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Klimawandel: Ist das Internet eine Umweltsau? | BR24

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Wie sehr schadet das Internet dem Planeten?

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    Klimawandel: Ist das Internet eine Umweltsau?

    E-Mails öffnen, Videos schauen und sogar das Lesen von diesem Artikel hier: All das verbraucht Energie. Aber ist das Internet wirklich Gift für das Klima? Oder kann es sogar dazu beitragen, den Planeten zu retten?

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    Von
    • Christian Schiffer

    Ende 2019 schlägt die dänische EU-Kommissarin Margrethe Vestager Alarm: Das Internet verbrauche zu viel Strom. Und das wiederum könne zu einem echten Problem werden, um den Kontinent bis 2050 klimaneutral zu machen.

    Und es stimmt ja auch: All die Serien von Netflix, Amazon Prime, Disney Plus oder der ARD Mediathek, all die YouTube-Filmchen, Emails oder der Plastik-Pop von Ariana Grande werden nicht einfach per Magie auf das Empfangsgerät gezaubert. Klar: Bits und Bytes zu transportieren ist immer noch einfacher als Kohlenstoffverbindungen zu bewegen. Aber natürlich verbraucht das Internet Strom, Rechenzentren müssen schließlich irgendwie betrieben und Serveranlagen energieintensiv gekühlt werden.

    Die Sache mit dem Flugverkehr

    Margrethe Vestager greift damals zu einem Vergleich, der immer wieder gemacht wird, nämlich, dass das Internet mittlerweile einen so großen CO2-Abdruck hat, wie der gesamte internationale Flugverkehr – im Vor-Corona-Zeitalter. Nur: Wenn das Internet so viel Strom verbraucht, wie der internationale Flugverkehr, dann kann man sich die Frage stellen, ob das nun wirklich so viel ist oder doch eher wenig. Die meisten von uns fliegen schließlich nur hin und wieder mal ins Ausland, wenn überhaupt. Man könnte das Ganze also auch umgekehrt sehen: Dass nämlich der Flugverkehr so viel Energie verschlingt wie das gesamte Internet mit all seinen Videos, Bildern, Diensten und blinkenden Werbebannern, so viel wie eine Infrastruktur also, die wir tagtäglich nutzen und das oft mehrere Stunden lang.

    Das Problem ist also nicht der hohe Stromverbrauch des Netzes an sich, sondern wie schnell dieser steigt. 2013 waren digitale Dienste noch für 2,5 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich. 2018 waren es schon 3,7 Prozent und im Corona-Jahr 2020 wird noch einiges dazu gekommen sein. Klar ist aber auch: Wer auf seinem Fernseher zwei Stunden lang einen Acionfilm streamt, der verbraucht vermutlich weniger Energie als wenn er sich ins Auto setzen würde, um zur Videothek zu fahren, und sich eine DVD auszuleihen, für deren Rückgabe er sich am nächsten Tag erneut ins Auto setzen muss.

    Es ist kompliziert

    Streaming ist ein gutes Beispiel dafür, wie kompliziert das mit dem Internet und dem CO2-Ausstoß ist. Gerade der jüngeren Generation wird gerne vorgeworfen mit ihrem Streaming dem Planeten mehr zu schaden, als es eine Armada von SUVs jemals könnte.

    Allerdings kommt es sehr darauf an, wie genau man streamt, sagt Marina Köhn, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Umweltbundesamt arbeitet und dort zuständig ist für Themen der nachhaltigen digitalen Infrastruktur. Die Behörde veröffentlichte im September 2019 eine Studie zum Streaming.

    Die zentrale Aussage: Unter Umweltgesichtspunkten ist Streaming nicht gleich Streaming. "Wenn Sie über ein Smartphone, also über einen kleinen Monitor, eine Serie schauen, ist der Energieaufwand ziemlich gering", sagt Köhn. Gerade einmal 1,4 Gramm CO2 würden hier für eine Stunde Streaming im Rechenzentrum anfallen. Wird das Video mit guter Glasfaserverbindung nach Hause und per WLan auf das Handy übertragen, seien es etwas mehr als vier Gramm CO2. Bei einem 40 Zoll-Fernseher steige der CO2-Ausstoss entsprechende aber schon auf etwa 60 Gramm an.

    Schnelleres Internet! - Der Umwelt zuliebe

    Beim Streaming kommt es also erstens auf das Endgerät an. Eine Serie auf einem Smartphone zu streamen verbraucht sehr viel weniger Energie, als wenn man die gleiche Serie auf einem quadratmetergroßen 4k-Fernseher anschaut. Und dann kommt es zweitens auf die Art der Übertragung an. Die Daten müssen von den Rechenzentren nach Hause transportiert werden und der ökologische Fußabdruck bleibt vor allem dann überschaubar, wenn die Daten per Glasfaser übermittelt werden. Eine Versorgung des Landes mit schnellem Internet würde sich also vermutlich auch ökologisch auszahlen. Besonders viel Energie verbraucht das Streaming übrigens in der Bahn, weil da die Daten über das ineffiziente 3G-Netzwerk transportiert werden.

