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"Deutsche Journalisten sollten mehr um ihr Publikum kämpfen" | BR24

© BR/Sissi Pitzer

Der US-Journalismusforscher: Mehr ums Publikum kämpfen

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    "Deutsche Journalisten sollten mehr um ihr Publikum kämpfen"

    Der US-Journalismusforscher Jay Rosen hat drei Monate lang in Deutschland gelebt und die deutschen Medien untersucht. Sein Ergebnis: Die Medien müssen "besser zuhören, Fehler korrigieren, Transparenz üben.“

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    Wenn einer der renommiertesten US-Journalismusforscher unserer Tage sich Deutschlands annimmt und die deutsche Presse monatelang beobachtet und auswertet, kann das gut, aber auch ziemlich negativ ausgehen.

    Zuerst die schlechte Nachricht: Deutsche Journalisten sind zu abgehoben von ihrem Publikum, so Jay Rosen. "Ich finde, sie sollten mehr experimentieren, um mehr in Kontakt mit ihrem Publikum zu kommen. Das heißt: Besser zuhören, Fehler korrigieren, Transparenz üben, zeigen, wie Journalismus arbeitet, Leser, Hörer, Zuschauer einladen, um sich auszutauschen. Nichts voraussetzen, sondern aktiv daran arbeiten, den Kontakt zum Publikum aufzubauen, zu verbessern."

    AfD und die Medien

    Den Aufstieg der AfD sieht der bekannte Journalismus-Professor der New York University ähnlich wie in den USA den Aufstieg der Trump-Unterstützer. Beide Lager bedienten sich derselben Methode: "Die AfD behauptet nicht nur, dass die Medien illegitim sind, Teil des Systems – sie nennt sie ‚Systempresse‘, ‚Lügenpresse‘ – , sondern sie hat auch ihre eigenen Unterstützer, ihre eigenen Medien für ihre Anhänger. Auch wenn es jetzt erst 5 bis 10 Prozent sind – sobald es 30, 40 Prozent werden, verliert man in gewisser Weise die Öffentlichkeit. Also die amerikanische Erfahrung kann eine Warnung sein für deutsche Journalisten."

    30 Prozent des US-Publikums für traditionelle Medien verloren

    Rosen wurde bekannt durch seine Kritik an der journalistischen Objektivität, immer wieder kritisiert er die US-Medien. In den USA, so Rosen, habe man einen Teil des Publikums längst verloren. Die Medien dort hätten sich viel zu lange nur um sich gekümmert und jetzt kümmerten sie sich nur um die Person Trump. "Was wichtiger wäre: Umweltschutz, Gesetzgebung, Steuerpolitik, einfach berichten, wie die Regierung arbeitet", fordert Rosen.

    Er sagt, 30 Prozent der US-Wähler gehörten zum harten Trump-Kern, die nichts glaubten, was in traditionellen Medien berichtet werde. "Das ist eine ernste Situation, denn ein erheblicher Teil der Öffentlichkeit ist in einer Art Informationsschleife gefangen, in der die Hauptquelle für Nachrichten über Donald Trump eben Donald Trump selbst ist. Dieser Teil der Gesellschaft ist für den Journalismus verloren." Der Begriff "Fake News" ist seiner Meinung nach mittlerweile vergiftet. Trump nutze ihn als Waffe um alles niederzumachen. Das sei Propaganda, die aber auf üble Art funktioniere, so Rosen.

    "Deutsche können froh sein, kein Fox News zu haben"

    An Deutschland hat ihn am meisten die journalistische Denkweise überrascht. So sehe er bei vielen Journalisten die positive Pflicht, Minderheiten zu schützen und die extreme Rechte und Linke daran zu hindern, den öffentlichen Raum zu übernehmen. "Sie sehen sich in der Verantwortung, die liberale deutsche Demokratie zu schützen, die in Europa verankert ist. Das ist etwas Gutes, das brauchen wir."

    Die Deutschen, so Rosen, sollten froh sein, dass sie nicht so einen Sender wie Fox News haben. Der fördere in den USA die Polarisierung und den Wandel, bei dem Teile der Gesellschaft in einer anderen Realität zu leben scheinen.