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Hype-App "Clubhouse": Zutritt nur für Coole - und Hassprediger? | BR24

© dpa-Bildfunk/Christoph Dernbach

So sieht ein Gesprächsraum bei Clubhouse aus.

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    Hype-App "Clubhouse": Zutritt nur für Coole - und Hassprediger?

    Es ist der Social-Media-Hype der Stunde: Influencer und solche, die es gerne wären, schwärmen von einer App namens "Clubhouse". Der Zugang ist limitiert und das Potential ist da - genauso wie Hate Speech & Co.

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    Von
    • Thomas Moßburger

    Der Reiz eines Clubhauses leuchtet wohl fast jedem ein. Ob man nun an Bauwagen und Gartenhütten als Cliquen-Treffpunkte auf dem Land denkt oder an das schicke Gebäude des Golfclubs, zu dem nur Mitglieder Zugang haben.

    Es sind Orte mit begrenztem Zutritt, wo Menschen von Eltern und Gesellschaft ungestört sind. Viele Außenstehende würden da nur allzu gern Mäuschen spielen und hören, über was da so geplaudert wird. Auf dieser Basis funktioniert letztlich auch die App "Clubhouse", die in den vergangenen Tagen durch die Instagram-Storys und Twitter-Kanäle der Influencer dieser Welt geisterte. Wir klären die wichtigsten Fragen zur Hype-App, die es bislang nur für iOS gibt.

    1. Was ist Clubhouse?

    Kurz gesagt: Eine App, bei der man die Gespräche anderer Menschen mithören kann. So ähnlich wie bei Podcasts, nur eben live, und außerdem spontaner und interaktiver. Es können ungeplante Gäste dazukommen oder auch die jeweiligen Nutzer selbst können als Zuhörer Teil des Gespräches werden. Jeder der Gesprächsteilnehmer spricht schlicht in sein Handy. Man hört nur Stimmen der Teilnehmer, Videoaufnahmen gibt es nicht.

    Der Nutzer klickt sich dafür durch eine Auswahl an aktuell stattfindenden Gesprächen, ähnlich wie man sich bei einer Konferenz spannende Vorträge aussuchen würde. Jedes Gespräch hat einen Titel und findet in einem Gesprächsraum statt, dem in der Regel jeder beitreten kann. Dort gibt es dann Moderator, Sprecher und Gäste. Der Moderator erstellt den Raum und leitet das Gespräch und kann Sprecher hinzufügen oder entfernen, die Sprecher unterhalten sich, die Gäste hören zu, können sich aber per Meldung ins Gespräch einschalten. Mit Texten kommentieren oder Liken kann man nicht.

    2. Woher kommt der Hype?

    In den USA gibt es die App bereits seit Frühjahr 2020, nun ist der Hype auch in Deutschland angekommen. Er dürfte nicht zuletzt dem klassischen Marketing-Trick der Verknappung geschuldet sein. Aktuell kommt man in die Clubhouse-App nämlich nur auf Einladung eines Nutzers. Und jeder Nutzer hat lediglich zwei Einladungslinks zur Verfügung. Außerdem ist die App derzeit nur für iPhones erhältlich, was den Zugang exklusiver macht.

    Anders gesagt: Wer nicht dabei ist, ist nicht cool. Das sorgt wiederum dafür, dass Leute, die viel wert darauf legen, zu den coolen Kids zu gehören, sich Einladungen besorgen und bekannt geben, dass sie dabei sind. So häufen sich bei Twitter und Instagram die Posts von Prominenten und Influencern, die stolz einen Screenshot ihres Clubhouse-Profils präsentieren. In Deutschland sind etwa FDP-Chef Lindner, SPD-Vize Kühnert, Klimaaktivistin Neubauer, Klaas Heufer-Umlauf sowie große Influencer und Startup-Gründer dabei.

    In der Hoffnung zu diesem Kreis gehören zu können, Teil von etwas Großem zu sein, melden sich immer mehr an. Im App-Store von Apple hat "Clubhouse" Telegram von Platz zwei der aktuell meist heruntergeladenen Apps gestoßen. Auf Platz eins liegt der WhatsApp-Konkurrent Signal. Bei Ebay wurden Einladungen gegen Geld angeboten.

    3. Brauchts das?

    Der "Nutzen" der App dürfte wohl irgendwo zwischen Twitter und Podcasts liegen. So kann man in Clubhouse wie bei Twitter auf spannende Themen und Persönlichkeiten aufmerksam werden, Informationen erhalten, Meinungen zu Themen erfahren. Wie bei Twitter sind Politiker, Künstler, Promis, Wissenschaftler, Experten, Normalos dabei und geben Haltungen und Wissen weiter und stoßen Debatten an.

    Anders als bei Twitter tun sie das nicht in 280 Zeichen, sondern können in den Audio-Gesprächen ausholen und in die Tiefe gehen. Das kennt man wiederum eher von Podcasts oder Radio-Sendungen. Podcasts oder Radio entstehen jedoch meist wenig spontan, sondern werden geplant, mehr oder weniger professionell aufgenommen, bearbeitet und in Formate gegossen. Das bedeutet Aufwand und führt dazu, dass nicht jeder interessante Mensch einen Podcast hat oder ständig im Radio zu hören ist. Die Chance, dass so eine Person sich künftig spontan bei einem Gespräch einklinkt oder kurzfristig bei Clubhouse seine Sicht auf ein aktuelles Ereignis erläutert, ist da deutlich höher.

