Sich für Geld beim Schlafen stören lassen: Damit verdienen manche Streamer gerade viel Geld.

Sich für Geld beim Schlafen stören lassen: Damit verdienen manche Streamer gerade viel Geld.

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    Internet-Trend: Menschen gegen Geld um den Schlaf bringen

    Internet-Trend: Menschen gegen Geld um den Schlaf bringen

    Zehntausende Euro verdienen Live-Streamer aktuell damit, sich von ihren Followern vom Schlafen abhalten zu lassen. Gegen Geld wird der Schlafende mit Lärm oder Elektroschocks traktiert. Warum schauen Menschen sich das an?

    34.000 US-Dollar hat der australische TikToker Jakey Boehm laut Wired im Mai 2022 verdient – und das im Schlaf. Oder besser gesagt: Im Nicht-Schlaf. Boehm ist "Interactive Sleep Streamer", was übersetzt heißt: Er filmt sich beim Schlafen und lässt sich – ganz interaktiv – von Usern dabei stören.

    Die Zuschauer können gegen Geld bestimmte Gerätschaften in seinem Zimmer steuern. Sie können zum Beispiel die Musik anschalten oder Videos laut abspielen, eine Lufttänzer-Figur aufblasen, wie man sie sonst vor Autohäusern sieht, bunte Lichter aktivieren oder eine Seifenblasenmaschine. Das heißt: Boehm kann zwar kein Auge zu machen, kassiert aber dafür.

    Gefahr für Nachahmer

    Und er ist damit nicht allein: Ein Youtuber namens AsianAndy zeigt in einem Video, dass er 16.000 Dollar an Spenden eingenommen habe. Auch er ließ sich mit lauten Metal-Songs und anderen Ablenkungen vom Schlafen abhalten. Laut Wired gibt es mittlerweile zahlreiche weitere Internet-User, die ihr Glück mit Schlafstörungstreams versuchen.

    Genau darin steckt jedoch auch eine Gefahr, wie Brooke Erin Duffy von der Cornell Universität in Wired anmerkt. Viele der Möchtegern-Schlafstreamer werden demnach in dieser winzigen Nische keinen Platz finden, zumal viele der jetzt finanziell erfolgreichen Schlafstörungsstreamer schon vorher viele Follower hatten. So mancher wird seine Gesundheit aufs Spiel setzen und damit nichts oder nur sehr wenig verdienen.

    Bunte Welt der Streaming-Trends

    Weniger gesundheitsschädlich aber wohl auch umkämpfter dürfte da ein verwandter Streamingmarkt sein: Das Schlaf-Streaming. Dabei filmen sich Menschen schlicht beim Schlafen. 2021 berichtete PC Games etwa über die Twitch-Streamerin Amouranth, die sich beim Schlafen filmte, um neue Abonnenten zu gewinnen. Etwas, was bei der Streaming-Plattform Twitch bares Geld wert ist. Sie hatte Erfolg, verdiente tausende Euro im Schlaf.

    In Südkorea gibt es darüber hinaus seit Längerem einen Trend namens Mukbang, bei dem Menschen sich beim Essen filmen und dies live-übertragen. Oftmals geht es um große Portionen, das ist aber nicht zwingend. Daneben gab es 2019 auch Berichte über einen Gongbang-Trend in Asien bei dem Menschen sich beim Lernen filmten und andere dabei zuschauten. Solche Videos gab es seither unter dem Stichwort "Study with me" auch in Deutschland. Bei Youtube erreichen die Videos teils zehntausende Klicks – ohne dass viel passiert außer, dass Menschen lesen und Notizen machen.

    Weniger allein sein

    Warum schauen Menschen sich das an? Hier gibt es wohl verschiedene Motive. Zunächst einmal stammen erfolgreiche Streams eben oftmals von Kanälen, die bereits zuvor eine gewisse Reichweite hatten. So ist etwa der Schlafstörungsstreamer AsianAndy bereits seit 2006 bei Youtube vertreten und erreichte schon weit vor seinem Schlaf-Video hunderttausende Follower. Auch die Streamerin Amouranth war schon vor ihren Schlafstreams bereits als Kostümdesignerin bekannt und streamte auch schon seit Jahren für zahlreiche Menschen live.

    Da wäre also einmal Star-Power, Fans, die ihre Idole verfolgen wollen. Es gibt jedoch noch weitere Gründe, warum das Streamen solch banaler Aktivitäten wie schlafen oder essen Zuschauer anzieht. Eine Studie zum Thema Mukbang sieht hier vor allem soziale Motive als als Treiber. Menschen schauen zu, um weniger alleine zu sein. Daneben gibt es wohl jedoch auch eine weitere Komponente: den Wunsch nach Unterhaltung oder Alltagsflucht oder aber die Anschauen der Videos als Ersatzhandlung für das tatsächliche Essen von großen Portionen oder von Junkfood.

    Freud und Leid?

    All diese Komponenten dürften auch beim aktuellen Trend der Schlafstörungsstreams eine Rolle spielen. Sie dürften jedoch ergänzt werden, durch eine Lust daran, andere Menschen leiden zu sehen. Ersteres kann man auch auf Horrorfilme, Youtube-Fail-Compilations oder Formate wie das Dschungelcamp beziehen. Auch hier leiden Menschen vor der Kamera und mancher schaut fasziniert zu. Der Psychologe Stephen B. Mason erklärte das in Psychology Today schon 2010 so: "Die Freude kommt daher, dass es einen nicht selbst trifft". Man erlebe Erniedrigung, Gefahr, Angst nur stellvertretend – und spüre keine Konsequenzen. Das erzeugt ein Gefühl von Komfort, Sicherheit, Macht und Kontrolle, so Mason.

    Einige Zuschauer nutzen die Schlafstörungsstreams aber sogar, um anderen aktiv Leiden zuzufügen. Zahlen, damit sie Stromschläge verpassen oder mit Lärm quälen dürfen. Hier könnten über die genannten Motive hinaus, gewisse sadistische Persönlichkeitszüge eine Rolle spielen. Sadistische Persönlichkeitsstörungen werden zwar nicht mehr offiziell im US-Klassifikationssystem der Psychiatrie aufgeführt, werden jedoch weiterhin von vielen Experten weiter genutzt, wie der Therapeut Anthony Smith in Psychology Today schreibt. Solche sadistischen Persönlichkeiten zeichnen sich demnach eben unter anderem dadurch aus, dass es ihnen Freude bereitet und das Gefühl von Macht gibt, das Leid anderer zu beobachten oder gar zu kontrollieren. Auch die Befriedigung solcher Bedürfnisse könnte für einige User eine Motivation sein, einzuschalten oder andere gar aktiv um den Schlaf zu bringen.

    Unbekannt oder neu ist dieser Hang bei Netz-Usern offenbar keineswegs: Schon 2014 brachte eine Studie etwa auch "Trolling", also das Stören und Zerstören von Diskussionen im Internet durch Provokationen und Beleidigungen, mit sadistischen Persönlichkeitszügen zusammen, wie Heise damals berichtete.

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