Kryptowährungen wie Bitcoin schwanken stark im Kurs. Manche versprechen sich hohe Gewinne - auch Betrüger nutzen das aus.

Kryptowährungen wie Bitcoin schwanken stark im Kurs. Manche versprechen sich hohe Gewinne - auch Betrüger nutzen das aus.

Bildrechte: Ozan Kose / AFP
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    Krypto-Scams: Wie Betrüger Corona-Skeptiker ins Visier nehmen

    Krypto-Scams: Wie Betrüger Corona-Skeptiker ins Visier nehmen

    In öffentlichen Telegram-Gruppen tauschen sich zahlreiche Corona-Skeptiker, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker aus. Seit einiger Zeit haben es Krypto-Betrüger anscheinend gezielt auf sie abgesehen. Eine #Faktenfuchs-Recherche.

    In kurzer Zeit sein Geld vervielfachen und das ganz ohne Risiko? So etwas klingt zu gut, um wahr zu sein - und ist es in aller Regel auch. Wer ein solches Angebot bekommt, sollte misstrauisch sein. Vor allem, wenn die Person, die dieses Angebot macht, anonym bleibt.

    Tatsächlich werden zahlreiche Menschen jedes Jahr Opfer von derartigen Betrugsmaschen, gerade über das Internet. Der Gesamtschaden ist enorm. Eine Recherche des #Faktenfuchs zeigt, dass mutmaßliche Betrüger ihre Opfer offenbar auch in Telegram-Gruppen suchen, in denen es sonst um angebliche Impfschäden oder Kritik an der Corona-Politik geht.

    Mutmaßlicher Krypto-Betrug: Den Einsatz verzehnfachen?

    Der #Faktenfuchs ist anonymes Mitglied in zahlreichen solcher Telegram-Gruppen, um einen Überblick über kursierende Gerüchte und Behauptungen zu gewinnen. Seit Anfang dieses Jahres wurde dieser Recherche-Account rund 20 neuen Gruppen hinzugefügt.

    Sie alle ähneln sich, haben meist einige Tausend Mitglieder, viele tragen das Wort Krypto im Namen - und der ist Programm: Wer einen Bitcoin überweist, der bekomme eine Woche später drei Bitcoin zurück, heißt es etwa in einer Gruppe. Oder: "Investieren Sie 300 Euro und verdienen Sie 2.800 Euro."

    In den Gruppenbeschreibungen heißt es häufig, es handele sich um eine "Investment-Gesellschaft", Auszahlungen seien jederzeit möglich. Wer investieren möchte, solle sich in einer privaten Nachricht an die Administratoren wenden. Sie verstecken sich hinter Alias, fügen ihrem Namen den Zusatz "Agent" oder "Manager" hinzu. Einen Rückschluss, wer tatsächlich hinter diesen Alias steckt, lassen die Profile nicht zu.

    Einige Profilbilder lassen sich eindeutig anderen Personen zuordnen, ein Gruppenadministrator nutzt etwa als Profilbild ein Foto der SPD-Politikerin Franziska Giffey.

    Meldet man sich bei einem dieser Administratoren, erhält man einen Link zu einer Internetseite, sowie die Aufforderung, dort ein Profil zu erstellen und Geld einzuzahlen.

    Administrator verweist auf angebliches Handelsportal - ohne Impressum

    Die Internetseite sieht auf den ersten Blick wie ein seriöses Krypto-Handelsportal aus. Einiges weist jedoch auch hier auf einen möglichen Scam hin. Die Internetseite präsentiert sich zwar komplex und anspruchsvoll, jedoch gibt es lediglich eine Hauptseite. Keiner der Links zu angeblichen Unterkategorien, Kontaktseiten oder weiteren Informationen funktioniert.

    Ein vollständiges Impressum gibt es nicht, auf der Seite stehen lediglich eine Adresse und eine Telefonnummer in den USA, überprüfbare Angaben über Personen oder Unternehmen gibt es nicht.

    Ein angeblicher Ticker, der die zahlreichen hohen Auszahlungsbeträge an Kunden nachweisen soll, entpuppt sich als Animation. Über mehrere Tage hinweg laufen die selben Beträge über die Seite, ein weiteres Indiz, dass Auszahlungen suggeriert werden und es sich wohl nicht um ein seriöses Angebot handelt.

    Der #Faktenfuchs hat einen Administrator der Gruppe, der auf diese Seite verweist, via Telegram-Nachricht angeschrieben und auf die Auffälligkeiten hingewiesen. Die Anfrage blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

    Eine Recherche des indischen Ablegers von "Business Insider" legt nahe, dass Krypto-Betrüger auf Telegram auch Bots, also automatisierte Accounts, einsetzen, um an das Geld ihrer Opfer zu kommen. Die Chat-Struktur der deutschen Gruppen lässt zumindest vermuten, dass automatisierte Nachrichten oder Chatteilnehmer auch hier zum Einsatz kommen könnten.

