Der Schaulspieler Johnny Depp beim Gerichtsprozess.

Der Schaulspieler Johnny Depp beim Gerichtsprozess.

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    Depp vs. Heard: Der Internet-Prozess

    Depp vs. Heard: Der Internet-Prozess

    Es wird gestreamt, reagiert und nachgeäfft: Der Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard elektrisiert das Netz. Dabei kann die komplizierte Suche nach der Wahrheit auch mal auf der Strecke bleiben.

    Es ist ein Schminkvideo der etwas anderen Art. Eine TikTokerin setzt sich eine Clowsnase auf und panscht mit Schminke auf ihrem Gesicht herum und isst dazu kurzzeitig auch ein Eis. Das wirkt kurios, aber durch den Ton, der unter dem Video liegt, erzeugt der kurze Clip nochmal eine andere, eine beklemmende Wirkung. Denn während die TikTokerin rumalbert, spricht Amber Heard. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Verleumdungsprozess zwischen der Schauspielerin und ihrem Ex-Mann Johnny Depp. In der Szene schildert Heard, wie sie sich Blutergüsse überschminkt hat – und darüber macht sich die TikTokerin lustig. Es gibt auf TikTok zahlreiche ähnliche Videos. Junge Leute äffen Johnny Depp nach oder, häufiger, Amber Heard.

    Ein Gerichtsprozess wird zur Unterhaltungssendung

    Der Prozess, in dem es letztlich auch um die Frage geht, ob Johnny Depp gegenüber seiner damaligen Frau gewalttätig geworden, ist das Boulevard-Thema des Jahres und der erste Gerichtsprozess, in dem TikTok aber auch die Live-Plattform Twitch eine beachtliche Rolle spielen. So unterbrechen junge Leute, die sonst Computerspiele streamen, ihr Programm, um live den Prozess zu zeigen und vor allem zu kommentieren. Twitch ist längst zum globalen Stammtisch geworden und ein Gerichtsprozess zu einer Unterhaltungssendung.

    Das liegt an verschiedenen Faktoren. Da ist zum einen der Prozess an sich, in dem es um Gewalt, Sex und Drogen geht und in dem nicht nur zwei Promis involviert sind, sondern auch noch andere Promis, wie etwa das Model Kate Moss (Ex-Freundin von Johnny Depp) oder der Tesla-Gründer Elon Musk (Ex-Freund von Amber Heard).

    Model Kate Moss, frühere Freundin von Johnny Depp, sagte am 25. Mai im Prozess aus.

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    Pro-Depp vs. Pro-Heard

    Da ist zum anderen die Polarisierung der US-Gesellschaft, die sich auch im Prozess widerspiegelt. Linke und Feministinnen werfen der Pro-Depp-Seite vor, häusliche Gewalt zu verharmlosen. Zudem wird behauptet, die Pro-Depp-Seite sei Teil einer rechten Medien-Kampagne, wofür es aber eher wenig Belege zu geben scheint.

    Auch auf der Pro-Depp-Seite sprießen die Verschwörungstheorien, so wird etwa behauptet, Amber Heard hätte im Gerichtssaal Kokain konsumiert oder ihre Aussagen im Zeugenstand aus "Der talentierte Mr. Ripley" abgekupfert. Der Prozess wirkt wie ein Kriminalfilm, bei dem jeder ein bisschen Ermittler spielen und seine eigenen Theorien zum Geschehen verbreiten kann. Einen Mechanismus, der so ähnlich auch schon beim Entstehen des Verschwörungskultes rund um QAnon zu beobachten war.

    "Anti-Fandom" rund um Amber Heard

    Amber Heard im Gerichtssaal - vor ihr ein Bild mit Johnny Depp und Mitarbeitern aus dem Orient Express vom Ende ihrer Hochhzeitsreise 2015.

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    Hinzu kommt eine Fankultur, bei der es um mehr geht als darum, für ein bestimmtes Stück Popkultur eine gewisse Leidenschaft an den Tag zu legen - nämlich Teile seiner Identität darauf aufzubauen. Dabei geht es nicht nur darum, Filme, Figuren oder Schauspieler besonders gut zu finden, sondern auch darum, bestimmte Filme, Figuren oder Schauspieler besonders schlecht zu finden. Solche "Anti-Fandoms" können sehr identitätsstiftend sein und so ein Anti-Fandom hat sich im Internet rund um Amber Heard gebildet, der im Netz regelrechter Hass entgegenschlägt.

    Der OJ-Simpson-Prozess unserer Zeit

    Der Depp-Heard-Prozess ist heute das, was der OJ-Simpson-Prozess in den 90ern war: Entertainment, diesmal allerdings nicht mehr so sehr im Fernsehen als vielmehr im Netz. Und wie damals auch droht fast in den Hintergrund zu geraten, um was es eigentlich geht, nämlich um zwei Menschen und die komplizierte Suche nach der Wahrheit.

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