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Kinder-Persönlichkeitsrechte: Ein Privatleben für die Kamera | BR24

© pa / dpa / Julian Stratenschulte

Ein Kind auf einer Schaukel neben dem Schatten eines Mannes (Symbolbild)

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    Kinder-Persönlichkeitsrechte: Ein Privatleben für die Kamera

    Das Kinderhilfswerk UNICEF feiert 30 Jahre Kinderrechte. Dazu zählen auch Persönlichkeitsrechte. Die werden auf YouTube oftmals von Eltern ignoriert, um mit ihren Kindern Geld zu verdienen.

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    Die sieben Jahre alte Selin ist kurz vor einer Operation benommen von Medikamenten. Die achtjährige Ava planscht im Florida-Urlaub. Mavie Noelle, elf Jahre alt, putzt ihre Zähne kurz nach dem Aufstehen. Solche Momente bleiben eigentlich im Privaten, immer häufiger finden sie sich aber auch auf YouTube - öffentlich gemacht für ein potenzielles Millionenpublikum.

    Besonders beliebt, oft mit hunderttausenden Klicks, sind Morgen- oder Abendroutinen, also wie sich die Kinder für die Schule oder fürs Zubettgehen fertig machen. Mit dabei: die Kamera der Eltern. Auf YouTube betreiben sie Familienkanäle und geben regelmäßig Einblicke in ihren Alltag, auch in den ihrer Kinder. Ein Privatleben vor der Kamera.

    Massive Verletzung der Intimsphäre

    "Eltern haben keinerlei Kontrolle darüber, wo diese Filme landen", kritisiert der Deutsche Kinderschutzbund: "Zum Schutz der Kinder wünschen wir uns, dass Kinder nicht in intimen Situationen wie beim Baden, Zähneputzen oder Anziehen gefilmt werden."

    Die gemeinnützige Einrichtung Jugendschutz.net hat die Videos von 28 reichweitenstarken Familienkanälen auf YouTube ausgewertet. Ein Ergebnis: Fast alle Kinder, 94 Prozent, werden in sehr privaten Situationen gezeigt.

    "Das verletzt die Intimsphäre der Kinder massiv." Katja Knierim, Mitverfasserin der Studie.

    Es gebe auch Hinweise auf Rechtsverstöße, beispielsweise gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, wenn persönliche Daten der Kinder preisgegeben werden. Oder gegen das Recht auf Selbstbewahrung, bei dem es darum geht, sich zurückzuziehen und abschirmen zu dürfen. Zur Anzeige bringen könnten das allein die Betroffenen, in diesem Fall die filmenden Eltern als Erziehungsberechtigte. Die befinden sich laut Jugendschutz.net allerdings in einem Interessenkonflikt. Denn es geht nicht zuletzt ums Geld.

    Vom Freizeitspaß zum Family Business

    Einige Familien verdienen beispielsweise, indem sie Spielzeug testen und von den Herstellern dafür bezahlt werden. Oder sie erhalten eine Provision, wenn Zuschauer über sogenannte "Affiliate Links" die getesteten Spielzeuge in Onlineshops kaufen. Für den Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort ist all das eine "Ökonomisierung der Kinder":

    "Am Ende wird hier die Eltern-Kind-Beziehung ausgebeutet." Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater

    Wie viel die Influencer-Familien dadurch verdienen, lässt sich nur schwer feststellen. Nach Angaben von Jugendschutz.net gibt es jedoch Hinweise, dass ein Drittel der YouTube-Familien ausschließlich mit Videos ihr Geld verdient. "Hier liegt es dann auch an den Kindern, das Familieneinkommen zu sichern", sagt Jugendschützerin Knierim. Der Freizeitspaß werde zum "Family Business".

    Risiko von sexueller Belästigung

    Auffallend ist, dass viele Familien ihre Kinder halbnackt zeigen, zum Beispiel, wenn sie Badespielzeug ausprobieren. Gerade diese Videos bekommen laut Jugenschutz.net häufig die meisten Klicks, weil sie unbeabsichtigt sexuelle Fantasien bedienen. Das grundsätzliche Risiko von sexueller Belästigung und Stalking sei bei den jungen YouTube-Stars erhöht, warnt auch der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Die Kinder könnten zudem in der Schule häufiger zur Zielscheibe für Mobbing werden, wenn sie in den Videos besonders emotional gezeigt werden.

    "Spezial"-Ausgabe mit Schmerzensschreien

    Beispiele hierfür gibt es einige. Eines davon ist der damals 15 Jahre alte Cihan, der sich beim Skifahren das Bein bricht: Er schreit vor Schmerz, seine Familie stellt davon eine "Spezial"-Ausgabe auf YouTube. Sie hat mehr als drei Millionen Aufrufe.

    "Best Practices" ohne Wirkung?

    YouTube selbst verweist darauf, dass es stetig Maßnahmen ergreift, um Minderjährige zu schützen. So ist meistens die Kommentarfunktion bei Videos mit Kindern deaktiviert. Außerdem hat YouTube Richtlinien und "Best Practices" für diese Videos veröffentlicht. Darin heißt es, dass die Privatsphäre von Kindern zu respektieren sei. Jugendschutz.net fordert unter anderem, dass YouTube hier konkretere Tabus formuliert. Und dass sich die auch Eltern daran halten.