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Fingerabdruckscanner am Flughafen in Lissabon. Das ist die alte Welt - künftig könnte ein KI-basiertes System den Einreisekontrolleuren helfen.
© Patricia De Melo Moreira/EC Audiovisual Service

Autoren

Tobias Schießl
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Fingerabdruckscanner am Flughafen in Lissabon. Das ist die alte Welt - künftig könnte ein KI-basiertes System den Einreisekontrolleuren helfen.

Stau bei der Einreise: Mehr als 700 Millionen Menschen betreten die EU jedes Jahr. Das bedeutet: enorme Arbeit für die Grenzbeamten, die die hohen Standards gewährleisten müssen – beim Überprüfen der Reisedokumente und der biometrischen Daten von Einreisenden aus Drittstaaten.

Unterstützung von "iBorderCtrl"

Aber vielleicht bekommen sie bald tatkräftige Unterstützung – von einer künstlichen Intelligenz, einem umfassenden intelligenten Computersystem: "iBorderCtrl", ein System das Gefährder leichter identifizieren, aber auch die gesamte Grenzabwicklung schneller und effektiver machen soll.

Das Pilot-Projekt wird von der EU gefördert und an ihm sind eine Vielzahl europäischer Forschungsinstitute und Unternehmen beteiligt, etwa aus Griechenland, Spanien, Großbritannien, Ungarn, Lettland.

"iBorderCtrl" umfasst Hard- und Software und ist ein hochentwickeltes KI-basiertes System. Teile davon nutzen die Grenzbeamten vor Ort, zum Beispiel als Mobilgeräte, andere sind Teil eines "Pre-Checks". Das Computer-Hirn im Hintergrund gleicht Daten ab, analysiert.

Avatar soll Lügen entlarven

Eine der wichtigsten Analysen findet bereits statt, bevor man überhaupt einem Grenzbeamten begegnet. Ein Avatar auf dem Bildschirm führt nämlich noch vor dem Grenzeintritt ein Gespräch mit der Person, die in die EU einreisen möchte. Dabei achtet die KI akribisch auf kleinste Regungen in unserer Mimik und erkennt, wenn wir lügen. Wer lügt, wird dann im Anschluss sehr viel genauer durchleuchtet.

Zusammenspiel des Systems mit den Kontrollen vor Ort

Zusammenspiel des Systems mit den Kontrollen vor Ort

Nur, wieso darf ein KI-Lügendetektor entscheiden, wer wie gründlich kontrolliert wird? In deutschen Gerichten etwa sind Lügendetektoren auch aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit als Beweismittel nicht zugelassen.

Außerdem kann eine KI auch nur so gut sein, wie sie trainiert wurde. Der Praxis-Test der "iBorderCtrl"-KI im Einsatz an den Grenzen steht erst noch an.

Bislang nur Forschungsprojekt

Tina Krügel ist Professorin für Rechtsinformatik an der Uni Hannover. Auch ihr Institut ist an dem Pilot-Projekt beteiligt als eine Art Kontrollinstanz. Sie forscht zu den ethischen und juristischen Fragen, die das Projekt aufwirft.

"Tatsächlich trifft die KI die Entscheidung nicht. Die KI wird in dieser Konstellation hier einfach nur eine Risikobewertung abgeben." Tina Krügel, Uni Hannover

Ähnlich wie einer Bonitätsprüfung. In dem Fall der Einreise-Entscheidung, bleibt genau diese letzte Bewertung und Entscheidung beim Grenzbeamten. Aber auch das wäre derzeit noch problematisch – und ist ein Grund, warum "iBorderCtrl" noch ein Forschungsprojekt ist:

"Es ist natürlich so, dass dieser Score-Wert, der da am Ende rauskommt, den Grenzbeamten beeinflussen wird. Insofern ist das per se eigentlich verboten, sagt das Gesetz. Es sei denn, es gibt eine Rechtsgrundlage dafür. Die müsste hier eben geschaffen werden, und dann müssen Safeguards, also Sicherungen, eingebaut werden." Tina Krügel, Professorin für Rechtsinformatik

Sicherungen wie eine zuverlässige Datenbasis, aufgrund der die KI Entscheidungen fällt. Es müssen Datenkategorien grundsätzlich ausgeschlossen werden, die Diskriminierung erlauben. Höchste Standards für Datensicherheit etabliert werden. Das System immer wieder aufs Neue überprüft werden. Und: Die Kontrolle und Einhaltung dieser Sicherungen in die Hand einer Ethikkommission gegeben werden.

"Ich halte es bisher schon – was ich gesehen habe – für ganz erfolgsversprechend. Ob es dann am Ende eingesetzt wird, ist eine andere Frage. Aber dass das Projekt am Ende wirklich mit einem Erfolg endet, das halte ich für sehr wahrscheinlich." Tina Krügel, Uni Hannover

Forschungs-Ergebnisse wird das Projekt auf jeden Fall liefern. Vielleicht kann uns künstliche Intelligenz ja tatsächlich zuverlässig beim Lügen entlarven. Oder die Erkenntnis ist, dass intelligente Lügendetektoren am Ende vielleicht doch nicht so intelligent sind.

Autoren

Tobias Schießl

Sendung

Das Netzmagazin vom 18.11.2018 - 18:35 Uhr