    Der Haken: Wir streamen heute sehr viel mehr, als wir beispielsweise früher DVDs geschaut haben. 2015 erklärte das Collins English Dictionary „binge-watch“ zum Wort des Jahres. "Binge Watching" wird es genannt, wenn mehreren Folgen einer Serie am Stück geschaut werden und dieses Phänomen hat erheblich an Bedeutung gewonnen, seitdem Video-on-Demand-Anbieter wie Netflix oder Prime Video alle Folgen einer Serien-Staffel zur Premiere gleichzeitig veröffentlichen. Das Abspielen eines Streams mag also sehr viel effizienter sein, als ins Auto zu steigen und sich eine DVD auszuleihen. Aber weil wir so viel streamen, fällt die Energiebilanz dann möglicherweise doch negativ aus.

    Ähnliche Phänomene kann man auch in anderen Bereichen beobachten: Es ist sehr viel energieeffizienter eine E-Mail zu schicken als einen Brief zu schreiben. Nur schreiben wir heute so viele E-Mails, dass der Gesamtenergieaufwand, und übrigens auch der Zeitaufwand, dafür vermutlich ähnlich hoch ausfällt, als wenn wir weiterhin Briefe schreiben würden. "Rebound-Effekt" nennt man es, wenn Effizienzsteigerungen unterm Strich teilweise oder sogar ganz verpuffen, weil sie zugleich dazu führen, dass die Kosten für den Kauf oder die Nutzung eines Produkts oder einer Dienstleistung sinken – weil dann wiederum mehr Produkte und Dienstleistungen gekauft oder genutzt werden.

    E-Reader: Ab 30 bis 60 gelesenen Büchern endlich umweltfreundlich

    Aber nicht nur wegen des Rebound-Effekts wird durch die Digitalisierung oft weniger Energie eingespart, als erhofft. Ein zweiter Faktor ist die sogenannte "graue Energie", also die Energie, die notwendig ist, um Computer, Handys, Flachbildfernseher und all die Geräte herzustellen, auf denen wir dann E-Mails schreiben, Serien schauen oder Bücher lesen. Ein Beispiel: Für die Herstellung eines E-Reader wird in etwa so viel CO2 verbraucht, wie für etwa 30 bis 60 Bücher. Das heißt: So ein eReader wird erst dann nachhaltig, wenn man ordentlich darauf geschmökert hat.

    "Die mindestens genauso wichtige Frage ist: Wie lange halten diese Geräte?", sagt Steffen Lange, Autor des Buches "Smarte Grüne Welt?" in Bezug auf Smartphones. Seit Jahren könne man beobachten, dass Nutzer sich ein neues Gerät kaufen, obwohl das alte noch gut in Schuss ist. "Das Problem ist, dass Smartphones nicht nur eine Hardware-Komponente haben, sondern auch eine Software-Komponente", sagt Lange.

    Idee: Ein Ablaufdatum für Gadgets

    Man kennt das: Eigentlich ist das Smartphone alt, aber eigentlich eignet es sich noch prima, um damit zu telefonieren, zu chatten, ein wenig durch das Internet zu surfen und die Highlights der Helene-Fischer-Show abzurufen – und das reicht vielen Nutzern. Aber wenn keine Updates mehr zur Verfügung gestellt werden, dann werden ältere Geräte anfällig für Viren. Also muss dann doch ein neues Gerät her, für das dann wieder irgendwo auf der Welt Erze und seltene Erden abgebaut werden müssen. Und das betrifft nicht nur Smartphones, sondern im Zeitalter des Internets der Dinge immer mehr Geräte, etwa Webcams oder smarte Glühbirnen.

    Die Hackervereinigung Chaos Computer Club fordert deswegen schon lange eine Art Mindesthaltbarkeitsdatum für vernetzt Geräte. Hersteller sollen dazu verpflichtet werden anzugeben, wie lange ein Produkt mit Updates versorgt wird. So wie man auf der Eier-Packung sehen kann, wie lange man den Inhalt noch genießen kann, ohne eine Salmonellen-Vergiftung zu riskieren, so müsste auch auf einer Handypackung stehen, wie lange das Telefon noch benutzt werden kann, ohne zum Computerviren-Hotspot zu werden. Der Verbraucher könnte sich dann für ein Gerät entscheiden, das vielleicht teurer ist, aber länger benutzt werden kann. Die Folge: Eine gewaltige Einsparung von grauer Energie.

    Solche flankierenden, politischen Maßnahmen wären nach Ansicht vieler Experten entscheidend, damit die Umweltsau Internet nicht weiter gemästet wird und sogar zur Rettung des Planeten beitragen kann. Denn die Digitalisierung ist eine Voraussetzung zum Gelingen der Energiewende, weil Prozesse effizienter gestaltet werden können. Aber nur wenn die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, politisch, kulturell, gesellschaftlich, können aus Einsparpotenzialen ganz reale Einsparungen werden.

    Übrigens: Tipps, wie Sie das Internet möglichst umweltfreundlich nutzen können, haben wir hier für Sie zusammengestellt.

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