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Stehen sich bei der Jobsuche immer öfter gegenüber: Mensch und Maschine

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    Die Boss-Maschine: Wenn die KI zum Vorstellungsgespräch bittet

    Künstliche Intelligenz spielt auf dem Arbeitsmarkt eine immer größere Rolle. Algorithmen ranken und analysieren die Kandidatinnen und Kandidaten. Die Hoffnung: effizientere, fairere und bessere Entscheidungen. Kann das gelingen?

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    Von
    • Lennart Bedford-Strohm
    • Christiane Miethge

    Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich auf einen Job und, ob Sie zum Gespräch eingeladen werden, entscheidet nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Computerprogramm. Schon heute setzen 70 bis 80 Prozent der deutschen Unternehmen laut einer Befragung des Institutes for Competitive Recruiting auf so genannte Bewerbermanagement-Systeme. Diese scannen einen Lebenslauf auf Schlüsselqualifikationen und gleichen sie mit der Stellenausschreibung ab.

    Algorithmen sind nicht immer die Schlauesten

    Das Problem: Algorithmen können sehr dumm sein. Ein falsch formatierter Lebenslauf oder fehlende Schlüsselbegriffe - und schon können selbst hervorragend qualifizierte Bewerber eine Absage erhalten. "Wenn zum Beispiel Arbeitgeber und Berufsbezeichnung in einer Zeile stehen, dann können manche Systeme das nicht auslesen. Ähnliches gilt für das Datum, die amerikanische Schreibweise lesen viele der deutschen Systeme falsch aus", erklärt Ben Dehn, der mit seiner Agentur "Die Bewerbungsschreiber" professionell dabei hilft, die Systeme auszutricksen.

    Das klingt nach Suchmaschinen-Optimierung für Lebensläufe. Eigentlich schade, denn immerhin geht es um Menschen und ihre Karrieren. Tatsächlich drängen immer mehr Hersteller auf den Markt, die mit etwas komplexeren selbstlernenden Algorithmen helfen, Bewerberinnen und Bewerber vorzusortieren. Das Versprechen: Einstellungen ohne Diskriminierung wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.

    💡 Die Boss-Maschine

    Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz schon jetzt, wenn es darum geht, Jobs zu finden, Kandidaten auszuwählen oder Bewerbungsgespräche zu führen? In einem Themenschwerpunkt haben Journalisten und Coder vom Spiegel und dem Bayerischen Rundfunk diese Fragen recherchiert und Chancen und Risiken der neuen Technik beleuchtet. Begleitet wurde das Team von Applied AI vom Unternehmertum (TU München).

    Könnte uns also Künstliche Intelligenz dabei helfen, objektiver zu entscheiden? Schließlich entscheidet ein Algorithmus anhand von Daten. Wir Menschen dagegen verlassen uns auf unser Gefühl. Nach zehn Sekunden ist in einem Bewerbungsgespräch meistens klar, ob Sie den Job bekommen oder nicht.

    Forscher der Universität Toledo haben dafür 59 Bewerbungsgespräche analysiert. Auf den Inhalt der folgenden Gespräche kam es dabei gar nicht mehr an. Der Grund: Unser Gehirn gleicht Eindrücke blitzschnell mit unbewussten Denkmustern und Erfahrungen ab. So lenken Vorurteile unsere Handeln, selbst wenn wir meinen, rational zu entscheiden.

    Algorithmen sind allerdings auch nicht unbedingt besser. Ein Beispiel zeigt das besonders eindrücklich: Der Fall Amazon, den Journalisten von Reuters 2018 aufdeckten. Weil Amazon damals stark gewachsen war, wollte das Unternehmen eine Künstliche Intelligenz entwickeln, die eine Vorauswahl der besten Bewerberinnen und Bewerber zusammenstellt. Trainiert wurde der Algorithmus mit einem Datensatz von Amazon-Bewerbungen der letzten zehn Jahre.

    Das Problem: Irgendwann bemerkten die Entwickler, dass die Künstliche Intelligenz weibliche Bewerberinnen herunterstufte. Schuld war der Trainingsdatensatz: Amazon hatte bislang deutlich mehr Männer als Frauen eingestellt; enthalten waren also vor allem Bewerbungen von Männern. Der Algorithmus schloss daraus, dass Männer für Jobs bei Amazon besser geeignet sind als Frauen. Wenn in den Daten menschliche Vorurteile stecken, übernimmt sie auch ein Algorithmus.

    Künstliche Intelligenz kann auch eine Chance sein

    Auch von Gesichtserkennungs-Algorithmen ist schon seit Jahren bekannt, dass sie Menschen mit dunkler Hautfarbe häufig schlechter erkennen. Eine exklusive Datenanalyse zeigte erst kürzlich, dass sich eine von BR-Journalisteninnen und -Journalisten getestete KI von Äußerlichkeiten wie dem Hintergrund, der Helligkeit oder Sättigung des Videobilds beeinflussen lassen kann.

    Dabei könnte in gut designten Künstlichen Intelligenzen tatsächlich eine Chance stecken. Richtig trainiert könnten sie Muster in Personalentscheidungen erkennen. Sie könnten helfen, Vorurteile aufzudecken statt sie zu verstärken. Dafür jedoch bräuchte es vor allem eines: Transparenz. Dagegen wehren sich die meisten Anbieter bislang mit Blick auf das Geschäftsgeheimnis. Warum eigentlich?

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