    Telegram-Gruppen: Zahlreiche Mitglieder aus der Corona-skeptischen Szene

    Denn in den Kanälen lobpreisen angebliche Kunden die Seriosität der Angebote. Viele dieser Nachrichten nutzen Formulierungen, die sich lesen, als seien sie automatisiert von einer Software übersetzt worden.

    Dass zahlreiche der anscheinend "echten" Mitglieder dieser Gruppen keine Bots sind, sondern aus dem Corona- bzw. Impf-skeptischen Milieu kommen, zeigt eine stichprobenartige Untersuchung dieser öffentlich einsehbaren Profile. Etliche tauschen sich in einem Corona-Channel über angebliche Impfschäden aus, in einer anderen Gruppe werden unter anderem Unwahrheiten über die Pandemie und Corona-Maßnahmen verbreitet.

    Ein Indiz dafür, dass gezielt Mitglieder der Corona-Gruppen zu den Krypto-Kanälen hinzugefügt wurden. Wer dahinter steckt, lässt sich kaum nachvollziehen. Da die Anfrage des #Faktenfuchs unbeantwortet blieb, gibt es auch kein Statement des Administrators, ob gezielt Mitglieder bestimmter Telegram-Gruppen hinzugefügt würden.

    Dass es sich bei den Krypto-Kanälen, zu denen der #Faktenfuchs-Account hinzugefügt wurde, mutmaßlich um Scam, also Betrug, handelt, zeigt das Beispiel einer Gruppe, die nach ähnlichem Muster vorging. Sie ist von Telegram mittlerweile mit einem roten Scam-Hinweis versehen, bei einem anderen Kanal erscheint ein dauerhaft eingeblendetes Feld zum Melden von Scam oberhalb des Chats, was bei Telegram nicht die Regel ist.

    Das Profil einer Telegram-Gruppe, die als "Scam" markiert und mit einem Warnhinweis versehen wurde.

    Bildrechte: Quelle: Telegramm / Collage: BR

    Milliardenschaden durch betrügerische Krypto-Investments

    Das Vorgehen der mutmaßlichen Betrüger ist dabei typisch für Betrugsmaschen über Social Media. Das bestätigen Antworten des Bundesinnenministeriums (BMI) und des bayerischen Landeskriminalamts auf Anfragen des #Faktenfuchs.

    Dem BMI sind derartige Scams bekannt, Krypto-Währungen spielen dabei eine zentrale Rolle: "Im Mittelpunkt steht dabei der betrügerische Handel mit Finanzinstrumenten auf Online-Plattformen, bei dem Finanzprodukte oder virtuelle Währungen als gewinnbringende Geldanlagen angeboten werden", schreibt ein Ministeriumssprecher.

    Wie groß der Gesamtschaden in Deutschland ist, lässt sich nur schwer genau beziffern. Zum einen, weil viele Opfer derartige Scams nicht anzeigen, zum anderen werden die Betrugsdelikte teils nicht einzeln erfasst: Das Bundeskriminalamt (BKA) führt Krypto-Scams unter dem Deliktsbereich "Betrug/Untreue in Zusammenhang mit Kapitalanlagen". 2021 entstand dabei ein Gesamtschaden in Höhe von 585 Millionen Euro. Wie viel dabei auf Krypto-Scams entfällt, lässt sich nicht nachvollziehen.

    Staatsanwaltschaft Bamberg: Dreistelliger Millionen-Schaden alleine in Bayern

    Doch die Zahlen der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg – dort ist die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) angesiedelt - zeigen das Ausmaß des Cyberbetrugs - allein in Bayern. Laut ZCB waren dem Gericht zwischen 2017 und Mai 2022 Fälle mit einem Gesamtschaden von rund 250 Millionen Euro anhängig, dabei handele es sich überwiegend um bayerische Fälle. Alleine in einigen Einzelfällen gehe der Schaden in die Millionen.

    Die Tätergruppen seien der organisierten Kriminalität zuzurechnen, das Vorgehen hochprofessionell. Ob oder in wie vielen Fällen Corona-Skeptiker über Telegram für solche Scams angeworben wurden, das ist den Bamberger Staatsanwälten "nicht bekannt".

    Auch in Frankreich hat die Pariser Strafverfolgungsbehörde nun die Ermittlungen in einem Fall von Krypto-Betrug aufgenommen, in dem mutmaßlich hunderte User einem Betrüger zum Opfer gefallen sind. Der Schaden wird auf rund vier Millionen Euro geschätzt. Das berichtet die französische Nachrichtenseite "franceinfo", mit der BR24 im Rahmen der Europäischen Rundfunkunion kooperiert.

