprunghafte Entwicklung der KI überrollt Entscheidungsträger. Politische Prozesse dauern lange. Und einheitliche internationale Regulierungen sind bekanntlich schwer durchsetzbar.

    Wir haben die Weichen zur Künstlichen Intelligenz gestellt, ohne Geschwindigkeitsbeschränkung. Es ist höchste Zeit, dass wir verbindlich ethische Standards vereinbaren, was Algorithmen dürfen und was nicht. Zunächst muss transparent werden, wie ein Algorithmus zu einer Entscheidung kommt. Schon dies ist bei selbst lernenden Systemen oft nicht mehr gegeben. Die Menschheit begibt sich in die evolutive Selbstbeschleunigung. Anders als bei autonom fahrenden Autos fehlt aber eine für alle geltende "Straßenverkehrsordnung" als Regulativ.

    Viele Ethikräte haben sich schon mit KI beschäftigt. Aber auf europäischer Ebene gibt es keinen Rechtsrahmen. Der sogenannte AI Act der Europäischen Union soll KI in allen Lebensbereichen grundrechtskonform regulieren. Bis 2025 soll eine künftige Verordnung umgesetzt werden. Das ist in einer Phase der Disruption ein langer Zeitraum. Und doch ist es gut, dass Europa die Dimension der Problematik erfasst und voranschreitet. Der nächste, weitaus schwierigere Schritt wäre eine globale Regulierung. Und dieser dürfte schon an den unterschiedlichen Standards des Datenschutzes und der Menschenrechte scheitern. Es ist damit absehbar, dass wir durch einen selbst erzeugten Nebel der Intransparenz in ein neues Zeitalter rauschen. Ohne Koordination, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

    Globaler Gamechanger

    KI kann ein neues Machtgefüge erzeugen und international neue Abhängigkeiten schaffen oder bestehende verstärken. Die Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz ist eine neue Definition für Supermacht. Deshalb braucht diese Entwicklung mehr Aufmerksamkeit.

    So wichtig es ist, die Chancen der KI zu begreifen und anzunehmen, die Sorgen lassen sich nicht per delete ausblenden. Womöglich lassen sich mit künstlicher Intelligenz wichtige technologische Entwicklungen beschleunigen. Vielleicht wird KI sogar zum Schlüssel, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Aber das ist eine vage Hoffnung. Was sich in jedem Fall verändert, ist die Kommunikation, bisher der ureigene, exklusive Wesenskern des Menschen.

    Werden wir einerseits denkfaul und sozial passiv, weil uns Chats alles auftischen, was wir gerade brauchen: eine Übersetzung, einen ansprechenden Dialog, ein tröstendes Lied, ganz individuell zugeschnitten? Wird der Ursprung einer Information immer mehr ins Verborgene rutschen? Natürlich kann KI noch bessere Fake-News produzieren als jede russische Propagandaeinheit. Brauchen wir somit Algorithmen, die die anderen Algorithmen kontrollieren, weil der Mensch dies nicht selbst leisten kann?

    Gefahr der Selbstentmachtung?

    Wir teilen mit Algorithmen künftig die Macht des Wortes. Und auch die Interpretation des Wortes legen wir zunehmend in andere Hände. Nicht nur dies. Ein Computer kann auch die Interpretation unserer Mimik per Gesichtserkennung leisten. KI ist ein Faszinosum, das durchaus einlullen kann. Die Programmcodes geben sich menschlich, sind es aber nicht. Roboter sind durchaus nützlich, sie kümmern sich rührend um demente Menschen. Werden diese dann aber weniger von Angehörigen besucht, weil sie ja gut betreut scheinen?

    All dies führt zu der Frage, ob wir uns über KI graduell entmenschlichen? Lassen wir zu, dass wir weniger selbstbestimmt sind? Nehmen wir dankbar jeden Service an, der uns Arbeit abnimmt, aber auch Arbeitsplätze?

    Nochmals ein Blick auf die Evolution: Was war in der Entwicklungsgeschichte der Vorteil des Menschen gegenüber Menschenaffen? Menschen müssen Verhaltensweisen nicht in jeder Generation immer wieder neu entwickeln, sie geben ihre Intelligenz weiter. Die Affen müssen das Rad dagegen ständig neu erfinden, das haben Forscher der Universität Tübingen in einer Studie ermittelt. Die Intelligenz des Menschen hat sich langsam, über Jahrtausende entwickelt. Jetzt explodiert unsere Wissensfülle in lernenden Maschinen. Der Mensch überholt sich selbst.

    Seien wir also aufmerksam. Wir sind in einem neuen Zeitalter. Wir müssen miteinander reden, wohin wir uns entwickeln wollen. Befragen wir dazu keinen Chat.

    Die "Münchner Runde" diskutiert um 20.15 Uhr die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz und von Robotern im BR Fernsehen.

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