    Der Mehrwert von Clubhouse könnte also vorerst sein, dass man dort einen tiefergehenden Einblick in die Gedanken und Informationen von spannenden Menschen erhält und/oder auf spannende Themen stößt. Statt nur kurz zu twittern könnten sich Christian Lindner und Kevin Kühnert künftig bei Clubhouse eine halbe Stunde über eine aktuelle Entscheidung der Bundesregierung unterhalten, ganz ohne das ein Radiosender das organisiert. Ein CDU-Politiker könnte sich spontan dazuschalten. Auch Otto-Normal-Verbraucher kann eine Frage stellen oder mitreden.

    Gleiches gilt für lockere oder informative Gespräche über Fußball, Gott, Kaugummi-Sorten oder Quantenphysik. Vielleicht wird auch der ein oder andere Clubhouse-Star aus dem Nichts entstehen: Ein im Moment noch völlig Unbekannter, der es schafft, besonders spannende Gespräche zu führen oder vielleicht einfach nur Geschichten erzählt, denen anderen gerne beim Einschlafen zuhören. Aktuell sind offenbar vor allem Gespräche über "Business" bei Clubhouse zu finden: Gründer unterhalten sich etwa darüber, was man machen muss, um eine App oder ein Produkt groß rauszubringen.

    Kurz gesagt: Wer gerne Podcasts oder Wort-Radio hört, kann bei Clubhouse unter Umständen gerade zu Beginn so manche Perle finden, die man in der Podcast-Landschaft lange sucht. Der Live-Aspekt führt zudem dazu, dass mancher sich kaum trauen wird, die App zu schließen, da er vermeintlich etwas Spannendes verpassen könnte. Schon jetzt beschreiben zumindest Influencer Clubhouse als ultimativen Produzenten von "FOMO" (Fear Of Missing Out/Angst, etwas zu verpassen).

    4. Alles super bei "Clubhouse"?

    Wie andere Silicon-Valley-Startups, die von User-Content leben, sieht sich auch Clubhouse wohl selbst gerne am liebsten als reine Agora, als digitale Verlängerung des Marktplatzes der griechischen Polis, wo die freien Stadtbürger Ideen austauschen, um die Gemeinschaft voranzubringen. Die Realität scheint jedoch auch bei Clubhouse eine andere zu sein. Clubhouse kämpft schon zu Beginn mit den Problemen, die auch alteingesessene soziale Netzwerke seit Jahren beschäftigen: Hass, Falschinformationen, Betrug.

    In den USA kamen schon bald nach dem Start erste Berichte auf über Antisemitismus, Rassismus und Sexismus in der App. So werden eben nicht nur spannende Ideen und Wissen diskutiert, sondern auch Menschen angefeindet oder Falschinformationen verbreitet.

    Die US-Journalistin Taylor Lorenz, die für die New York Times schreibt, befüllt seit Herbst bei Twitter eine lange Liste von rechten Bloggern als Gesprächsteilnehmern, Gespräche über jüdische Weltverschwörungen, Gesprächsrunden für Hass über Homosexuelle, Hetze gegen Muslime, Gesprächsräume, wo man "lernen" können soll, wie man seine Frau "trainiert", falsche Ärzte, die falsche Informationen verbreiten. Auch über vermeintliche Business-Gurus und Betrugsmaschen bei Clubhouse wird dort berichtet.

    In diesem Twitter-Thread sammelt die Journalistin Lorenz kritische Berichte und Informationen über Clubhouse:

    Wirklich erfolgreich im Aussortieren von solchen Inhalten scheint Clubhouse bisher noch nicht zu sein. Man kann dort bisher Verletzungen der Clubhouse-Richtlinien melden, dann wird das Gespräch überprüft. Rassistische Meinungen durch Gegenrede aufzudecken und zu entlarven, funktioniert ohne Kommentarfunktion oder ähnliches natürlich nicht. Die Plattform will künftig offenbar den Moderatoren der Gesprächsräume das Rüstzeug zum Regulieren von Gesprächen an die Hand geben.

    Twitter, Facebook und Co. brauchten mehr als 15 Jahre, um nun 2020 so langsam damit zu beginnen, mehr gegen Hass und Hetze zu tun, etwa mit der Sperre von Donald Trump nach dem Angriff auf das Capitol. Pünktlich zu diesem Zeitpunkt scheint mit Clubhouse eine App groß rauszukommen, die Meinungen, egal wie gefährlich und feindselig sie sind, und denjenigen, die solche Meinungen verbreiten, eine neue Heimat und Bühne geben könnte. Zumal das Moderieren von Audio-Gesprächen noch deutlich komplexer sein dürfte, als das von Texten oder Bildern.

    Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Datenschutz. So will die App offenbar Zugriff auf die Telefon-Kontakte ihrer User. Das will auch WhatsApp seit Anfangszeiten und das sorgte bereits für erhebliche Kritik an der beliebten Messenger-App. Schließlich landen so auch Daten von Menschen auf den Clubhouse-Servern, die mit der App nichts zu tun haben.

    5. Und wie geht es weiter?

    Noch ist die App offiziell in einer Testphase und nur iPhone-Usern mit Einladungen zugänglich. Wann die App auch für Android-Nutzer und Menschen ohne Einladung verfügbar sein wird, ist noch unklar. Denkbar ist durchaus, dass der Hype endet bevor die Android-App ausgeliefert wird. Letztlich steht und fällt die Clubhouse-App wohl damit, ob sie spannenden Content liefern kann, der sich deutlich von Podcasts und Radio unterscheidet. Indem die Gespräche etwa wirklich interaktiver sind als Podcasts oder indem es wirklich gelingt, nach einem Ereignis schneller spannende Analyse-Gespräche mit Experten oder Entscheidungsträgern zu liefern als das Radio.

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