    Ein Blick in die USA zeigt, wie groß das Ausmaß auch dort ist. Laut einer Analyse der obersten Verbraucherschutzbehörde FTC haben dortige Konsumenten zwischen Januar 2021 und März 2022 mehr als eine Milliarde Dollar an Betrüger verloren.

    Krypto-Währungen bei Betrügern ein beliebtes Zahlungsmittel

    Den Zahlen der Group-IB, einem Dienstleister im Bereich Cybersicherheit, zufolge handelt es sich bei 57 Prozent aller Cyberstraftaten um Scams. Und laut einer Umfrage der Global Anti Scam Alliance (GASA), einer globalen Initiative zur Aufklärung über Cybercrime, handelt es sich bei fast der Hälfte aller Scams um Investment-Betrug. Kryptowährungen seien dabei Zahlungsmittel Nummer eins.

    Das leuchtet aus Perspektive der Betrüger ein: Krypto-Geld lässt sich anonym verschicken und verwalten. Die Betrüger müssen also keinerlei persönliche Daten preisgeben, ihr Risiko überführt zu werden, ist vergleichsweise gering.

    Angesichts der Zahlen aus den USA und Deutschland sowie der Umfrage der GASA liegt es nahe, das jährlich tausende Menschen auch hierzulande Opfer von Investment-Scams werden. Doch warum nehmen einige mutmaßliche Betrüger ausgerechnet Mitglieder von Corona-skeptischen Gruppen ins Visier?

    Misstrauen gegen den Staat und Anonymität: Verschwörungstheoretiker und Querdenker setzen auf Krypto

    Strafverfolgungsbehörden haben dazu keine Erkenntnisse. Ein Grund könnte die Krypto-Affinität vieler Corona-Leugner und Impf-Skeptiker sein, sagt Christian Schiffer, Buchautor über Verschwörungstheorien und BR-Netzexperte. Kryptowährungen spielen als Zahlungsmittel im normalen Alltag kaum eine Rolle. Führende Köpfe der Querdenken-Bewegung sowie alternative Medienportale bitten auf ihren Kanälen auf Youtube, Telegram und Co. jedoch regelmäßig um finanzielle Unterstützung per Krypto-Transfer.

    "Für viele Verschwörungstheoretiker sind Krypto-Währungen eine Alternative zum angeblich 'wertlosen Euro'. Das Misstrauen gegenüber staatlichen Währungen ist groß", erklärt Schiffer. Es herrsche die Angst vor, dass diese Währungen zusammenbrechen und "die 'kleinen Leute' ihr Vermögen verlieren".

    Dass man sich mit Krypto-Scams also an Menschen wendet, die ohnehin häufig Krypto-Währungen besitzen oder dem offen gegenüberstehen, leuchtet ein. Dass sich Krypto generell für Betrug eigne, liegt laut Christian Schiffer an der spekulativen Natur der Blockchain-basierten Technologie:

    "Krypto liegt oft das Versprechen zugrunde, mit Spekulation reich werden zu können", sagt der BR-Netzexperte. Es gebe auch Kritiker, die in bestimmten Krypto-Anlagen oder in Krypto allgemein ein Schneeballsystem sehen, sodass immer wieder neue Leute dazu gebracht werden sollen, darin zu investieren.

    Letztlich sei es aber so, dass in weitgehend unregulierten Bereichen Betrügereien häufig nicht weit sind. Bei Krypto komme der Glaube an eine andere, "bessere (Finanz)welt" hinzu, sagt Schiffer. "Da schalten viele dann auch den Verstand ab und glauben, dass irrsinnige Renditen seriös sind."

    Fazit

    Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass mutmaßliche Betrüger in Telegram-Gruppen von Corona-Skeptikern und Querdenkern nach möglichen Opfern suchen. Sie versprechen dabei hohe Gewinne durch Krypto-Investments. Laut Netzexperten könnte ein Grund die Krypto-Affinität vieler Corona-Leugner und Impf-Skeptiker sein.

    Zahlen aus Deutschland, den USA und von Organisationen zeigen, dass weltweit Menschen Krypto-Betrügern zum Opfer fallen.

    Hinweis 05.08.2022, 18 Uhr: Wir haben die Passage zu den Aussagen der Bamberger Staatsanwaltschaft überarbeitet sowie das Fazit angepasst. In einer früheren Version des Textes entstand der Eindruck, der ZCB seien generell keine Krypto-Betrugsverfahren bekannt. Das ist nicht der Fall, der ZCB sind lediglich keine konkreten Fälle bekannt, in denen die Betrüger über Corona-skeptische Telegram-Gruppen Opfer angeworben haben könnten. Wir haben die Stelle überarbeitet und mit weiteren Zahlen ergänzt.

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