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Musik ist für viele eine brotlose Kunst - aber muss das sein?

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    Ist Musik der nächste Bitcoin?

    Streaming wirft wenig Geld ab und Konzerte sind kaum möglich: Wie sollen aufstrebende Musikerinnen und Musiker noch Geld verdienen? Einige Startups schlagen nun vor: Fans sollen in Musik investieren können, wie am Aktienmarkt. Kann das funktionieren?

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    Von
    • Gregor Schmalzried

    Wie sollen aufstrebende Popmusiker heute noch Geld verdienen? Konzerte werden seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder abgesagt oder verschoben. Und Musik-Streamingdienste können kleine Künstler zwar dabei unterstützen, ein Publikum zu finden. Großer Verdienst ist aber nicht zu erwarten – wer kein Star ist, bekommt dort Einnahmen, die verschwindend gering sind.

    In Musik investieren – wie in Aktien

    Wie Musikerinnen und Musiker trotzdem mit ihrer Kunst Geld verdienen können? Einige Startups meinen, die Lösung gefunden zu haben: Fans und Musikbegeisterte sollen in Songs oder Bands investieren können – so wie man auch auf Wertpapiere oder Güter setzen kann.

    Das Prinzip: Wer glaubt, dass in einer jungen Band ein zukünftiger Hit steckt, der kann in sie investieren und der Band dadurch Geld zustecken. Das ist aber mehr als eine einfache Spende – denn sollte der Song der Gruppe tatsächlich die Charts stürmen, steigt entsprechend der Wert der Musik – und der Investor bekommt etwas zurück.

    "Jeder kann zum Musikinvestor werden, schon mit ein paar Euro ist man dann dabei", schwärmt Lukas Rössler vom österreichischen Startup Whaaat. "Der Künstler kann sich endlich seinen Traum erfüllen: Seine Produktion, seine Tour, seine Vermarktungsartikel, wie etwa T-Shirts. Auf der anderen Seite haben wir dem Fan die Möglichkeit gegeben, dass er nicht nur einen Künstler unterstützen kann, sondern wenn es ein Nummer-1-Hit wird, auch richtig viel Kohle damit machen kann."

    Viele Startups versuchen es

    Noch ist Lukas Rösslers Startup im Aufbau - genau wie zahlreiche andere Plattformen, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren: Sie heißen AmplifyX, Royalty Exchange, Vezt oder ANote. Nicht alle davon funktionieren gleich: Bei manchen, darunter auch Whaaat, investiert man in die Verlagsrechte einzelner Songs oder Alben. Whaaat etwa will einen Teil der Rechte selbst einbehalten – man geht also eine Partnerschaft mit der Plattform ein. Andere Startups nutzen die Blockchain-Technologie, um Künstlerinnen und Künstlern einen Wert zuzuschreiben - ähnlich wie bei der sogenannten Kryptowährung Bitcoin. Dieser soll dann mit dem Erfolg der Musik steigen oder fallen.

    Kunst, deren Wert schwankt wie Aktienkurse – ist das noch Kunst? Lukas Rössler kann verstehen, dass nicht jeder das Konzept mit offenen Armen aufnimmt: "Aus der Branche habe ich ganz unterschiedliche Kommentare gehört. Auch: 'Würde ich nie machen'." Aber viele würden in dem Modell eine Chance sehen – nicht zuletzt, da man in der Kunst immer schwerer an Geld kommt. "Weil ich auch selbst Sänger in einer Band war, musste ich genau das erfahren", erzählt Rössler, der jahrelang in einer Pop-Rock-Band aktiv war. "Es ist einfach sehr schwierig, die Produktionen finanziert zu bekommen, das Mixing, Mastering, aber auch Techniker oder Merchandising."

    Von der Kunst zu leben ist schwer

    Sandra Gern kennt dieses Problem. Die Münchner Radiomoderatorin hat vor kurzem mit ihrem Musikprojekt Polar Noir ihren ersten Song veröffentlicht – vorerst rein als Hobby. Das liegt auch daran, dass die Musik kaum eine finanzielle Perspektive bietet: "Wenn man das länger machen möchte, dann stellt sich natürlich schon die Frage: Von welcher Zeit? Wenn ich das mehr machen möchte, dann muss ich irgendwann weniger arbeiten. Und wenn ich weniger arbeite, sollte ich vielleicht mit der Kunst ein bisschen was verdienen."

    Auch wenn Sandra Gern sich selbst nicht vorstellen könnte, ihre Songs auf einer Internetbörse als Investment-Objekt anzubieten, kann sie Musikerinnen und Musiker verstehen, die sich darauf einlassen wollen. "Was ist denn die Alternative?", fragt sie. "Man muss neue Wege finden, wie man irgendwie Geld verdienen kann. Ich finde das interessant."

    Kunst oder Kommerz?

    Und was ist mit der Kommerzialisierung der Kunst? "Viele Menschen glauben, die Musik sei ein glorreiches Leben", sagt Sandra Gern – die als Moderatorin schon zahlreiche Berufsmusiker und Bands interviewt hat. "Aber wenn wir uns angucken, wie einzelne Bands in der Vergangenheit vermarktet wurden? Oder Britney Spears? Da ging es immer um Kohle, da ging es immer um die Bewertung und die Vermarktung von den Menschen."

    Noch hat keiner der geplanten Investmentmärkte für Musik ein großes Publikum angezogen. Für viele Künstler würde ein solcher Schritt eine Abhängigkeit von Zahlen und Investoren bedeuten, die sie sich nicht wünschen. Auch werfen einige der Plattformen bedenkliche Fragen auf: Wäre es – wie am Aktienmarkt – auch möglich, gegen einen Musiker zu wetten? Und was, wenn das Startup stillgelegt wird? Sind die die Investitionen dann verloren?

    Erste Erfolge von sogenannten NFTs, mit denen digitale Besitzrechte für Kunstwerke verkauft werden können, lässt manche jedoch vermuten, dass sich das bald ändern könnte. Dass Musikerinnen und Musiker bald dadurch bezahlt werden, dass massenhaft auf den Erfolg ihrer Musik spekuliert wird, mag aktuell noch abwegig klingen. Es ist jedoch realistischer als dass bald alle wieder CDs kaufen.

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